Hamburg: Wie sehr Kreuzfahrtschiffe die Luft verschmutzen

Kreuzfahrten sind bei Urlaubern so beliebt wie nie – doch für die Umwelt hat diese Art des Reisens dramatische Folgen. Wie Kreuzfahrten in deutschen Hafenstädten dicke Luft verbreiten und was man von Venedig lernen kann.

Von Katarina Fischer
Veröffentlicht am 5. Juli 2023, 09:20 MESZ
Kreuzfahrtschiff auf dem Meer.

Kreuzfahrtschiffe tragen einen enormen Anteil zur Luftverschmutzung in Europa bei. Ihre Emissionen übersteigen die des lokalen Autoverkehrs in europäischen Hafenstädten teilweise um ein Vielfaches.

Foto von panalot / adobe Stock

Die Ferienzeit steht vor der Tür und viele Deutsche zieht es aufs Meer. Seeluft schnuppern, sich auf dem Sonnendeck bräunen und ganz ohne Reisestress die schönsten Hafenstädte der Welt besuchen – die komfortablen Vorteile einer Kreuzfahrt liegen auf der Hand. Nachdem die Branche in den Corona-Jahren 2020 und 2021 einen dramatischen Rückgang der Passagierzahlen hinnehmen musste, war diese Art zu Reisen im Jahr 2022 bei deutschen Urlaubern so populär wie nie zuvor: 3,2 Millionen Deutsche waren in den schwimmenden Hotels auf den Weltmeeren unterwegs.

Bei aller Urlaubsfreude: Die negativen Effekte von Kreuzfahrten auf die Umwelt sind eklatant. Die riesigen Schiffe stoßen große Mengen Stickstoffoxide (NOx) und Schwefeloxide (SOx) aus, die sich in den Ökosystemen anreichern und diese nachhaltig schädigen. Außerdem sind sie gefährlich für die Gesundheit und lösen Atemwegs- und Herz-Kreislauferkrankungen aus. Bei der Treibstoffverbrennung entsteht außerdem giftiger Ruß. Die darin enthaltenen, oft mit Schwermetallen belasteten Partikel werden als krebserregend eingestuft.

Luftverschmutzung durch Kreuzfahrten nimmt wieder zu

Wie stark Kreuzfahrtschiffe die Luft in europäischen Hafenstädten belasten, hat der Verband Transport & Environment (T&E) in einer aktuellen Studie untersucht. Vergleichswerte stammen aus einer im Jahr 2019 erschienenen Vorgängerstudie. Die Analyse zeigt, dass die Kreuzfahrtbranche weiterhin nicht genug tut, um die negativen Folgen ihres Geschäfts einzudämmen.

Tatsächlich ist die Menge an Luftschadstoffen, die rund um Kreuzfahrthäfen gemessen wurde, im Vergleich zu den Jahren vor der Pandemie noch einmal gestiegen. Die 218 Kreuzfahrtschiffe, die im Jahr 2022 auf europäischen Gewässern unterwegs waren, stießen zusammen so viel SOx aus wie eine Milliarde Autos – und das obwohl die UN-Schifffahrtsbehörde im Jahr 2020 eine Schwefelobergrenze eingeführt hat.

„Die Pandemie hat den Hafenstädten eine gewisse Atempause verschafft, aber diese ist nun endgültig vorbei“, sagt Constance Dijkstra, Kampagnenleiterin für die Schifffahrt bei T&E. „Kreuzfahrten sind wieder im Kommen und Touristenhochburgen wie Barcelona und Athen ersticken erneut an der giftigen Luftverschmutzung durch Kreuzfahrtschiffe.“

Der Studie zufolge hat die Zahl der Kreuzfahrtschiffe, die Zeit, die sie in den Häfen verbringen, und die Höhe ihres Treibstoffverbrauchs im Vergleich zu 2019 um rund 24 Prozent zugenommen. SOx-Emissionen stiegen um neun Prozent, NOx-Emissionen um 18 Prozent an und der Ausstoß giftiger Partikel erhöhte sich um 25 Prozent.

Hamburg im Schadstoffranking auf Platz sechs

Insgesamt ist die Luftverschmutzung im Mittelmeerraum am höchsten. Das Ranking der europäischen Hafenstädte, deren Luft durch die Kreuzfahrt am stärksten belastet wird, führt weiterhin Barcelona an. Hier stießen die Schiffe dreimal so viele Schwefeloxide aus wie alle Autos der Stadt zusammen. Auf Platz zwei folgt Civitavecchia nordwestlich von Rom und auf Platz drei der Hafen von Piräus in Athen, Griechenland.

Es ist immer ein imposanter Anblick, wenn die Queen Mary in Hamburg einläuft. Doch ihre Besuche bleiben für die Luftqualität der Stadt nicht ohne Folgen.

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Das bedeutet allerdings nicht, dass man in Deutschland aufatmen kann – vor allem in Hamburg wäre es eher ratsam, die Luft anzuhalten. Denn die norddeutsche Hafenstadt hat im T&E-Ranking einen besorgniserregenden Sprung gemacht: von Platz 17 im Jahr 2019 auf Platz 6 im Jahr 2022. Auch Kiel in Schleswig-Holstein ist unter den 15 europäischen Städten mit der dicksten Luft.

