Emissionshandel: Die Rechnung ohne den Klimawandel gemacht

Der Zertifikathandel setzt derzeit alles auf eine Karte: Bäume sollen das überschüssige CO₂ aus der Luft filtern und speichern. Doch durch den Klimawandel verursachte Dürren und Brände könnten diesen Plan durchkreuzen.

Von Craig Welch
Veröffentlicht am 10. Juni 2022, 10:14 MESZ
Ein Setzling wächst nach einem Waldbrand im Jahr 2014 in der Nähe von Georgetown, Kalifornien, neben ...

Ein Setzling wächst nach einem Waldbrand im Jahr 2014 in der Nähe von Georgetown, Kalifornien, neben einem Baumstumpf. Klimabedingte Waldbrände sind ein großer Unsicherheitsfaktor bei der Nutzung von Wäldern für den Ausgleich von Kohlenstoffemissionen.

Foto von Max Whittaker, Bloomberg, Getty Images

Inzwischen ist klar, dass dem Klimawandel nur beizukommen ist, indem die Menge der CO₂-Emissionen drastisch reduziert wird. Doch nicht in allen Bereichen lässt sich dieses Wissen so einfach umsetzen. Viele Unternehmen scheitern daran, die staatlich vorgegebenen Emissionsgrenzen einzuhalten – und an dieser Stelle kommt der Handel mit Emissionszertifikaten ins Spiel.

Dessen Grundidee ist die Bepreisung umweltschädlicher Emissionen: Stößt ein Unternehmen in einer Region und innerhalb eines vorgegebenen Zeitraums mehr Schadstoffe aus als erlaubt, wird der Überschuss mit Strafen belegt. Diese können aber abgewendet werden, indem das Unternehmen das Zuviel an Emissionen mit dem Kauf von Zertifikaten – sogenannten Credits – ausgleicht. Empfänger der Zahlungen, die von einer zentralen – meist staatlichen – Behörde gesteuert werden, sind andere Unternehmen, denen es gelungen ist, Emissionen einzusparen, oder Umweltprojekte ins Leben zu rufen, die nachweislich zum Emissionsabbau beitragen. Umweltsünder müssen also zahlen, klimafreundliches Verhalten wird belohnt.

Im Emissionshandelssystem entspricht der Gesamtausstoß umweltschädlicher Stoffe höchstens dem zuvor festgelegten Credit-Kontingent. Die Obergrenze der erlaubten Emissionen kann im Laufe der Zeit immer weiter reduziert werden, so dass sich Unternehmen, die viel emittieren, stärker bemühen müssen, die Grenzen einzuhalten – oder aber gezwungen sind, mehr Zertifikate einzukaufen. Da es sich beim Zertifikathandel um ein marktbasiertes Instrument handelt, wird der Preis der Credits von Angebot und Nachfrage bestimmt. Je weniger Emissionen erlaubt sind, desto mehr kostet der Ausgleich mit Emissionszertifikaten. Dadurch ist der Zertifikathandel inzwischen zu einem Milliardengeschäft geworden.

“Der Klimawandel stellt schon jetzt ein erhebliches Risiko für die Wälder dar, das sich im Laufe des 21. Jahrhunderts noch verschärfen wird. Das ist in den bisherigen Beschlüssen nicht hinreichend berücksichtigt worden.”

von Bill Anderegg
Bill Anderegg

Kann man sich auf den Wald noch verlassen?

In der Theorie ist der Emissionshandel ein mächtiges Instrument zur Rettung des Klimas. Doch die Berechnungen, die seinem Funktionieren zugrunde liegen, stehen offenbar auf wackeligen Füßen. Viele zertifikaterzeugende Umweltprojekte haben ihren Schwerpunkt auf den Erhalt und Schutz von Wäldern gelegt. Das ergibt Sinn, denn Bäume sind wertvolle CO2 -Speicher. Doch der Klimawandel ist bereits in vollem Gange und vereitelt die Emissionshandelspläne in zweifacher Hinsicht: Zum einen führt er überall auf der Welt durch Dürre, Hitzewellen und Schädlingsbefall zu einem massenhaften Waldsterben – die Bäume, die die Emissionen ausgleichen sollen, verschwinden also. Zum anderen setzen Wälder, wenn sie brennen, große Mengen des gespeicherten CO2 wieder frei. Experten zufolge ist es kaum noch möglich zu sagen, auf welche Waldgebiete man sich in den kommenden Jahrzehnten als Kohlenstoffspeicher überhaupt noch verlassen kann.

