Wissenschaft

Nordländer herrschten auf Grönland über Europas Elfenbeinhandel

Die Siedler überlebten an der kargen, eisigen Küste dank der begehrten Zähne von Walrossen.Friday, August 10, 2018

Von Alejandra Borunda
Der Oberkiefer eines Walrosses samt den Stoßzähnen. Der Knochen wurde untersucht, um die Herkunft des mittelalterlichen europäischen Elfenbeins zu bestimmen.

Jahrelang haben Archäologen sich gefragt, warum sich die alten Skandinavier Ende des 1. Jahrtausends an den unwirtlichen und eisigen Küsten Grönlands niedergelassen hatten. Das Leben dort war bei Weitem kein einfaches. Warum also siedelten sie dort und wie überlebten sie?

Klar ist, dass die Siedler Ackerbau und Fischfang betrieben. Eine aktuelle Studie deutet nun aber darauf hin, dass sie eine weitere wichtige Einkommensquelle hatten: Sie handelten auf dem europäischen Markt mit wertvollem Walross-Elfenbein.

Die Zähne der Tiere waren im mittelalterlichen Europa ein begehrtes und kostspieliges exotisches Material aus dem fernen Norden. Sie zierten Kirchen oder wurden in Form kunstvoll geschnitzter Schachfiguren über die Spielbretter der Elite geschoben. Bislang waren sich die Forscher aber nicht sicher, woher dieses Elfenbein bezogen wurde: aus den eisigen östlichen Gewässern Skandinaviens oder den fernen westlichen Ufern Grönlands?

Die Studie basiert auf den genetischen Unterschieden zwischen den Walrosspopulationen von Island und Skandinavien im Vergleich zu denen in Grönland und Kanada. Die Forscher machten sich auf die Suche nach den Knochen und Zähnen der Tiere sowie den daraus gefertigten Objekten. Sie analysierten die alte DNA, um die Herkunft des Materials zu bestimmen.

Die Ergebnisse sprachen eine eindeutige Sprache. Vor dem 12. Jahrhundert – nachdem Erik der Rote ein Jahrhundert zuvor vermutlich Grönland besiedelt hatte – stammte alles Walross-Elfenbein in europäischen Sammlungen wahrscheinlich aus dem Osten: der Barentsee, Island oder Spitzbergen. Aber im darauffolgenden Jahrhundert verschob sich die Quelle des Materials nach Westen. Das lässt vermuten, dass die skandinavischen Siedler auf Grönland den europäischen Handel mit Walross-Elfenbein fest im Griff hatten.

Laut Bastiaan Star, einem Experten für alte DNA an der Universität Oslo und Hauptautor der Studie, ist diese geografische Verschiebung der Quelle des Walross-Elfenbeins „eine ziemliche Überraschung“.

„Lag es daran, dass die östlichen [Walross-Bestände], die den Europäern zugänglich waren, schon ausgerottet waren?“, fragt er. „Oder daran, dass die Reisen von Grönland nach Europa sozialwirtschaftlich so billig waren, dass sie ein Handelsmonopol aufbauen konnten?“

DIE VOR- UND NACHTEILE DER GLOBALISIERUNG

Das Leben an den eisigen Rändern Grönlands stellte eine unentwegte Herausforderung dar, erklärt Jette Arneborg. Die Expertin für grönländische Siedler am dänischen Landesmuseum war an der Studie nicht beteiligt. Den Kolonisten mangelte es an vielen Dingen, die zum Überleben nötig waren. Daher mussten sie stark auf den Handel mit ihren südlichen Nachbarn angewiesen sein.

„Wenn sie auf Grönland überleben wollten, mussten sie Handel betreiben, weil sie manche Dinge einfach nicht selbst besorgen konnten, zum Beispiel Rohstoffe wie Eisen“, erklärt Arneborg. „Vom ersten Tag an brauchten sie also etwas zum Handeln – und wir vermuten natürlich, dass die Zähne der Walrosse ihr Haupthandelsgut waren.“

Aber Mitte des 15. Jahrhunderts verschwanden die grönländischen Siedlungen, die mit dem Klimawandel und dem steigenden Meeresspiegel zu kämpfen hatten, der ihr karges Ackerland überschwemmte. Manche Archäologen glauben, dass die grönländischen Siedler den Kontakt zu Norwegen verloren, einem ihrer wichtigsten Handelspartner.

„Die Population der nordländischen Siedlungen war auf den Handel mit den Walrosszähnen angewiesen“, so Arneberg. Sie hält es für wahrscheinlich, dass sie „ein Problem hatten, als sie den Kontakt mit Europa verloren und nicht mehr handeln konnten“.

„Ich denke, das ist ein frühes Zeugnis der Globalisierung“, sagt Star. „Die Nachfrage aus Europa hatte damals bereits einen Einfluss auf die abgelegene arktische Region, und das vor hunderten oder tausenden von Jahren.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht

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