Grüne Antarktis: Wie sich das Gesicht des Eiskontinents verändert

Wird die Antarktis schon bald von neuen Arten besiedelt? Wirkt sich die Eisschmelze positiv aufs Klima aus? Eine neue Studie liefert Antworten.

Typischer Bewohner der Antarktis: Mit einer Länge von bis zu sechs Metern ist der Südliche See-Elefant nicht nur die größte Robbenart, sondern auch der größte Vertreter aus der Ordnung der Raubtiere.

Bild Ryan R. Reisinger/CEBC
Veröffentlicht am 8. Juli 2021, 10:13 MESZ

Die Antarktis ist die mächtigste Eiswüste der Welt. Mehr als 13 Millionen Quadratkilometer misst der gesamte Kontinent. Damit ist er wesentlich größer als etwa Europa (10,1 Mio km²) oder Australien (8,6 Mio km²). Nirgendwo sonst ist es so unwirtlich, trocken und kalt. Der Kälterekord liegt bei minus 89,2 Grad Celsius – gemessen am 21. Juli 1983 an der Forschungsstation Wostok. Doch das Bild wandelt sich. Setzt sich der Klimawandel weiter fort, könnte der kälteste Kontinent sein Gesicht dramatisch verändern.

Davon geht zumindest ein internationales Forschungsteam unter der Leitung des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) aus. Für das Projekt „AnT-ERA“ haben 25 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nach eigenen Worten Hunderte von Fachartikeln über die Antarktis aus den letzten Jahrzehnten ausgewertet. Die neue Studie soll Rückschlüsse auf den aktuellen und künftigen Zustand des Kältekontinents liefern.

Gewinner und Verlierer

Eines der Forschungsergebnisse: Die antarktischen Gewässer werden sich im Zuge des Klimawandels sehr wahrscheinlich erwärmen. Damit dürften bislang fremde Pflanzen- und Tierarten aus milderen Regionen einwandern. Eisfreie Küstengebiete könnten während des Südsommers in den kommenden Jahrzehnten zunehmend ergrünen, wenn Moose oder Flechten neue Flächen erobern. Alles in allem dürfte die Artenvielfalt zunächst zunehmen.

Auf dem Kajak zwischen Pinguinen in der Antarktis

Doch es gibt auch Verlierer, wie Meeresbiologe und Projektkoordinator Julian Gutt vom AWI erklärt. Setzt sich die Erwärmung fort, hätten Arten das Nachsehen, die sich an extrem tiefe Temperaturen angepasst haben. Schon jetzt gehen Prognosen davon aus, dass der Kaiserpinguin als Symboltier der Antarktis bis zum Jahr 2100 aus weiten Teilen seines heutigen Lebensraums verschwunden sein wird.

„Wir rechnen damit, dass sich solche Arten in die letzten verbliebenen sehr kalten Bereiche der Antarktis zurückziehen werden“, betont Gutt. „Das heißt auch, man wird diese Regionen unter Schutz stellen müssen, um diese Arten zu erhalten.“

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Saure Ozeane: Die unsichtbare Gefahr

Ein düsteres Bild zeichnet die Studie, was die Ozeanversauerung angeht. Der Grund liegt darin, dass das Meerwasser immer mehr Kohlendioxid aufnimmt – denn der Mensch produziert bisher immer mehr davon. Das Gas reagiert mit dem Meerwasser zu Kohlensäure und macht das Wasser allmählich saurer. Bis zum Ende dieses Jahrhunderts rechnet Gutts Team mit einer weitgehenden Versauerung der antarktischen Gewässer.

„Es steht außer Frage, dass vor allem jene Lebewesen Probleme bekommen, die Kalkschalen bilden“, sagt Gutt. „Ob sie ganz aussterben oder ob einige Arten ihren Stoffwechsel an die veränderten Bedingungen anpassen, können wir aktuell ebenfalls nicht mit Sicherheit sagen.“

Algen statt Eis

Eine weitere Frage treibt die Polarforschung besonders um: Könnte sich der Rückgang des Schelfeises in der Antarktis womöglich positiv aufs Klima auswirken? Der Hintergrund: Wenn das Eis schmilzt und sich das Wasser erwärmt, entwickeln sich Grünalgen im Meerwasser. Weil sie beim Wachsen über die Photosynthese Kohlendioxid aus der Atmosphäre aufnehmen, könnte das dem Klimawandel entgegenwirken.

Sie breiten sich immer weiter aus: Die Vegetation auf dem antarktischen Kontinent besteht überwiegend aus Flechten und Moosen.

Bild Claudia Colesi/AWI

Auch Gutt verweist auf „einfache Prognosen“, die darauf hindeuteten, dass die Algen in den Gewässern um die Antarktis rund 25 Prozent mehr Kohlendioxid schlucken würden, wenn das Gebiet künftig im Südsommer komplett frei von Meereis wäre.

Pauschale Aussagen seien allerdings schwierig. Das zeige auch die aktuelle Studie. „Die von uns analysierten Publikationen machen klar, dass die Situation geographisch sehr unterschiedlich ist“, erklärt Gutt. „Aber immerhin wissen wir jetzt, welche Meeresgebiete und Messgrößen wir uns künftig genauer anschauen müssen, um Antworten zu finden.“

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