„Der Klimawandel stellt schon jetzt ein erhebliches Risiko für die Wälder dar, das sich im Laufe des 21. Jahrhunderts noch verschärfen wird“, sagt Bill Anderegg, Waldökologe an der University of Utah in Salt Lake City. „In den bisherigen Beschlüssen ist dieses Risiko nicht hinreichend berücksichtigt worden.“

Die Watchdog-Organisation CarbonPlan hat die Waldgebiete analysiert, die im waldbrandgefährdeten US-Bundesstaat Kalifornien Hauptgrundlage des Zertifikathandels sind. Sie bemängelt, dass die Veränderung, der die Wälder unterliegen, von den Behörden ignoriert werden. Zwar berücksichtige das Kompensationsprogramm, dass durch Waldbrände gespeichertes CO2 wieder freigesetzt wird, allerdings nicht in ausreichendem Maße: CarbonPlan schätzt, dass in weniger als zehn Jahren durch die Feuer fast so viel Kohlenstoff emittiert werden könnte, wie es der Bundesstaat für die kommenden 100 Jahre vorgesehen hat.

Die Flammen sind nicht die einzige Gefahr: Auch Schädlinge und Krankheiten reduzieren den Baumbestand. „Wenn wir unsere Wälder weiterhin als Basis für den Zertifikatehandel nutzen wollen, müssen wir damit beginnen, die Bedrohung für diese Gebiete realistischer einzuschätzen“, sagt Grayson Badgley, Hauptautor der CarbonPlan-Studie.

Kompensationsprogramme oft mangelhaft

Technologien, die CO2 aus der Luft fangen und speichern, befinden sich größtenteils noch in der Entwicklung und werden aufgrund hoher Herstellungskosten vermutlich zunächst nur in kleiner Stückzahl produziert werden. Deswegen verlässt sich das Kompensationsmodell heute ausschließlich auf die Natur – und in erster Linie auf Bäume. Weltweit werden umweltverschmutzende Unternehmen dazu ermutigt, Waldbesitzer dafür zu bezahlen, mehr Bäume zu pflanzen und für den Erhalt des Baumbestands zu sorgen. Die meisten Programme dieser Art unterliegen keinerlei behördlicher Überwachung und oft haben Unternehmen Probleme damit, ein geeignetes Projekt zu finden.

Als Microsoft auf der Suche nach Ideen für den Abbau von Treibhausgasen eine Ausschreibung startete, gingen bei dem Unternehmen 189 Vorschläge ein. Zusammengenommen hätten all diese Projekte mehr als 170 Millionen Tonnen CO2 aus der Atmosphäre verschwinden lassen können – das übersteigt den jährlichen Ausstoß der Metropole New York City. Der größte Teil dieser Emissionen sollte von Wäldern aus der Luft gefiltert werden.

Doch kaum eine dieser Ideen hielt bei genauem Hinsehen, was sie versprach. Eine Prüfung zeigte, dass die Projekte in Wahrheit nur dazu in der Lage waren lediglich zwei Millionen Tonnen CO2 nachhaltig, schnell und qualitativ hochwertig zu speichern. „Es gibt heute schlicht nicht besonders viele derartige Programme, die auf sicheren Füßen stehen“, sagt Elizabeth Willmott, Leiterin des Kompensationsprogramms von Microsoft. „Das ist nicht nur in den USA ein Problem, sondern weltweit.“

Mit ihrer Skepsis ist sie nicht allein. Im Jahr 2019 veröffentlichte die investigative Journalismus-Stiftung ProPublica die Ergebnisse einer Untersuchung solcher Kompensationsprogramme in Südamerika. Bei der Recherche stellte sich heraus, dass die Projekte regelmäßig nicht so viel CO2 ausglichen, wie angekündigt – wenn überhaupt. In manchen Fällen ließen sich Projekte für den Schutz von Wäldern bezahlen, die gar nicht bedroht waren. Was für Tier- und Pflanzenwelt und den Artenschutz natürlich gut war, hatte auf die Emissionsbilanz des Landes also keinen Effekt. Teilweise wurden die positiven Effekte von Kompensationsprogrammen dadurch aufgehoben, dass einfach an anderer Stelle mit dem Fällen von Bäumen weitergemacht wurde, um den Holzmarkt bedienen zu können.

