Costa Rica: Als Land klein, doch in Sachen Nachhaltigkeit ganz groß

Bevor ein Umdenken stattgefunden hat, waren einst drei Viertel des Waldes abgeholzt. Die Profitgier, der Ackerbau und die Viehzucht hätten die umwerfende Natur des Landes beinahe komplett zerstört. Donnerstag, 7. November 2019

Von Stefan Tschumi, Co-Autorin Stephanie Bernhard

Costa Rica ist flächenmäßig gesehen klein. Rund 450 Kilometer lang, an der schmalsten Stelle trennen den Pazifik und die Karibik gerade Mal 112 Kilometer. Damit ist Costa Rica nur in etwa einen Viertel grösser als die Schweiz. Doch wenn es um Themen wie Nachhaltigkeit, Arterhaltung und das Bewusstsein für das eigene Handeln geht, ist Costa Rica ganz groß. Doch das war nicht immer so. Einst waren drei Viertel des Waldes abgeholzt. Die Profitgier, der Ackerbau und die Viehzucht hätten die umwerfende Natur des Landes beinahe komplett zerstört. Bevor ein Umdenken stattgefunden hat.

Heute sind rund 50 Prozent des Landes von Wäldern bedeckt. Etliche Schutzzonen wurden für die Natur- und Arterhaltung eingerichtet. Es wurden schon ganze Nationalparks wegen eines zu grossen Touristenansturms geschlossen – um die Natur zu schützen. Costa Rica hat verstanden, was andere Staaten so dringend verinnerlichen müssten: Die Nachhaltigkeit ist eine der obersten Devisen des Landes. Dadurch nimmt der kleine Staat in Zentralamerika in vielen Bereichen eine Vorreiterrolle ein. Bis 2021 will das Land klimaneutral werden. Da wundert es nicht, dass es die Costa-Ricaner waren, die als erste eine Ökosteuer auf Benzin einführten.

Umdenken für eine bessere Zukunft

Ein lokaler Guide erklärte die Situation einst anhand eines Beispiels mit einem Baum. Er erzählte, dass vor wenigen Jahren der größte Profit darin gesehen wurde, diesen Baum zu fällen, in kleine Stücke zu verarbeiten und dann als Brennholz zu verkaufen oder Möbel daraus zu fertigen. Heute wüssten es die Menschen besser. Wenn der Baum steht, wird dieser von Tieren wie Brüllaffen, Tukanen, Leguanen und natürlich auch Faultieren genutzt, um nur einige zu nennen. Die Tiere wiederum locken Touristen in das Land, welche ihr Urlaubsbudget in Costa Rica ausgeben. Dies ist ein sich selbst wiederholender Prozess, welcher auf lange Sicht viel mehr Profit einbringt, als das Fällen des Baumes.

Ökotourismus mit Tradition

Was hier als einfaches Beispiel daherkommt, hat sich als Philosophie in den Köpfen der Menschen verankert und wurde gar zum Motto von Costa Rica: PURA VIDA! Das pure Leben. Ohne eine intakte, sich im Gleichgewicht befindende Natur, ist dies nicht möglich. Deshalb setzt sich Costa Rica ein, um den größten Schatz des Landes zu beschützen: die Flora und Fauna. Zwar ist Costa Rica der größte Ananas-Exporteur der Welt und ein wichtiger Globaler-Player in den Export-Bereichen Bananen, Kaffee und Kakao. Das reicht aber bei weitem nicht aus, um die Schulden des Staates zu decken.

Ökotourismus in Mexiko
Ökotourismus kann den Naturschutz oft unterstützen, aber manchmal gefährdet er die Tiere auch. Kann es uns gelingen, ein Gleichgewicht zu schaffen? Rolex und National Geographic wollen mit einer neuen, verbesserten Partnerschaft die Erforschung und den Schutz des Planeten vorantreiben. Mit insgesamt mehr als 200 Jahren Erfahrung in der Unterstützung von Expeditionen arbeiten die beiden Organisationen jetzt zusammen, um wegweisende Forscher und Entdecker zu unterstützen und ihre Nachfolger zu fördern – und so die Meere, Polargebiete und Berge der Erde zum Wohl der künftigen Generationen zu bewahren.

