Costa Rica: Das Paradies kehrt zurück

Die Osa-Halbinsel gilt als Musterbeispiel für den Naturschutz. Aber der schwächelnde Tourismus stellt Costa Rica auf eine harte Probe.

Veröffentlicht am 25. Feb. 2021, 16:00 MEZ, Aktualisiert am 1. März 2021, 09:19 MEZ
Costa Rica: Das Paradies kehrt zurück

Am Strand von Cabo Matapalo, einem populären Surfgebiet an der Südspitze der Osa-Halbinsel, schiebt sich der Wald bis dicht an die Wasserlinie. Der Naturschutz ist eng an Einkünfte aus dem Tourismus geknüpft, die seit Beginn der Pandemie nur noch spärlich fließen.

Bild Charlie Hamilton James

Caledonia Tellez erinnert sich nicht mehr daran, wann sie auf die Osa-Halbinsel zog. Wie alt sie damals war. Den Grund weiß sie allerdings noch genau: frei verfügbares Land. Zu jener Zeit stellte die hakenförmige, 1800 Quadratkilometer große Halbinsel an der südlichen Pazifikküste Costa Ricas bewaldetes Grenzland dar, abgetrennt durch eine Landzunge aus Mangroven. Fast ausschließlich per Boot erreichbar. Celedonia war schwanger, als sie dort ankam. Ihren Lebensgefährten hatte sie auch dabei, doch der „hasste die Natur und lief vor Insekten davon“, erinnert sie sich. Also griff sie selbst zur Axt und rodete das Land. „Als ich die Bäume fällte, dachte ich darüber nach, wie lange es wohl gedauert hatte, bis sie so groß geworden waren. Und ich schlug sie einfach so um“, sinniert Celedonia. „Genau das taten wir: den Wald roden, um hier leben zu können.“

Rund 40 Jahre später bewohnt Doña Celedonia, wie sie hier genannt wird, noch immer dasselbe Stück Land in der Kleinstadt La Palma. Als ich sie im Juni 2019 traf, führte sie mich sicheren Schrittes durch ihr Haus und ihren Garten. Nichts ließ mich ahnen, dass sie fast blind ist. Jener Tag war für Doña Celedonia eine Art Wiedergutmachung. Statt den Wald zu roden, gab sie ihm ein Stück zurück. Auf ihre Einladung hin hatte die gemeinnützige Umweltorganisation Osa Conservation ein Netzwerk von lokalen und staatlichen Naturschutzgruppen dazu aufgerufen, nach und nach 1700 Setzlinge heimischer Baumarten auf dem neun Hektar großen Farmgelände zu pflanzen.

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Am Tag des Baumes, der jedes Jahr in Costa Rica ausgiebig zelebriert wird, waren ein Großteil von Doña Celedonias sechs Kindern, 16 Enkeln, 14 Urenkeln und Nachbarn zum Feiern zusammengekommen. Gegen Mittag schlenderten alle zum Bachlauf, um Doña Celedonia beim Pflanzen des. symbolischen letzten Baums zuzusehen. Ihr Enkel Pablo grub ein Loch. Doña Celedonia, der die allgemeine Aufmerksamkeit sichtlich unangenehm war, beugte sich vor und versenkte den Wurzelballen im Erdboden. „Vielleicht werde ich meine ganze Farm in einen Wald zurückverwandeln“, sagte sie, während sie sich die Erde von den Fingern wusch.

Fruchtbare Region und vielfältiges Habitat

Hektar für Hektar zählt die Halbinsel Osa zu den fruchtbarsten Gebieten der Erde. Sie umfasst weniger als ein Tausendstel Prozent der Oberfläche unseres Planeten und beherbergt doch 2,5 Prozent seiner Lebensformen. Die vielfältigen Habitate – Nebelwald, Tieflandregenwald, Sümpfe, Mangroven, Süßwasser- und Küstenlagunen – bieten Tausenden von Arten Zuflucht: lautstarken Schwärmen Hellroter Aras, Klammeraffen und anderen Tieren, die in ihren ursprünglichen Verbreitungsgebieten dezimiert wurden oder ganz verschwanden.

Fünf Wildkatzenarten durchstreifen die Wälder der Halbinsel, und vier Arten von Meeresschildkröten kriechen zur Eiablage ihre Pazifikstrände hinauf. Doch das Ökosystem der Osa-Halbinsel ist fragil. Zweimal stand es kurz vor dem Zusammenbruch – nicht wegen großer kommerzieller Interessen, sondern aufgrund des zunehmenden Einflusses ganz gewöhnlicher Menschen, die Wälder zur Landgewinnung roden oder in den Flüssen nach spärlichen Goldvorkommen suchen.

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In den letzten Jahren haben sich jedoch einige Kommunen auf Osa zu leidenschaftlichen Beschützern jener Umwelt entwickelt, die sie einst ausbeuteten. Statt uralte Bäume zur Holzgewinnung zu fällen, legen sie Pfade für Ökotouristen an; statt verbotenerweise Wild zu jagen, stellen sie nun illegalen Jägern nach.