Alle Kompensationsprogramme haben ein Ungleichgewicht in der Zeitplanung gemeinsam: Das CO2, das beim Verbrennen fossiler Stoffe in die Atmosphäre freigesetzt wird, schädigt das Klima nachhaltig für tausende Jahre. Die ausgleichenden Effekte des Speicherns von Kohlenstoff in Bäumen ist jedoch nur vorübergehend, weil die Bäume irgendwann sterben werden. Das kalifornische Kompensationsprogramm erlaubt Unternehmen deswegen nur den Ausgleich eines kleinen Teils ihrer Emissionen – und nur unter der Voraussetzung, dass sichergestellt ist, dass diese mindestens 100 Jahre in Bäumen gespeichert werden. Untersuchungen haben aber gezeigt, dass der Staat bei der Kontrolle nicht streng genug vorgeht und viele Landbesitzer für die Menge an Kohlenstoff, die ihre Wälder binden können, viel zu hohe Werte angegeben haben.

Der Bootleg-Brand im Jahr 2021 im Süden Oregons war einer der größten Waldbrände in der Geschichte des US-Bundesstaates und verwüstete eine Fläche von über 400.000 Hektar.

Foto von Chona Kasinger, The New York Times

Riskante Versicherung

Im Bewusstsein, dass es auch zu unerwarteten Verlusten des Baumbestands kommen kann, sieht das kalifornische Kompensationsprogramm einen Notfallplan in Form einer Versicherung vor.

Diese verpflichtet Landbesitzer, von den Credits, die ihnen für ihre Waldstücke gutgeschrieben werden, Rücklagen zu bilden: zwei bis vier Prozent um Brandrisiken abzudecken, drei Prozent für möglichen Schädlingsbefall oder Baumkrankheiten, drei Prozent für Umweltschäden, die durch Dürre oder Stürme entstehen können und bis zu neun Prozent für menschenverursachte Risiken wie Holzschlag. Im Durchschnitt beläuft sich der Versicherungsanteil auf 17 bis 19 Prozent.

Viele Wissenschaftler sind aber der Meinung, dass das nicht ausreicht. Die Spuren, die der Klimawandel in den Wäldern hinterlässt, übersteigen schon jetzt alles bisher Dagewesene. In der Sierra Nevada sind allein in den vergangenen zwei Sommern 19 Prozent aller Mammutbäume, die dort schon wuchsen als Aristoteles lebte, Waldbränden zum Opfer gefallen. In Kalifornien sind zwischen 1985 und 2021 fast sieben Prozent des Baumbestands verloren gegangen.

Die Aussichten sind düster: Eine Studie, die von der American Geophysical Union veröffentlicht wurde, zeigt, dass selbst in moderaten Klimamodellen der Waldbestand Kaliforniens stark zurückgehen wird – und dass die Waldgebiete, die an dem Kompensationsprogramm des US-Bundesstaats teilnehmen, besonders anfällig sind. Das Risiko des Baumverlusts ist hier vergleichsweise hoch und wird der Studie zufolge „grundlegend unterschätzt“.

Bei der Dürre im Jahr 2011 starben in Texas rund 300 Millionen Bäume – und auch das Vieh wurde stark in Mitleidenschaft gezogen.

Foto von Scott Olson, Getty Images

Trotzdem gewichtet die an das Programm angeschlossene Versicherung laut Bill Anderegg die Risiken von Dürre und Bränden in den teilnehmenden Waldgebieten falsch. Die an das Programm angeschlossenen Wälder sind über 29 US-Bundesstaaten verteilt, ihre Lage wird bei der Risikobewertung aber nicht berücksichtigt – obwohl die Gefahr eines Waldbrands im Westen sehr viel höher ist als beispielsweise an der Ostküste der USA.

Kein Wald ist sicher

Doch konkret vorhersagen, wo es zu einer verheerenden Katastrophe kommen wird, kann man inzwischen ohnehin kaum noch. In Texas kam es im Jahr 2011 zu einer Dürre, der jeder sechzehnte Baum in dem Bundesstaat zum Opfer fiel. „Das hat niemand kommen sehen“, sagt William Hammond, Baumphysiologe an der University of Florida in Gainesville. „Jedes Mal, wenn es zu einem solch desaströsen Großereignis kommt, scheint es die Ökologen vor Ort kalt zu erwischen.“

Hammond weiß, wovon er spricht. Für eine aktuelle Studie hat er 154 wissenschaftliche Arbeiten durchforstet und 675 Fälle von massenhaftem Baumsterben weltweit, die Orte, an denen diese stattfanden und die klimatischen Umstände, die dazu geführt haben, analysiert. „Ich will erreichen, dass jeder versteht, dass das so etwas in jedem Wald in jeder Region der Welt passieren kann – und zwar schneller, als man denkt“, sagt er.