Ein Adventure Park zur Arterhaltung

Ein etwas anderes Konzept wird in der Region rund um Monteverde betrieben. Der Selvatura Adventurepark hat sich den Naturschutz groß auf die Fahne geschrieben. Neben den Bereichen, welche für das Zip Lining und die Spazier-Routen reserviert sind, verfügt der Selvatura Park über eine nochmals gleich große Fläche, welche unbebaut ist. Diese dient dem Naturschutz und der Arterhaltung. So schützen die Parkbetreiber den Lebensraum für viele Wildtiere.
Spannend sind die Gedanken, welche sich die Parkbesitzer beim Anlegen der Hängebrücken-Routen gemacht haben. Als Besucher startet man unten und arbeitet sich auf den Spazierpfaden und den sich darauf befinden acht Hängebrücken immer höher hinauf in den Dschungel. Dies symbolisiert den Kampf der Pflanzen um Licht. Da auf dem Boden des Dschungels nur wenig Licht ankommt, ranken sich die Pflanzen und Bäume gen Himmel. Dieses Erlebnis sollen die Besucher mit nach Hause nehmen, in der Hoffnung, dass sich so das Bewusstsein für die Flora und Fauna wandelt.

Kaffeeanbau unter Druck

Ebenfalls in Monteverde findet sich die Finca LIFE. LIFE steht für Low Impact For Earth. Hier wird der auf den Namen Café Monteverde gebrandete Kaffee hergestellt. 84 Hektar gehören zur Farm. Kaffee wird auf der Hälfte der Fläche angebaut. Die andere Hälfte dient, wie auch beim Selvatura Park, der Arterhaltung und dem Umweltschutz. In den 50er Jahren wurde hier Zuckerrohr angebaut. Später fasste man den Entschluss, auf Kaffee zu setzen, da dies für die Natur weniger belastend ist, auch wenn die Produktion wesentlich schwieriger ist.

Die Lage verschärft sich aktuell zunehmend. Wie Jerson Santamaria, Farmmitarbeiter und Tourguide sagt, liege dies am immer weiter voranschreitenden Klimawandel. 2019 markiert das zweite Jahr in Folge, in welchem die Plantagen künstlich bewässert werden muss. Ein Umstand, den es so bis dato in der Firmengeschichte noch nicht gegeben hat.

Die Suche nach neuen Düngemitteln

Da die Finca LIFE künftig komplett auf Spritzmittel verzichten möchte, arbeiten die Farmbesitzer eng mit verschiedenen Universitäten auf der ganzen Welt zusammen, um so neue Anbaumethoden für Kaffee zu entwickeln. Aktuell tüfteln sie hier an einem neuen organischen Dünger, der von Hand hergestellt wird. Es ist das erste Jahr, in dem dieser zum Einsatz kommt. Eines ist schon jetzt klar: Der Aufwand wird dadurch nicht kleiner. Zwei Pflanzen brauchen pro Jahr 12 Kilogramm dieses Düngers. Würde man auf ein im Labor hergestelltes Düngemittel zurückgreifen, wären nur rund 700 Gramm notwendig. Zudem werden die Resultate beim Naturdünger erst nach einem Jahr sichtbar und nicht schon nach einer Woche, wie dies bei anderen Düngemitteln der Fall ist.

Auf der Finca LIFE kommen nur natürliche Bestäuber, wie Insekten zum Zuge und natürlich der Wind. Hier finden sich 90 Prozent des Wildlebens Costa Ricas. Fünf der sechs grossen Katzen bewegen sich hier. Ein gutes Zeichen, dies weiss Santamaria. Denn wo sich Pumas bewegen, da ist die Umwelt in Takt. Gleiches gilt für Spinnen. Daher freut sich Jerson Santamaria über jedes Netz, welches er auf dem Farmrundgang entdeckt.

Um die Umwelt zu schonen, wird auf Handarbeit gesetzt. Dafür braucht es viele Mitarbeiter, besonders während der Erntezeit. Ein Grossteil der Erntehelfer kommt aus dem nördlichen Nachbarland Nicaragua. Sie sind extrem wichtig für die Finca LIFE und Jerson Santamaria sieht hier einen anderen Bereich von Nachhaltigkeit, nämlich die nachhaltige Verbesserung der Lebensgrundlage von Menschen.

Wie Empathie einen Beitrag zur Nachhaltigkeit leistet

Die Menschen aus Nicaragua werden auf der Finca LIFE mit Respekt behandelt. Zwei US-Dollar bezahlen sie für das Essen. Wohnkosten sowie Kosten für den öffentlichen Verkehr werden von der Finca übernommen. Extra für die Arbeiter aus Nicaragua hat man einen sogenannten Organic-Garden angelegt. Die Menschen sollen sich gesund ernähren. Kochen müssen sie übrigens nicht selber. Damit sie sich nach der Arbeit ausruhen können und nicht zusätzlichem Stress ausgesetzt sind. An Weihnachten gibt es ein grosses Weihnachtsfest für alle auf der Farm und ganzjährig steht den Arbeitern gratis W-LAN zur Verfügung, damit sie mit Freunden und Familien in Kontakt bleiben können.

