Warum die Pandemie der Umwelt am Ende mehr schadet als nützt

Eine Zeitlang war die Luft sauberer. Aber während das Virus alle Aufmerksamkeit auf sich zog, wurden die Grundsteine für eine schmutzige Zukunft gelegt.

Wednesday, June 24, 2020,
Von Beth Gardiner
Arbeiter in Kiew in der Ukraine entsorgen gebrauchte Masken und Handschuhe in einem Verbrennungsofen.

Arbeiter in Kiew in der Ukraine entsorgen gebrauchte Masken und Handschuhe in einem Verbrennungsofen.

Bild Volodymyr Tarasov, Ukrinform/Barcroft Medi/Getty Images

Die Coronavirus-Pandemie würde sich positiv auf die Umwelt auswirken, hieß es nach Beginn der Quarantänemaßnahmen oft. Während die Menschheit zu Hause bleibt, erholt sich die Natur. Für viele, die nach einer positiven Seite der globalen Tragödie suchten, war das eine tröstliche Vorstellung. Die Realität holt diese Hoffnungen nun womöglich ein.

Die Vorteile, die viele schon früh als ermutigend empfanden – von sauberer Luft bis hin zu Vogelgezwitscher, das überall ertönte, als der Lärm von Autos und Flugzeugen schwand –, konnten gar nicht mehr als temporär sein. Nun, wo die weltweiten Lockdowns gelockert werden, lösen sie sich langsam in Wohlgefallen auf. Einige Experten befürchten, dass der Welt eine Zukunft mit mehr Verkehr, mehr Umweltverschmutzung und einem Klimawandel bevorsteht, der sich rapider denn je verschlimmert. Noch ist es zu früh, um abschätzen zu können, ob sich dieses düstere Szenario durchsetzen wird. Aber die Anzeichen dafür scheinen sich überall auf der Welt zu mehren.

Anfang April, als es weltweit Ausgangsbeschränkungen und Quarantänemaßnahmen gab, gingen die täglichen globalen CO2-Emissionen im Vergleich zum Vorjahr um 17 Prozent zurück. Doch seit 11. Juni sind sie nur noch etwa 5 Prozent niedriger als zum gleichen Zeitpunkt im Jahr 2019, obwohl der normale Betrieb noch nicht wieder vollständig aufgenommen wurde.

„Wir haben immer noch die gleichen Autos, die gleichen Straßen, die gleichen Industrien, die gleichen Häuser“, sagt Corinne Le Quéré. Die Professorin für Klimawandel an der University of East Anglia in Großbritannien ist die Hauptautorin der ursprünglichen Studie. „Sobald die Beschränkungen aufgehoben sind, machen wir also genau so weiter wie bisher“.

Nun „ist das Risiko sehr hoch“, dass der Kohlenstoffausstoß über das Niveau vor der Pandemie hinaus ansteigen könnte, sagt sie. „Besonders, da wir das in der Vergangenheit schon mal gesehen haben, vor nicht allzu langer Zeit.“ Während der Finanzkrise 2007/2008 gingen die Emissionen zurück, stiegen danach aber wieder an.

Schmutzige Rückkehr in China

China war das erste Land, das nach dem Ausbruch des Virus einen Lockdown beschloss, und eines der ersten, das wieder in den Alltag zurückkehrte. Deshalb bietet das Land eine Vorschau auf das, was auch anderswo auf uns zukommen könnte. Die dramatischen Verbesserungen der Luftqualität, die als Folge der im Februar und März weitgehend zum Stillstand gekommenen Produktions- und Transportprozesse eintrat, sind nun verschwunden.

In Nordchina soll ein neues Kohlekraftwerk gebaut werden. Experten befürchten, dass solche Infrastrukturen im Energiesektor große künftige Gesundheits- und Klimaprobleme mit sich bringen, da sie in der Regel viele Jahre lang genutzt werden.

