Wissenschaft

Warum das Konzept der „Rasse“ genetischer Unsinn ist

Die moderne Genetik offenbart immer neue Geheimnisse darüber, wer wir sind und was in uns steckt. Das verleitet aber auch zu Fehlschlüssen.Donnerstag, 9. November 2017

Als Wissenschaftler das Neandertaler-Genom kartierten, entdeckten sie Spuren von „Genfluss-Ereignissen“ – Sex – mit Homo sapiens. Eine Neandertalerfrau könnte so ausgesehen haben wie in dieser künstlerischen Darstellung.
Als Wissenschaftler das Neandertaler-Genom kartierten, entdeckten sie Spuren von „Genfluss-Ereignissen“ – Sex – mit Homo sapiens. Eine Neandertalerfrau könnte so ausgesehen haben wie in dieser künstlerischen Darstellung.

Mittlerweile gehört es schon zur Routine, dass Wissenschaftler die Genome lang Verstorbener kartieren, ob nun von toten Königen oder Neandertalern. Was sie dabei herausfinden, schreibt die Geschichte des menschlichen Daseins auf der Erde neu, sagt Adam Rutherford, Autor von „A Brief History of Everyone Who Ever Lived“ (dt. Eine kurze Geschichte von jedem, der je gelebt hat) – und zwar mit ein paar unerwarteten Wendungen.

Von seinem BBC-Studio in London aus erklärt Rutherford, wie die Entwicklung der Landwirtschaft die menschliche Biologie veränderte, warum Gene Menschen nicht zu Amokläufern machen und dass die wichtigste Geschichte, die unsere Gene erzählen, jene ist, dass wir trotz unterschiedlicher Herkunft alle einer Familie angehören.

Warum das Konzept der „Rasse“ genetischer Unsinn ist
Warum das Konzept der „Rasse“ genetischer Unsinn ist

Paläogenetik verändert unser Verständnis der alten Geschichte der Menschheit. Wie genau funktioniert das und was sind ein paar Ihrer persönlichen Highlights?

Wenn man sich DNA einfach als Datenspeichereinheit vorstellt, dann bestehen die gespeicherten Daten aus biologischen Informationen. In uns gibt es drei Milliarden Buchstaben aus individuellem Code, oder eben 20.000 Gene. Die Paläogenetik ist die Erforschung unserer DNA anhand von längst verstorbenen Individuen oder Gegenständen – „paläo“ meint in dem Sinne einfach „sehr alt“. Das ist neu, da wir die Technologie dafür erst in den letzten zehn Jahren entwickelt haben, und so richtig ernsthaft erst in den letzten fünf.

Interessanterweise ist DNA deutlich haltbarer als eine CD oder eine Kassette. Unter den richtigen Bedingungen kann DNA Tausende oder gar Hunderttausende von Jahren in den Knochen einer Person oder eines Organismus überdauern. Mit dem Aufkommen unserer Fähigkeit, sie zu extrahieren, können wir nun die Genome von Lebewesen untersuchen, die seit Hunderttausenden von Jahren tot sind.

Der erste große Meilenstein wurde 2009 erreicht, als es gelang, DNA aus dem Knochen eines Neandertalers zu extrahieren. Dadurch erhielten wir eine komplette Genomsequenz einer anderen Menschenart als uns selbst, was eine der wichtigsten Fragen beantwortet hat, mit der sich Paläontologen herumschlugen: Wie interagierten wir mit den Neandertalern? Also genauer gesagt, hatten wir Sex mit ihnen?

Die Antwort darauf ist ein klares Ja! Neandertaler-DNA enthält DNA des Homo sapiens, und die DNA des Homo sapiens enthält Neandertaler-DNA. Heutzutage haben Europäer im Schnitt zwischen ein und zwei Prozent Neandertaler-DNA. Mit ausgefeilten Statistiken und Computermodellen können wir außerdem feststellen, wann diese DNA vom Neandertaler in den Menschen überging und andersherum. Wir bezeichnen das als Genfluss-Ereignisse – ein irre witziger Euphemismus, denn worüber wir eigentlich sprechen, ist Sex! [Lacht]

Ein Jahr später wurde es sogar noch verrückter, als ein Knochenstück aus einem kleinen Finger und ein Backenzahn eines jugendlichen Mädchens in einer russischen Höhle an einem Ort namens Denisova gefunden wurden. Daraus ließ sich das komplette Genom dieses Lebewesens gewinnen, das sich nicht als Homo sapiens herausstellte, nicht als Homo neanderthalensis und auch sonst als nichts, das wir kannten!

Wir bezeichnen diese Leute als Denisova-Menschen. Sie sind eine menschliche Art, aber nicht wir, keine Neandertaler und auch sonst nicht zuvor Bekanntes. Wir sahen, dass wir uns mit den Denisova-Menschen gepaart haben und sie sich mit uns. Je weiter man nach Osten kommt, desto mehr Denisova-DNA findet man in den heute lebenden Menschen und umso weniger Neandertaler-DNA.