27 Felder werden bestellt und geerntet. Abgerechnet wird normalerweise pro Korb, der rund 22 Kilogramm Kaffeebohnen fasst. Die marktübliche Entlohnung sind 2.70 US-Dollar pro Korb. Finca LIFE bezahlt 3.00 US-Dollar für die normalen Sorten und 7.00 US-Dollar für die speziellen Kaffeebohnen. Der Rekord eines Arbeiters liege bei 66 Körben am Tag. Das macht für den normalen Kaffee 198 US-Dollar, und für den Spezialkaffee satte 462 US-Dollar am Tag. Als Vergleich: In Nicaragua verdienen Arbeiter 70.00 US-Dollar pro Woche.

Die Produktion von organischem Kaffee gestaltet sich jedoch zunehmend schwierig. Der rote Rost und die klimatischen Veränderungen bringen die Farmbetreiber gehörig unter Druck. Wie die Zukunft des Kaffeeanbaus in Costa Rica aussehen wird, bleibt somit abzuwarten.

Eine Familie lebt die Nachhaltigkeit

Einst war sie ein Geheimtipp, heute hat sie sich über die Landesgrenzen Costa Ricas hinaus einen Namen gemacht – die Finca Verde Lodge in Bijagua. Hier im nördlichen Regenwald hat sich die Familie Jimenez Salazar ihr eigenes kleines Paradies erschaffen. Auf der Organic Farm tummeln sich Tiere wie Kolibris, Faultiere, Brüllaffen und Rotaugenlaubfrösche. Natürlich finden sich auch Schlangen und verschiedene Vogelarten. Zudem werden seltene Schmetterlinge und Frösche gezüchtet und später in die Freiheit entlassen. Das ist einer der Beiträge zur Nachhaltigkeit von Familie Jimenez Salazar. Seit 20 Jahren bewirtschaftet die Familie schon das Land, auf welchem keine Pestizide zum Einsatz kommen.

Touristen können sich in einem der fünf kleinen Häuschen einquartieren und eine Nacht im Dschungel erleben. Ohne Klimaanlage versteht sich, denn die Nachhaltigkeit muss auch von den Touristen gelebt werden. So ist man auch gut beraten, eine Stirnlampe mitzubringen. Künstliche Beleuchtungen sucht man auf den Wegen vergebens.

«Wir müssen die Natur schützen und unseren Umgang mit ihr überdenken.»

Im Restaurant der Finca Verde Lodge kommt auf den Teller, was gerade so wächst. Familie Jimenez Salazar baut die Lebensmittel selber an, und jedes Mal, wenn sich ein wildes Tier zeigt, sind die Menschen hier aus dem Häuschen. Sie lieben die Natur und möchten diese schützen. Auf geführten Touren bringen sie Besuchern ihr kleines Paradies näher und vermitteln unterschwellig vor allem eine Botschaft: Wir müssen die Natur schützen und unseren Umgang mit ihr überdenken. Das machen Sie ohne den Mahnfinger zu heben. Was indes auch nicht notwendig ist. Die Ausführungen und die vielen spannenden Geschichten regen sowieso zum Nachdenken an.

Der Verrückte: Handeln aus Überzeugung

In der Region von El Castillo, am Fusse des Vulkans Arenal, lebt Loco Chavalo, der verrückte Mann. So nennen die Menschen Victor H. Quesada. Der gebürtige Costa-Ricaner lebt hier seinen ganz eigenen Traum. Einst, in jungen Jahren, fand Victor auf der Kaffee-Farm seiner Eltern eine giftige Eyelashed Pit Viper. Der Fund änderte für den Tico alles. Die Giftschlange wurde sein erstes Reptil und entfachte eine bis heute ungebrochene Faszination für Reptilien und Amphibien. Über Jahrzehnte hinweg hat er sich den so genannten Arenal Eco Zoo aufgebaut. Hier zeigt er den Besuchern die verschiedenen Schlangen. Zudem finden sich in Victors Zoo auch Basilisken, Spinnen und sonstige, nicht selten vom Aussterben bedrohte Tiere. Das ist Victors Art und Weise der Aufklärung. In diesem Rahmen kann er Besuchern Tiere zeigen, welche sie sonst nie zu Gesicht bekommen würden. Wer diese Tiere einmal mit eigenen Augen gesehen hat, der wird sie – und damit verbunden – den Regenwald schützen wollen, so die Idee von Victor.