Bild Yang Shiyao Xinhua, eyevine/R​edux

Die Fabriken beeilten sich, die verlorene Zeit wieder aufzuholen, und so kehrte die Umweltverschmutzung Anfang Mai auf das Niveau vor dem Coronavirus zurück. An einigen Orten übertraf sie frühere Werte sogar für kurze Zeit, auch wenn sie seitdem wieder etwas zurückgegangen ist. Währenddessen geben Provinzbeamte, die verzweifelt auf den wirtschaftlichen Aufschwung warten, der mit jedem Bauprojekt einhergeht, grünes Licht für eine Reihe neuer Kohlekraftwerke, sagt Lauri Myllyvirta. Der leitende Analyst des in Helsinki ansässigen Forschungszentrums für Energie und saubere Luft hat über die Verschmutzungsdaten aus China berichtet. Wenn neue Kraftwerke gebaut werden, gehen damit künftig große Gesundheits- und Klimaprobleme einher, da diese Infrastruktur in der Regel viele Jahre lang genutzt wird, warnen Experten.

„Plötzlich werden sehr viel mehr Genehmigungen erteilt“, sagt Myllyvirta. Wenn die Welt die katastrophalsten Klimaszenarien vermeiden will, muss China seine Investitionen in saubere Energie stecken anstatt in Kohle, sagt er. „Das ist sehr alarmierend.“

Kühne Strategien der Umweltsünder

Inmitten der Pandemie und der daraus resultierenden wirtschaftlichen Implosion kämpfen viele Industrien – von fossilen Brennstoffen über Kunststoffe und Fluggesellschaften bis zu Automobilen – um Vorteile. Einige Regierungen, vor allem die der Vereinigten Staaten, schenken den Bitten der Unternehmen um Subventionen, die Rücknahme regulierender Maßnahmen und andere Gefälligkeiten Gehör.

„Es besteht ein ernsthaftes Risiko, dass die großen Umweltsünder kühner und potenziell profitabler denn je aus dieser Krise hervorgehen“, sagt Lukas Ross, ein leitender Politikanalyst bei Friends of the Earth, einer Lobbygruppe.

Eine Industrie, die besonders viel Geld einheimst, ist die Öl- und Gasindustrie. Die aggressive Lobbyarbeit der Unternehmen bringt ihnen Milliarden Dollar an öffentlichen Geldern ein, die dafür vorgesehen waren, den wirtschaftlichen Schaden der Pandemie zu mildern, sagt Ross, der zwei Berichte über diese Bemühungen verfasst hat.

Galerie: Dieser Fotograf lichtete die schlimmsten Umweltsünden Chinas ab

Die Hilfsmaßnahmen umfassen Steueränderungen, die der Branche zugutekommen, Steuererleichterungen für die Lizenzgebühren, die Unternehmen für Bohrungen oder die Förderung auf öffentlichem Land zahlen, und Zugang zum 600 Milliarden Dollar schweren Main Street Lending-Programm der Federal Reserve. Dieses Programm „wurde bereits speziell im Sinne der von der Öl- und Gasindustrie geforderten Änderungen modifiziert“, sagt Ross.

Die Fracking-Industrie, die seit Jahren bares Geld verschleudert, gehört ebenfalls zu denen, die um finanzielle Hilfe bitten. „Es bedeutet nicht nur ein Risiko für das Klima, diese scheiternden Unternehmen zu unterstützen, sondern auch für die Steuerzahler, die das Risiko dieser Rettung tragen müssen", sagt er.

Das American Petroleum Institute sagt, dass die von ihm vertretenen Öl- und Gasunternehmen um keine besonderen Gefälligkeiten gebeten haben. Stattdessen greifen sie auf wirtschaftliche Hilfsprogramme für alle Industriesektoren zurück. Steueränderungen und Kreditvergabe-Initiativen „gelten für alle Unternehmen – von Herstellern und Einzelhändlern bis hin zu Restaurants und Energieproduzenten –, die in finanzielle Not geraten sind“, sagt Scott Lauermann, ein Sprecher der Gruppe.

Aber diese finanzielle Unterstützung kommt zusätzlich zu den aggressiven Rücknahmen regulatorischer Maßnahmen, die die Trump-Regierung während der Pandemie weiter vorangetrieben hat. Neben vielen anderen Maßnahmen hat die Regierung die Durchsetzung der Vorschriften zur Luft- und Wasserverschmutzung wirksam ausgesetzt; die Möglichkeiten der Staaten, Energieprojekte zu blockieren, eingeschränkt; und die Forderung nach einer Umweltprüfung und öffentlicher Beteiligung an neuen Minen, Pipelines, Autobahnen und anderen Projekten ausgesetzt.