Diese Geschichte grenzt dermaßen an Magie, dass ich sie fast nicht glauben kann. Wenn man die DNA-Menge der drei bekannten Arten analysiert, von denen wir wissen, dass sie sich vermischt haben (Denisova-Menschen, Neandertaler und Homo sapiens), dann geht das nicht ganz auf. Deshalb sind wir recht sicher, dass wir auch noch die DNA einer anderen Menschenart in uns tragen, von der wir noch keinerlei Knochen oder DNA haben. Der Schatten einer anderen menschlichen Art – ihre Spur – steckt in uns allen. Das ist etwas ziemlich Besonderes!

Eine weitere aufregende Entdeckung dreht sich darum, wie Gene unsere Kultur beeinflussen und andersherum. Wie funktioniert das und wie wissen wir heute, wann die alten Europäer Geschmack für Milch und Honig entwickelten?

[Lacht] Wir sind eine technologische Art. Noch bevor wir zum Homo sapiens wurden, nutzten wir Technologie wie Feuer, um zu kochen, oder Werkzeuge wie Steine. Dadurch entwickelte sich für unsere Art etwas, das wir grob als Kultur bezeichnen. Dazu gehören Kunst und Musik, aber auch Landwirtschaft.

Die Entstehung der Landwirtschaft als unsere dominante Technologie vor 10.000 bis 12.000 Jahren veränderte unser Verhalten und unsere eigene Biologie grundlegend. Das am besten erforschte Beispiel dafür ist die sogenannte Persistenz der Laktaseaktivität. Die meisten Europäer trinken Muttermilch und nach dem Abstillen trinken sie Kuhmilch.

Die meisten Menschen auf der Erde können das nicht. Sie bekommen Blähungen und Durchfall, wenn sie nach dem Abstillen weiter Milch trinken. Das hat mit dem Enzym Laktase zu tun, das nach dem Abstillen kaum noch produziert wird, was dafür sorgt, dass man Milch nicht mehr so gut verdauen kann.

Die Tatsache, dass Europäer Milch noch verdauen können, wenn es die meisten Menschen der Welt nicht mehr können, ist interessant, weil sie auf Genetik basiert. Wenn man sich die Gene der alten Völker ansieht, weiß man, dass wir mit der Milchviehhaltung angefangen haben, bevor sich die Laktosetoleranz entwickelt hat – nicht andersherum.

Der Zahn einer jungen Frau, der in Russland gefunden wurde, offenbarte ein neue Menschenart – den Denisova-Menschen.
Der Zahn einer jungen Frau, der in Russland gefunden wurde, offenbarte ein neue Menschenart – den Denisova-Menschen.

Es war nicht so, dass wir eine Laktosetoleranz entwickelten und dann anfingen, Milchvieh zu halten. Wir hielten Schafe und Ziegen schon für ihre Milcherzeugnisse, bevor wir die Fähigkeit hatten, rohe Milch noch im Erwachsenenalter zu trinken.

Begeben wir uns ein paar Jahrtausende weiter in die Gegenwart und zu den Aufständen in Charlottesville, die zeigen, dass die Frage der Rasse in den USA noch immer ein brisantes Thema ist. Wie kann uns die Erforschung der DNA da helfen?

In vielerlei Hinsicht macht sie das Konzept der Rasse zum Gespött. Die Merkmale der normalen menschlichen Variation, die wir nutzen, um große, soziale Kategorien der Rasse zu definieren – zum Beispiel schwarz, asiatisch oder weiß – sind meist Dinge wie Hautfarbe, morphologische Merkmale oder Haartextur. Die sind alle biologisch kodiert.

Aber wenn man sich die kompletten Genome von Menschen aus aller Welt ansieht, stellen diese Unterschiede nur einen winzigen Bruchteil der Unterschiede zwischen einzelnen Menschen dar. Zum Beispiel gibt es innerhalb Afrikas mehr genetische Diversität als auf der ganzen restlichen Welt zusammen. Wenn man jemanden aus Äthiopien mit jemandem aus dem Sudan vergleicht, unterscheiden sie sich genetisch wahrscheinlich mehr voneinander als von jedem anderen Menschen der Welt.

Sie haben Ihre eigene DNA analysieren lassen. Haben Sie irgendwas Neues über sich selbst gelernt? Und warum sind Sie gegenüber kommerziellen DNA-Unternehmen so skeptisch?

Durch fadenscheinige Interpretationen betreiben einige Firmen mit echten genetischen Daten „genetische Astrologie“, wie ich es nenne. Als ich meine Ergebnisse von einem dieser Unternehmen zurückbekommen habe, hatte man mich in eine Kategorie mit einem hohen Alzheimerrisiko gesteckt, da ich eine Variante des APOE-Gens habe.