Fehlende Einnahmen

Neuerdings steht die Region aber vor einer neuen Bedrohung. Die Covid-19-Pandemie hatte bereits verheerende Folgen für Costa Ricas Wirtschaft, denn sie kappte den Fluss der Einnahmen aus dem Tourismus. In den Herzen und Köpfen der Bewohner von Osa wächst zwar eine Naturschutzethik. Doch die wirtschaftliche Situation bereitet ihnen Sorgen. „Die Menschen hier sind sehr naturverbunden“, sagte Hilary Brumberg von Osa Conservation, die das Aufforstungsprojekt auf Doña Celedonias Farm leitete. „Wenn es aber darum geht, die Familie zu ernähren oder die Natur zu schützen, steht die Familie an erster Stelle.“ (…)

Erfolge durch wegweisenden Wiederaufforstungspolitik

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte man die Wälder, die einst 75 Prozent des Landes bedeckten, gerodet. Man wollte Nutzholz gewinnen und Platz für die Rinderhaltung und den Anbau von Feldfrüchten schaffen. Der Baumbestand schrumpfte auf knapp ein Fünftel der gesamten Landesfläche.

Doch Mitte der Neunzigerjahre ergriff die Regierung Maßnahmen, um diesen Trend nicht nur aufzuhalten, sondern umzukehren. Sie verabschiedete ein Gesetz, das jegliches Abholzen von Bäumen ohne detaillierten Bewirtschaftungsplan verbot. Darüber hinaus rief sie ein Programm ins Leben, das Grundbesitzern für den Erhalt ihrer Waldgebiete und das Anpflanzen neuer Bäume Prämien zahlte, finanziert durch eine landesweite Benzinsteuer. In nur 25 Jahren hat sich der Waldbestand in Costa Rica mehr als verdoppelt. Das Land befindet sich auf gutem Weg, sein Ziel, eine Bewaldung von 60 Prozent bis 2030, zu verwirklichen. (..) 

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Eine Studie aus den Neunzigerjahren hatte ergeben, dass außerhalb des Corcovado-Nationalparks, der einen Großteil der westlichen Halbinsel einnimmt, praktisch keine Wildtiere vorkamen. Mittlerweile beobachtet man Tiere in Gebieten, aus denen sie zuvor durch Jagd vertrieben wurden. Pumas wurden früher selten im Park und niemals jenseits seiner Grenzen gesichtet; inzwischen erholen sich ihre Populationen wieder. Auch die Ozelotbestände regenerieren sich, ebenso die der Jaguarundis, einer weiteren kleinen Wildkatze. Die zu den Nabelschweinen zählenden Halsbandpekaris kommen im Nationalpark Piedras Blancas auf der anderen Seite des Golfo Dulce oft vor. Weniger gut geht es dagegen einer verwandten Art, den Weißbartpekaris, außerhalb des Corcovado-Nationalparks – nicht ganz unerwartet, denn ihr Fleisch gilt als Delikatesse.

Darüber hinaus ziehen sie in großen Herden umher, die für Jäger eine leichte Zielscheibe darstellen. Weißbartpekaris sind zudem eine Lieblingsbeute der Jaguare. Auch diese Raubkatzen müssen außerhalb der Nationalparkgrenzen darum kämpfen, zu ihrer früheren Populationsgröße zurückzufinden. Will man ein gesundes Ökosystem auf Osa erhalten, so besteht die Aufgabe darin, es zu hegen und zu pflegen. Durch das Anpflanzen von Bäumen auf strategisch günstig gelegenen Privatfarmen wie Doña Celedonias fördert Osa Conservation daher die Wiederbewaldung der Halbinsel. Die Uferbepflanzung von Bächen und Flüssen in bewirtschafteten Regionen zeigt bereits kurzfristig Wirkung. Sie spendet Nutztieren Schatten, verringert die Bodenerosion und bietet Vögeln und anderen Wildtieren einen Lebensraum.

Langfristig zielt sie darauf ab, einen zusammenhängenden grünen Korridor zu schaffen: von Corcovado über Piedras Blancas bis zum riesigen Parque Internacional La Amistad im Talamanca-Gebirge, das von Costa Rica bis nach Panama reicht. Ein solches Vorhaben erfordert nicht nur eine umweltfreundliche staatliche Politik, sondern auch die Zustimmung der lokalen Bevölkerung – jedes einzelnen Farmers und Ranchers.