Dabei gäbe es Wege, dem Trend entgegenzuwirken. „Die Häfen können die Schadstoffbelastung erheblich reduzieren, indem sie die Schiffe zwingen, im Hafen Landstrom zu tanken, anstatt ihre Motoren laufen zu lassen“, sagt Dijkstra. Kreuzfahrtschiffe haben während ihrer Liegezeit einen Energiebedarf, der dem einer Kleinstadt gleicht. Würden sie diesen statt mit Dieselgeneratoren über das örtliche Stromnetz decken, könnten dadurch viele Emissionen eingespart werden.

Das Problem: Nicht alle Häfen und Schiffe sind entsprechend ausgerüstet – und selbst dort, wo alle Voraussetzungen erfüllt sind, wird das Angebot vonseiten der Reedereien aus Kostengründen oft nicht genutzt. Mit der Einführung einer Landstrompflicht tut man sich in Hamburg aber schwer, denn es wird befürchtet, dass dadurch ein Standortnachteil entstehen und die Kreuzfahrtschiffe in anderen Häfen festmachen könnten.

Wo Reedereien nichts tun, helfen nur Verbote

Was aber passieren kann, wenn die Umwelt gegenüber wirtschaftlichen Interessen priorisiert wird, sieht man am Beispiel von Venedig. Die italienische Lagunenstadt, die notorisch für den Kreuzfahrttourismus war, belegte in der T&E-Studie des Jahres 2019 noch den dritten Platz. Im Jahr 2021 trat dann aber ein Verbot für große Kreuzfahrtschiffe in Kraft, das die Situation in der Stadt deutlich verbessert hat: Die SOx-Emissionen gingen um 80 Prozent zurück, im aktuellen Ranking rutscht Venedig dadurch auf Platz 41.

Um das Umweltproblem Kreuzfahrt in den Griff zu bekommen, reichen Verbote und Vorschriften von lokalen Behörden oder auf EU-Ebene aber nicht aus: Auch die Kreuzfahrtbetreiber müssen ihren Teil beitragen.

Kleiner Fjord, großes Schiff: Das Kreuzfahrtschiffaufkommen ist in Norwegen besonders hoch. Das Land hat reagiert und die hier operierenden Reedereien mit strengen Regulierungen gezwungen, ihre Flotten umweltfreundlicher zu machen.

Foto von Julius Yls / Unsplash

Der NABU veröffentlicht seit 2012 jährlich ein Kreuzfahrtranking, für das die größten Reedereien bezüglich ihrer Klima- und Umweltschutzmaßnahmen befragt werden. Im Jahr 2023 schnitten Havila und Hurtigruten im Ranking am besten ab. Sie waren die einzigen Anbieter, die es schafften, mehr als 50 Prozent der möglichen Maßnahmen umzusetzen – allerdings nur knapp.

Gas statt Öl: Andere Schadstoffe, altes Problem

Dass ausgerechnet zwei norwegische Reedereien die Nase vorn haben, ist kein Zufall: Als Land mit dem höchsten Kreuzfahrtverkehrsaufkommen Europas hat Norwegen besonders strenge Regulierungen eingeführt und dadurch einen Innovationsschub ausgelöst. Die Impulse kommen also eher von außen als von den Anbietern selbst. Als Negativbeispiel hebt der Bericht von T&E MSC Cruises hervor, deren Kreuzfahrtschiffe 2022 fast so viel SOausstießen, wie alle PKW Europas zusammen.

MSC ist außerdem eine der Reedereien, die ihre Schiffe umweltverträglicher machen wollen, indem sie zu LNG, also Flüssigerdgas, als Treibstoff wechseln. Laut Dijkstra ist das keine gute Idee. „Von Öl auf Gas umzusteigen ist wie Rauchen gegen Alkohol zu tauschen“, sagt sie. Denn obwohl LNG die Luft weniger verschmutzt, ist es aus klimatischer Sicht sehr bedenklich. Bei seinem Einsatz entsteht Methan, das 80-mal wärmender wirkt als CO2. Angetrieben mit LNG stieß zum Beispiel die MS Iona der Reederei P&O 2022 so viel Methan aus wie 10.500 Kühe in einem Jahr.

T&E fordert darum im aktuellen Bericht eine stärkere Elektrifizierung der Häfen, um die Umwelt und die Gesundheit der Menschen zu schützen. Der NABU stellt zwar fest, dass sich in der Branche etwas bewegt, befürwortet aber dennoch eine Landstrompflicht, ein generelles Verbot von Schweröl, eine E-Fuels-Quote und die großflächige Ausweisung von Null- und Niedrig-Emissionsgebieten auf See.

Das Schicksal der Kreuzfahrt hat letztlich aber der Urlauber in der Hand: Indem er entscheidet, ob und mit welchem Anbieter er eine solche Seereise antreten will.  

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