Wissenschaft

„BPA-frei“ ist kein Garant für sicheres Plastik

Immer mehr Produkte mit BPA-Ersatzstoffen überschwemmen den Markt. Forscher bezweifeln allerdings deren Ungefährlichkeit. Freitag, 14. September 2018

Von Maya Wei-Haas
Aufgrund der Bedenken rund um die negativen Auswirkungen von BPA haben Hersteller eine Reihe von Alternativen entwickelt, die eine sehr ähnliche Struktur und Funktionsweise haben. Immer mehr Studien lassen jedoch vermuten, dass sie auch ähnliche Risiken bergen.

Die Studie begann gewissermaßen als Unfall. Die Genetikerin Patricia Hunt von der Washington State University und ihr Team untersuchten die Auswirkungen von BPA auf die Reproduktionsfähigkeit von Mäusen. Die Testgruppe wurde in Käfigen aus BPA-freiem Plastik gehalten und erhielt das BPA über eine Tropfflasche. Die Kontrollgruppe wurde dem Wirkstoff nicht ausgesetzt.

Alles schien ganz nach Plan zu laufen, bis plötzlich Chaos ausbrach.

„Die Daten von unserer Kontrollgruppe wirkten irgendwie falsch“, sagte Hunt. Die Unterschiede zwischen der Kontroll- und der Testgruppe verschwanden, und viele Mäuse aus der Kontrollgruppe wiesen plötzlich genetische Probleme auf. Nach der ersten Verwirrung entdeckte das Team, dass einige der Plastikkäfige beschädigt waren und Bisphenol S (BPS) freisetzten. Das Material wird als Alternative zur berüchtigten chemischen Verbindung BPA verwendet.

Hunt hatte ein regelrechtes Déjà-vu. Zwanzig Jahre zuvor hatte sie die gleichen Probleme mit BPA-haltigen Mäusekäfigen. Ihre aktuelle Studie zu den Auswirkungen diverser BPA-Alternativen deutet darauf hin, dass diese Ersatzstoffe die Fortpflanzung bei Mäusen auf ganz ähnliche Weise beeinträchtigen.

Natürlich ist es nicht so einfach, von den kleinen pelzigen Nagern auf deutlich größere Säugetiere wie den Menschen zu schließen. Dennoch ist die Studie ein weiterer Beitrag zu der Menge an Forschungsarbeiten, die vermuten lassen, dass BPA-freies Plastik nicht zwangsweise ungefährlich ist. Außerdem unterstreicht sie ein größeres Problem bei der kommerziellen Entwicklung und Nutzung chemischer Verbindungen: Wenn bestimmte Chemikalien vom Markt genommen werden, werden sie oft durch andere Verbindungen ersetzt, die nicht nur ähnlich aussehen, sondern in unserem Körper auch ähnlich wirken.

„Wir spielen hier quasi eine Aufholjagd als Krankheitsdetektive“, sagt Leonardo Trasande von der NYU Langone Health, der an den Forschungen nicht beteiligt war.

Was ist BPA?

Bisphenol A oder BPA ist eine chemische Verbindung, die oft in Kunstharzen und verschiedenen Kunststoffen zum Einsatz kommt. Sie gilt als sogenannter Endokriner Disruptor oder auch Umwelthormon. Im Körper wirken diese Chemikalien wie Hormone und stören den normalen Hormonhaushalt.

„Das Besorgniserregende daran ist, dass Hormone fast alles in unserem Körper regeln“, sagt Johanna Rochester. Die Chefwissenschaftlerin von The Endocrine Disruption Exchange war an der Studie nicht beteiligt. Im Falle von BPA drehen sich die Bedenken vor allem um dessen östrogenähnliche Wirkungen.

In den letzten paar Jahrzehnten ist die Zahl der BPA-Studien förmlich explodiert. Ein großer Teil dieser Studien wies negative Auswirkungen auf die Fortpflanzung, Entwicklung und den Stoffwechsel wilder Tiere nach, darunter Rhesusaffen, Zebrabärblinge, Fadenwürmer und Mäuse. Auch bei Studien am Menschen konnte BPA mit einer Reihe gesundheitlicher Probleme in Verbindung gebracht werden.

In den Fünfzigerjahren wurde BPA bei der Herstellung der ersten Epoxidharze genutzt. Kurz darauf entdeckten BAYER und General Electric, dass die Moleküle einen praktischen kleinen Trick auf Lager haben: Zusammen mit einer anderen kleinen Verbindung können sie einen glänzenden harten Kunststoff namens Polycarbonat bilden.

Bald schon war BPA überall zu finden: in wiederverwendbaren Wasserflaschen, Plastikgeschirr, in der Beschichtung von Konservendosen, Schnabeltassen, Kassenbons und sogar in Zahnversiegelungen. Während die Menschen aus ihren Wasserflaschen tranken und ihre Mikrowellenmahlzeiten aßen, führten sie sich unwissentlich immer wieder kleine Dosen von BPA zu.

Seither ist die Substanz so allgegenwärtig geworden, dass von den 2.517 Menschen, die zwischen 2003 und 2004 am Center for Disease Control and Prevention der USA getestet wurden, 93 Prozent eine messbare Konzentration von BPA im Urin hatten.