Artenreichtum vs. Mensch

Ein Grund für den Artenreichtum der Osa-Halbinsel ist das weitgehende Verschwinden einer Spezies – des Menschen. Bis in die Sechzigerjahre lebte in dieser Gegend nur eine Handvoll knorriger Goldsucher, Landbesetzer und Geflüchteter, die allgemein als Gesetzlose verrufen waren und daher die übrige Bevölkerung auf einen weitreichenden Abstand hielten. Zu jener Zeit waren 80 Prozent der Halbinsel noch von Primärwald bedeckt. Das änderte sich allerdings in den frühen Siebzigerjahren. Begünstigt durch die Fertigstellung der Carretera Interamericana, verdoppelte sich die Einwohnerzahl auf etwa 6000 Menschen, die vorwiegend einen bereits erschlossenen Landstreifen im Osten bewohnten.

Die ungenutzten Landflächen gehörten mehrheitlich einem transnationalen Holzhandelsunternehmen, das zu weit entfernt gelegen war, um irgendeine Kontrolle auszuüben. Wer sich ein Stück Land rodete, konnte es praktisch sein Eigen nennen. Mittlerweile hatte eine Forschungsstation eine weitere Unterart des Menschen angelockt: ausländische Wissenschaftler. Als die Siedler zunehmend in das artenreiche Corcovado- Becken auf der Westseite vordrangen, schlugen die Forscher Alarm: Wenn man nicht bald ein Naturschutzgebiet einrichtete, würden die Wälder mitsamt ihrer Artenvielfalt verschwinden. Unter Federführung von Álvaro Ugalde, dem Gründer des costa-ricanischen Nationalparksystems, handelte die Regierung einen Landtausch mit dem Holzhandelsunternehmen aus, der 1975 schließlich in die Gründung des Corcovado-Nationalparks mündete. (…)

Dennoch hatte ich – zumindest 2019 – den Eindruck, dass viele Menschen ihre Einstellung grundlegend geändert hatten und den Naturschutz befürworteten. Während meines Aufenthalts verbrachte ich zwei Tage mit Tomás Muñoz, der in Dos Brazos de Río Tigre aufgewachsen war. Dieser Ort war früher ebenfalls von der illegalen Goldgewinnung abhängig und lebt heute vom Ökotourismus. Als Zehnjähriger ging Muñoz zum ersten Mal jagen, zwei Jahre später begann er, Gold zu waschen. Heute führt er Touristen zu den Tieren. (…)

Pandemie: Illegale Jagdsafaris und Goldsuche

Im darauffolgenden Frühling kamen allerdings keine Touristen, für die gekocht werden musste; es gab keine Arbeit für die Naturführer von Dos Brazos oder Rancho Quemado und auch keine Freiwilligen, die bei Osa Conservation Bäume pflegten oder frisch geschlüpfte Meeresschildkröten am Pazifikstrand vor Fressfeinden schützten. Costa Rica reagierte entschlossen auf die Bedrohung durch Covid-19 und stellte den ausländischen Reiseverkehr ein. Doch der wirtschaftliche Schaden war verheerend. Der Zusammenbruch der Tourismusindustrie drosselte den Geldfluss in das staatliche Nationalparksystem, zwang die Behörden im März, den Corcovado-Park zu schließen und die Ranger abzuziehen.

Ökotourismus: Nachhaltigkeit für Mensch und Meer

Danach herrschte einige Wochen lang Ruhe. Dann verbreitete sich in einem von Osa-Mitarbeitern geteilten Social-Media-Chat die Nachricht, jemand mache sich das Ausbleiben der Touristen und die fehlende staatliche Kontrolle zunutze, um im Park Jagdsafaris zu organisieren. Zwei Jäger hatten neun Weißbartpekaris getötet – nicht zum Verzehr, sondern zum Zeitvertreib. (…)

Ein Großteil des Problems wird offenbar von organisierten Gruppen verursacht, die vom Festland kommen. Wegen des Zusammenbruchs des Tourismus blieb auch manchen Einheimischen oft keine andere Möglichkeit, als sich den illegalen Goldsuchern anzuschließen. „Die Menschen hier müssen nach Möglichkeiten zum Geldverdienen suchen, und eine davon ist nun einmal das Goldwaschen“, erklärte mir Tomás Muñoz am Telefon. Ich fragte ihn, ob er selbst der Versuchung widerstehen könne, denn als örtlicher Naturführer war er arbeitslos. In seiner Stimme schwang Verzweiflung mit, als er deutlich antwortete: „Ich versuche mein Bestes, dieser Versuchung zu widerstehen.“

Aus dem Englischen von Dr. Katja Mellenthin

Jamie Shreeve schrieb in der März-Ausgabe 2019 über die Suche nach Leben außerhalb der Erde. Charlie Hamilton James fotografiert regelmäßig für NATIONAL GEOGRAPHIC; zu seinen Motiven zählen Ratten ebenso wie Fischotter oder Elefanten.

Dieser Artikel erschien in voller Länge in der Februar 2021-Ausgabe des deutschen NATIONAL GEOGRAPHIC Magazins. Keine Ausgabe mehr verpassen und jetzt ein Abo abschließen!

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