Spinnenfossil: Erektion für die Ewigkeit

Der unglückselige Weberknecht scheint in einem besonders unpassenden Moment vom Baumharz überrascht worden zu sein. Freitag, 27. Juli 2018

Auf einem Baum im heutigen Burma hatte ein Cousin der modernen Weberknechte vor 99 Millionen Jahren den besten und schlimmsten Tag seines Lebens.

Nach einer einmonatigen Pubertät war der männliche Weberknecht der Art Halitherses grimaldii endlich zu einem stattlichen Exemplar herangewachsen und war mit einem Penis ausgestattet, der im erigierten Zustand die Hälfte seiner Körperlänge erreichte.

Über die Ausstattung dieses spezifischen Exemplars wissen wir deshalb so gut Bescheid, weil das Tier im erregten Zustand verstarb, wie Wissenschaftler in „The Science of Nature“ berichteten. Sein Rendezvous auf dem Baum wurde von einem klebrigen Schwall Baumharz unterbrochen, das seinen Körper umschloss und im Laufe der Zeit zu Bernstein wurde.

„Er muss in seinem sehr verliebten Zustand gewesen sein, wenn er ihn so weit ausgefahren hat“, sagte Ron Clouse vom American Museum of Natural History, der an der Studie nicht beteiligt war. „Das arme Tier.“

Im Gegensatz zu Webspinnen und Skorpionen, die den Weibchen mit Hilfe modifizierter Beine kleine Samenpakete übergeben, besitzen Weberknechte einen echten Penis, den sie dem Weibchen in eine Genitalöffnung in der Nähe des Mundraums einführen.

Den Wissenschaftlern zufolge ist das Fossil aber nicht nur aufgrund seiner entblößten Haltung so besonders, sondern auch, weil es zu den besterhaltenen zählt, die bislang gefunden wurden.

SCHON LANGE MIT DABEI

Die gut ausgestatteten Spinnentiere krabbeln schon seit mehr als 400 Millionen Jahren über den Planeten.

Für die Forscher ist der Stammbaum der Weberknechte daher besonders spannend: Er könnte Einblicke in die Ausbreitung anderer Lebewesen über die alten Landmassen der Erde geben.

Allerdings ähneln viele Weberknechte einander äußerlich sehr, sodass es oft schwer ist, Verwandtschaftsbeziehungen festzustellen. „Es ist ein Durcheinander“, sagte Clouse.

Der Studienleiter Jason Dunlop vom Berliner Museum für Naturkunde hat seine Karriere der Entwirrung dieses Durcheinanders gewidmet. Er sucht und analysiert Weberknechtfossilien – und insbesondere deren Genitalien.

„Verschiedene Familien und sogar Arten [von Weberknechten] können eine charakteristische Penisform haben“, sagte er. „Tatsächlich sind [die Penisse] oft sogar wichtiger als die Form des Körpers oder der Beine.“

FAMILIENSACHE

Fotos und 3D-Scans des H.-grimaldii-Fossils offenbarten die charakteristische Form seines Geschlechtsorgans, die sich von der anderer Arten unterscheidet. So konnte das Exemplar einer eigenen neuen Familie zugeordnet werden.  

Der Biologe Bill Shear vom Hampden-Sydney College schlug diese Methode schon im Jahr 2010 vor.  

„Es ist hocherfreulich zu sehen, dass eine ziemlich unbedeutende Gruppe von Tieren – und Fossilien! – Aufmerksamkeit erhält“, sagte er.  

Die zahnlosen Mundwerkzeuge des großäugigen Weberknechts sind auch Beweis dafür, dass er zu einer Gruppe gehört, die erst in jüngerer Zeit von einem Ast des Familienstammbaums auf einen anderen verlagert wurde.

Dunlop gab aber zu, dass das Fossil auch Fragen aufwirft. So ist beispielsweise nirgends eine Spur des vermeintlichen Weibchens zu sehen, auf dass es der Weberknecht abgesehen hatte. Eventuell wurden die beiden getrennt. Womöglich gab es aber auch kein Weibchen, sondern nur einen Todeskampf.  

„Es könnte auch sein, dass das Tier sich wehrte, als es im Baumharz feststeckte“, sagte Dunlop. „Und das könnte dazu geführt haben, dass der Blutdruck stieg und der Penis versehentlich rausgequetscht wurde.“

Autsch.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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