Durch den zunehmenden öffentlichen Druck suchten die Unternehmen nach Alternativen zu BPA und brachten immer mehr „BPA-freie“ Produkte auf den Markt. Je nach Land ist die Verwendung der Substanz in bestimmten Produkten bereits verboten, in Deutschland beispielsweise bei der Herstellung von Babyflaschen. 

Anders, aber nicht unbedingt besser

BPA-freie Produkte liegen gerade voll im Trend, weshalb die Hersteller immer mehr Variationen von BPA-freiem Plastik anbieten, sodass die Wissenschaftler mit dem Prüfen gar nicht hinterherkommen. Unter den Alternativen finden sich BPS, BPF, BPAF, BPZ, BPP, BHPF und noch viele mehr. Alle haben „BP“ in ihrem Namen, da sie alle die chemische Grundstruktur eines Bisphenols haben. Jede neue Verbindung unterscheidet sich nur minimal von den anderen.

Die jüngste Studie ist nur eine von mehreren, die vermuten lassen, dass Konsumenten mit dem Kauf von BPA-freiem Plastik nicht auf der sicheren Seite sind. Die Ergebnisse zeigen, dass handelsübliche Alternativen zu BPA sich auf die „früheste Phase der Produktion von Eiern und Spermien“ auswirken können, wie Hunt sagt.

Mäuse – und Menschen – erhalten im Normalfall eine Kopie des genetischen Materials von jedem Elternteil und kombinieren diese zu jenen Erbinformationen, die sie an ihren eigenen Nachwuchs weitergeben. Hunt und ihr Team fanden heraus, das BPA und seine Alternativen diesen Prozess auf eine Art und Weise stören, die die Spermienanzahl bei Männchen bzw. die Qualität der Eier bei Weibchen verringern könnte. Diese Veränderungen können zudem an nachfolgende Generationen weitergegeben werden.

Obwohl es nach wie vor Lücken im Wissen darüber gibt, wie BPA-Alternativen sich auf Menschen auswirken, sind die Forscher besorgt. „Sie sehen BPA sehr ähnlich“, so Hunt. „Da ist es nur logisch anzunehmen, dass sie sich auch ähnlich wie BPA verhalten.“ Rochester stimmt zu und findet, dass eine solche Schlussfolgerung „nicht weit hergeholt“ sei. Zudem ist es kaum die einzige Studie, die sich mit den möglichen negativen Auswirkungen von BPA-Alternativen befasst hat. Allein im letzten Jahr wurden etwa ein Dutzend veröffentlicht.

„Das zeigt eigentlich, dass wir Chemikalien nicht einzeln, sondern als Klasse regulieren müssen – also so, dass wir auf chemische Verbindungen mit einer ähnlichen Struktur und ähnlichen Funktionsweise abzielen können“, sagt Trasande.

Wie konnte das passieren?

Das Problem ist nicht nur auf BPA beschränkt. Bei vielen Gruppen chemischer Verbindungen besteht ebenfalls das Problem einander zu ähnlicher Substitute, darunter bei Flammschutzmitteln (in Möbeln, Fahrzeugen und Elektronik), Phthalaten (Kosmetik, Hygieneprodukte, Kleber, Kunststoffe, Arzneimittel) und polyfluorierte Alkylverbindungen (wasserabweisende Stoffe, Antihaft-Produkte wie Teflonpfannen).

Bisher wird dieses Vorgehen überraschend wenig reguliert. Viele der Tests zur Erkennung von Endokrinen Disruptoren wie BPA sind mittlerweile veraltet „Die alten Standard-Toxikologietests wurden vor Jahrzehnten entwickelt“, sagt Hunt. „Das sind ziemlich unbeholfene Methoden.“

Verbesserungen sind möglich

Am Ende des Plastikregenbogens gibt es trotzdem einen kleinen Hoffnungsschimmer. „Die gute Nachricht ist, wenn wir all diese Stoffe aus der Welt schaffen, könnten wir ihre Auswirkungen wieder rückgängig machen“, so Hunt. Ihre jüngste Studie ergab: Wenn die Forscher aufhörten, den Mäusen BPA-Alternativen zu geben, kehrten die Männchen binnen vier Generationen zu ihrem Normalzustand zurück.

Auch Konsumenten können BPA-Alternativen ganz bewusst meiden, wie Trasande sagt. Wann immer möglich, sollten sie auf Plastikbehälter oder beschichtete Konservendosen verzichten und Lebensmittel stattdessen in Glas-, Keramik- oder Edelstahlbehältern kaufen und aufbewahren. Kunststoffprodukte sollten außerdem nicht in den Geschirrspüler oder die Mikrowelle, da sie dort Schaden nehmen und dann noch mehr BPA bzw. BPA-Alternativen freisetzen könnten. Wenn Plastikbehälter alt oder zerkratzt aussehen, sollte man sie wegwerfen.

Rochester zufolge sollten auch die Gesetzgeber keine Zeit dabei verlieren, von BPA-Alternativen wegzukommen. „Wir wollen doch nicht noch 20 Jahre warten, bis all die Studien an Menschen zeigen, dass es ein Problem gibt“, sagt sie. „Den Fehler können wir nicht noch mal machen.“

 

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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