„Die große Frage ist, wie eine Versicherung für solche Fälle aussehen sollte und ob die derzeitigen Vorsorgen ausreichen“, sagt Anderegg. „Im Moment hat es den Anschein, als wäre dem nicht so.“

Shelby Livingston, die das kalifornische Kompensationsprogramm für das Air Resources Board mitführt, zeigt sich zuversichtlich. Ihr zufolge werden die Rücklagen dank neuer teilnehmender Projekte ständig größer. „Wenn nötig, werden wir Anpassungen vornehmen“, sagt sie.

Anna Trugman von der University of California in Santa Barbara, fragt sich jedoch, wie das funktionieren sollte. „Ich bin Waldökologin. Wenn ich mir ausgehend vom heutigen Stand vorstelle, wie die Wälder in 100 Jahren aussehen werden, kann ich nur sagen: Das wird sehr, sehr schwer“, erklärt sie. „Selbst die besten wissenschaftlichen Studien können nicht vorhersagen, welche Rücklagen in Zukunft nötig sein werden. Der Korrekturfaktor, den man mit einberechnen muss, ist unendlich.“

Dieser Riesenmammutbaum im Sequoia National Forest in Kalifornien wurde durch das Castle-Feuer im Jahr 2021 vernichtet. Seit 2020 sind ein Fünftel der riesigen Bäume, die nur in der Sierra Nevada vorkommen haben Waldbränden zum Opfer gefallen.

Foto von David Swanson, Bloomberg, Getty Images

Zertifikathandel – ein Schneeballsystem?

In den ersten Monaten des Jahres 2022 hat Kalifornien rund 190 Millionen Waldcredits ausgegeben – jeder steht hierbei für eine Tonne CO2. Ungefähr 30 Millionen dieser Credits wurden als Reserve in der Versicherung zurückgelegt. Seit Beginn des Kompensationsprogramms kam es zu mindestens sechs großen Waldbränden auf teilnehmenden Gebieten. Zwei dieser Brände hat der Staat bereits mit etwas über einer Million Credits kompensiert, für die übrigen vier konnte noch nicht unabhängig berechnet werden, wie hoch der Ausfall beziffert werden muss.

CarbonPlan hat deswegen eine eigene Analyse gestartet und den Kohlenstoffverlust nach einem Brand geschätzt. Die Untersuchung ergab, dass in den ersten zehn Jahren seit Programmstart durch Brände und daraus entstandene Ausfälle bereits 5,7 bis 6,8 Millionen ungeplante Tonnen CO2 kompensiert werden müssen. Das entspricht mehr als 95 Prozent der brandbedingten Rücklagen der Versicherung.

„Das heißt, wir lagen mit unseren Berechnungen so weit daneben, dass wir innerhalb von weniger als 10 Jahren das Credit-Budget aufgebraucht haben, dass für 100 Jahre vorgesehen war“, erklärt Danny Cullenward, leitender Sachbearbeiter von CarbonPlan.

Die kalifornischen Behörden wollten sich nicht zu der Studie äußern, bis sie offiziell geprüft ist. Sie wiesen jedoch darauf hin, dass die Kompensation der Verluste durch Brände nicht zwangsläufig aus dem dafür vorgesehen Topf erfolgen müssten, sondern aus der Gesamtmasse der Rücklagen bedient werden könnten. Diese würden durch das Hinzufügen neuer Kompensationsprojekte ständig wachsen.

Doch laut Danny Cullenward verschlimmert das Hinzufügen neuer Projekte das Problem eher, als das es hilft. „Man kann alte Forderungsverluste nicht mit neuen Forderungsverlusten ausgleichen“, sagt er. Täte man es doch, entspräche dieses Vorgehen einem Schneeballsystem.

Dass diese Systeme früher oder später in sich zusammenfallen, weiß jedes Kind. Was das für die Zukunft des Kampfs gegen den Klimawandel bedeutet, wird sich zeigen.

Dieser Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht und aus Gründen der Lesbarkeit gekürzt. Zusätzliche Berichterstattung in Deutschland von Katarina Fischer.

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