Insektensterben: Warum die Artenvielfalt sogar in Schutzgebieten abnimmt

Naturschutzgebiete sollen eine Schlüsselrolle dabei spielen, das Insektensterben aufzuhalten. Die Realität sieht offenbar anders aus.

Von Jens Voss
Veröffentlicht am 18. Mai 2022, 09:11 MESZ
Ein Schmetterling (Tagpfauenauge) sitzt auf einer violetten Blüte.

Schmetterling des Jahres 2009: das Tagpfauenauge. Viele Insekten leiden unter dem Verlust ihrer natürlichen Lebensräume, der Turbo-Landwirtschaft und unter Pflanzenschutzmitteln.

Foto von F. Derer

Wie dramatisch ist das Insektensterben in Deutschland? Vor fünf Jahren sorgte die so genannte Krefelder Studie für Aufsehen: Demzufolge ist die Biomasse von Fluginsekten in den letzten 27 Jahren um über 75 Prozent zurückgegangen. Weitere Studien, unter anderem von der Technischen Universität München oder dem University College London bestätigen die Entwicklung.

Allein in Deutschland gibt es gut 30.000 Insektenarten. Für unsere Ökosysteme sind sie unersetzlich. 80 Prozent der Wildpflanzen sind abhängig von der Insektenbestäubung, 60 Prozent der Vögel und unzählige weiterer Tiere ernähren sich hauptsächlich von den sechsbeinigen Gliederfüßern.

Es gibt viele Ursachen für das Insektensterben. Die Tiere leiden unter dem Verlust ihrer natürlichen Lebensräume, der intensiven Landwirtschaft und unter Pflanzenschutzmitteln. Auch die Auswirkungen des Klimawandels und die Lichtverschmutzung, die echte Dunkelheit vor allem in Ballungsräumen kaum noch zulässt, setzt ihnen zu.

Naturschutzgebiete könnten den kleinen Krabblern helfen. Laut Bundesamt für Naturschutz (BfN) gibt es hierzulande davon fast 9.000 mit einer Gesamtfläche von über 2,6 Millionen Hektar. Das entspricht fast 3,7 Millionen Fußballfeldern. Die gute Nachricht: Es gibt immer mehr Naturschutzgebiete. Die schlechte Nachricht: Sogar in den Schutzgebieten nimmt die Insektenvielfalt ab.

Insekten wie aus einer anderen Welt
Eine Fangschrecke schlägt blitzschnell aus dem Hinterhalt zu – das Opfer hat keine Chance.

Eingeschleppte Ackergifte

Warum ist das so? Gründe hierfür beleuchtet eine wissenschaftliche Studie im Rahmen des Nabu-Forschungsprojekts Dina (Diversität von Insekten in Naturschutz-Arealen). Die Untersuchung wurde vom Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR) und dem Entomologischen Verein Krefeld (EVK) durchgeführt. Das Forschungsteam hat dazu Schutzzonen untersucht, die in unmittelbarer Nähe von Äckern liegen.

Das Ergebnis: Auf einer Länge von mehr als 11.000 Kilometern grenzen deutsche Naturschutzgebiete direkt an Ackerflächen. Bei den EU-rechtlich geschützten Fauna-Flora-Habitat-Gebieten (FFH) sind es sogar 21.100 Kilometer. Das entspricht fast dem doppelten Durchmesser der Erde. Viele Äcker liegen sogar inmitten der Schutzgebiete.

Auf diese Weise können Düngemittel und Pestizide in die Biotope gelangen – wenn sie nicht sogar in den Gebieten selbst eingesetzt werden. 

Galerie: Frühe Makroaufnahmen von Insekten und Spinnen

Viele Naturschutzgebiete sind zu klein

Ein weiteres Dilemma macht die Studie deutlich: Viele Schutzgebiete in Deutschland sind offenbar nicht nur zu klein, sie sind auch kaum miteinander verbunden. Für viele Arten sind intensiv genutzte Ackerflächen schwer zu überwindende Barrieren. Damit sind viele Insekten und auch andere Tiere sowie Pflanzen in diesen Gebieten isoliert. Der für das Überleben einer Art so wichtige genetische Austausch findet damit kaum noch statt.

Nach den Worten von Nabu-Präsident Jörg-Andreas Krüger zeigen die Ergebnisse der Studie den Handlungsbedarf: „Um die geschädigte Artenvielfalt wiederherzustellen, benötigen wir ausreichend große Schutzgebiete, in denen die Nutzung und Naturschutz aufeinander abgestimmt sind. Zweitens müssen wir die Gebiete durch ein Netz von nicht-bewirtschafteten Landschaftselementen wie Hecken und Brachen verbinden.“

Drittens müsse die Belastung durch Pflanzenschutzmittel in der gesamten Landschaft mindestens halbiert werden. Das sehe auch der EU-Green-Deal so vor, mit dem die EU-Kommission Europa bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent machen will. Grundsätzlich, so Krüger weiter, dürften biodiversitätsschädigende Pestizide nur dann auf einer Fläche eingesetzt werden, wenn zusätzlich Rückzugsflächen für Insekten vorhanden seien.

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