Deshalb wird auch viel Aufklärungsarbeit betrieben. Fachkundige Guides begleiten auf Wunsch die Besucher durch die Anlage. Der Preis ist übrigens der gleiche, ob mit oder ohne Guide. Wer die Tour mit Guide wählt, erhält viele wertvolle Informationen zum fragilen System des Dschungels. Zudem geben die Guides bereitwillig Auskunft über die faszinierenden Lebewesen. Victors Ziel ist es, die Menschen dazu zu bringen, dass sie den Lebensraum Wald erhalten wollen. Das gleiche Ziel verfolgt auch Victors Sohn, der auf den gleichen Namen wie sein Vater getauft wurde. In seinem Studium hat sich Victor auf Reptilien spezialisiert. Er wird es sein, der einst das Erbe seines Vaters antreten wird.

Man schützt nur das, was man liebt

Die beiden Victors vom Eco Zoo führen die Besucher auf Nachttouren in den Dschungel. Dabei können Tiere beobachtet werden, welche tagsüber nicht zu sehen sind. Es ist nochmals eine ganz andere Dimension, ob man einer Tarantel auf 15 Zentimeter Abstand in der Natur gegenübersteht oder sie hinter einer Glasscheibe betrachtet. In einer Zeit, in der statistisch gesehen jede achte Pflanzen- und Tierart vom Aussterben bedroht ist, kommt der Aufklärung eine ganz besondere Bedeutung zu. Wer die Tiere kennt, wird die Tiere schützen. So lautet das Credo des Zoo Zürichs. Der renommierte Fotograf Joel Sartore widmet sich in einem von National Geographic geförderten Artenschutzprojekts mit dem Namen «Photo Ark» der Erstellung einer visuellen Arche aller Tierarten, die sich in menschlicher Obhut befinden. In Costa Rica lernt man einige dieser Tiere auf eine ganz besondere Art und Weise kennen.

In den Eco Zoo von Victor kommen auch so allerlei Fotografen, Redakteure von Magazinen und Videofilmer von Fernsehstationen. Sie wissen, dass Victor einer der ganz grossen Experten ist, wenn es um Schlangen geht. Hier im Zoo können sie die Tiere dokumentieren und ihre Geschichte erzählen. Nachhaltigkeit, von Victor auf seine eigene Art interpretiert.
Selbstredend, dass er sich auch im Bereich der Forschung stark macht und Biologen und Umweltforschern aus verschiedensten Ländern Tür und Tor öffnet. Immer mit dem Ziel, dass die Menschen die Tiere verstehen lernen und es sich im Bewusstsein verankert, dass es höchste Zeit ist, den Regenwald zu schützen.

Fotoarche: Die Rettung der Tiere, Bild für Bild

Modelle für die Zukunft

Costa Rica und Nachhaltigkeit, dies scheint perfekt zusammen zu passen. Ganz anders wie in Brasilien beispielsweise. Erst vor einigen Jahren wurden in Costa Rica erfolgreich die ersten Teakholz-Bäume gepflanzt. Eine neue Holzsorte für noch mehr Diversität. Die Bäume dürfen erst gefällt werden, wenn diese ausgewachsen sind – und dies auch nur mit einer speziellen Genehmigung. Wer dagegen verstösst, hat schnell Probleme mit der Justiz. 1996 wurde zudem ein Gesetz gegen die Abholzung erlassen.

Wenn man Costa-Ricaner fragt, was es braucht, um unseren Planeten zu retten, dann nennen fast alle Aufklärung und Schulbildung. Das Land ohne Armee investiert dementsprechend viel in die Bildung und die Schule ist gratis. Erst wer an die Universität will, muss dafür bezahlen.

Und wenn wir gerade beim Bezahlen sind: Zur Kasse wird auch jeder gebeten, der Abfall aus seinem Wage wirft. 100.000 bis 150.000 Colones kostet dies, rund 175.00 bis 260.00 Euro. Costa Rica ist enorm an alternativen Energieformen interessiert und nutzt unter anderem Windenergie, Solarenergie, sowie Gas und Thermalenergie. Bei einem Land mit acht aktiven Vulkanen bietet sich dies wohl auch an. So oder so will Costa Rica auf lange Sicht ganz weg vom Öl und auch Plastik soll irgendwann der Vergangenheit angehören. Ende Juli 2019 wurde die letzte Plastiktüte im Supermarkt ausgehändigt. Seit August 2019 sind diese verschwunden.

In Costa Rica wird aktuell der Beweis angetreten, dass es durchaus funktioniert, einem einst verloren geglaubten Lebensraum neues Leben einzuhauchen. Was es dazu braucht, ist Kreativität und der Wille, neue Wege zu gehen.

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