Für jemanden, der diese Implikationen nicht versteht, könnte das sehr besorgniserregend sein.  Mich stört es nicht im Geringsten, da sich das Risiko nicht speziell auf mich bezieht. Die Daten beziehen sich auf eine Gruppe von Menschen in einer Population, die dieses Merkmal haben.

Eine Nachbildung eines Fingergliedfragments, das in der Denisova-Höhle gefunden wurde, liegt an der Stelle auf einem Finger, an der es sich befunden hätte.
Eine Nachbildung eines Fingergliedfragments, das in der Denisova-Höhle gefunden wurde, liegt an der Stelle auf einem Finger, an der es sich befunden hätte.

Gene können uns viel über Populationen und über unsere Geschichte als Art erzählen, aber nur sehr wenig über Individuen. Auch deshalb habe ich dieses Buch geschrieben: um das öffentliche Verständnis der Genetik zu vergrößern, um von dieser kulturell tief sitzenden Vorstellung wegzukommen, dass Gene das Schicksal bestimmen.

2012 wurden Genetiker gebeten, die DNA des Amokläufers Adam Lanza nach Hinweisen auf den Grund seiner Gewalttätigkeit zu untersuchen. Warum halten Sie das für gefährlich?

Es sagt etwas über uns aus, dass wir nach einfachen Antworten auf komplexe Fragen suchen. Die Menschen haben sich unweigerlich der relativ neuen Wissenschaft der Genetik zu gewandt, um eine Erklärung für sonst unbegreifliche menschliche Verhaltensweisen wie Amokläufe und Morde zu finden. Aber die Vorstellung, dass es eine deterministische, genetische Komponente in jemandem gibt, der losging und 20 Kinder in einer Schule erschoss, wie Adam Lanza es getan hat, ist unglaublich fehlgeleitet.

Es gibt eine genetische Basis für menschliches Verhalten. Aber es gibt auch eine Umweltkomponente. Wir sagten früher „nature versus nurture“ (wortwörtlich Natur gegen Erziehung, i.S.v. Genetische Veranlagung gegen Umwelteinflüsse), aber wir könnten eher sagen „nature via nurture“.  Fast alle Amokläufer zeigen ähnliche Symptome umfassender psychologischer Probleme, und Adam Lanza war in dieser Hinsicht typisch.

Einige dieser Probleme haben eine erbliche Komponente. Aber wir verstehen die Genetik dieses Verhaltens nicht gut genug, um sagen zu können, dass dieses Gen dieses Verhalten auslöst. Es ist absolut möglich, dass zwei Menschen ein identisches Genom haben, aber einer von ihnen schizophren wird und der andere nicht.

Wenn wir Adam Lanzas Genom sequenzierten, würden wir einfach herausfinden, dass er ein menschliches Genom hat und dass alle Genvarianten in ihm sich auch in anderen Menschen finden, die nicht Amok laufen. Sich der Genetik zuzuwenden, um zu erklären, warum dieser Typ all dieser Kinder bei dieser furchtbaren Tat ermordet hat, verfehlt völlig das Ziel!

Der einzige gemeinsame Faktor bei allen Amokläufen ist der Zugang zu Waffen. Ich finde das ziemlich eindeutig.

Entwickeln wir uns noch weiter? Falls ja, wie sehen wir vielleicht in 5.000 Jahren aus?

Darauf gibt es eine einfache Antwort, nämlich, dass Evolution einfach Veränderung im Laufe der Zeit ist. Wenn wir weiterhin auf traditionelle Weise Kinder bekommen, dann entwickeln wir uns noch, da all unsere Genome einzigartig sind und die Genome unserer Kinder sich von unseren eigenen unterscheiden werden. In diesem Sinne verändern wir uns also.

Die eigentliche Frage dahinter ist aber, ob wir uns noch unter dem Vorzeichen der natürlichen Selektion weiterentwickeln. Diese Frage ist viel schwieriger zu beantworten, mitunter auch deshalb, weil Evolution langsam passiert. Die Anpassung an einen bestimmten Druck der Umwelt geht generell sehr langsam vonstatten, über viele, viele Generationen hinweg.

Das ist im Grunde ein Geschichtsbuch. Unsere neue Fähigkeit, DNA aus lang Verstorbenen zu gewinnen, hat Genetiker wie mich zu Historikern gemacht, und zwar mit dieser neuen Textquelle, die jede traditionelle Form des Wissens über die Vergangenheit ergänzt.

Ich bin seit 25 Jahren in der Wissenschaft tätig und habe noch nie eine so andauernde Revolution wie die der Genetik in den letzten fünf Jahren erlebt. Jede Woche kommt eine neue Studie raus, die mich verblüfft, mir aber auch ein Seufzen entlockt, weil ich infolgedessen mein Buch umschreiben muss. Vermutlich werde ich das noch viele Jahre lang weiter umschreiben. [Lacht]

Das Interview wurde zugunsten von Länge und Deutlichkeit redigiert.

Simon Worrall auf Twitter und seiner Webseite folgen.

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