„Im April wurde es ehrlich gesagt fast zu einer Vollzeitbeschäftigung“, nicht den Überblick über all die Geschenke an die Industrie zu verlieren, sagt Amy Westervelt. Die Journalistin und Moderatorin des Podcasts Drilled hat diese Entwicklungen verfolgt.

Die Regierung hätte viele der Änderungen vermutlich ohnehin angestrebt. Aber „wir sehen hier einfach viel weniger Widerstand, als sie bekommen hätten“, wenn die Pandemie nicht die meiste Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätte, glaubt sie.

Ein weiteres Sorgenkind ist der Verkehr. Das Social Distancing ist in öffentlichen Verkehrsmitteln nur schwer einzuhalten und viele Reisende haben Angst, sich dort mit dem Virus zu infizieren. Städte laufen deshalb Gefahr, von noch mehr Autos als sonst verstopft zu werden, befürchtet eine News-Website für Verkehr.

In China ist der Verkehr wieder auf dem Niveau von vor der Pandemie, auch wenn viele Menschen noch nicht wieder pendeln und reisen, sagt Myllyvirta. Und während Städte auf der ganzen Welt in Windeseile Radwege ausbauen, um die Verlagerung weg von U-Bahnen, Zügen und Bussen zu bewältigen, „ist die große Frage, ob auch nur annähernd ausreicht“, sagt er.

Selbstbedienung im Amazonas

In Brasilien haben Holzfäller illegal die Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes vorangetrieben, während das Coronavirus die Nation in Atem hält. Laut Satellitendaten der Weltraumforschungsagentur INPE wurden im April 2020 64 Prozent mehr Land gerodet als im gleichen Monat des Vorjahres – obwohl 2019 so viel Waldfläche gerodet wurde wie seit mehr als zehn Jahren nicht mehr.

Präsident Jair Bolsonaro setzt sich seit Langem für eine stärkere kommerzielle Ausbeutung des Amazonasgebiets ein. In den letzten Monaten sahen sich illegale Holzfäller, Bergleute und Viehzüchter kaum noch der Strafverfolgung ausgesetzt, wenn sie sich öffentliches Land aneigneten.

Wissen kompakt: Entwaldung
Wälder bedecken etwa 30 % der Erde, aber durch die Entwaldung wird dieser Lebensraum im großen Maß zerstört. Erfahrt mehr über die Ursachen, Folgen und Alternativen zur Entwaldung.

„Man kann im Amazonas tun, was immer man will, und wird nicht bestraft“, sagt Ane Alencar, die wissenschaftliche Leiterin des IPAM Amazônia, einer wissenschaftlichen Non-Profit-Organisation. Die Beamten benutzen die Pandemie „als Ablenkung“, um die Zerstörung zu ermöglichen.

Das Amazonasgebiet mit seiner indigenen Bevölkerung ist mit am schlimmsten von COVID-19 betroffen. Nun drohen die beiden großen Krisen des Landes zu kollidieren. Die gerodete Vegetation wird in der Regel ab Juli, nachdem sie ausgetrocknet ist, in Brand gesteckt. Der daraus resultierende dichte Rauch verschlimmert Herz- und Lungenprobleme.

Die Brände des letzten Jahres waren verheerend. Aber diesmal – mit so viel gerodetem Brennmaterial und einer grassierenden Atemwegserkrankung – sind die Gefahren noch größer. Zusätzlich zu den klimatischen Auswirkungen, die der Verluste des Regenwaldes mit sich bringt, könnte der Rauch das Leiden der COVID-19-Patienten verschlimmern und den Druck auf die Krankenhäuser, die bereits mit der Pandemie zu kämpfen haben, weiter erhöhen, sagt Alencar.

Europas Prioritäten

Selbst in Europa, wo die Staats- und Regierungschefs nicht auf die vollständige Abschaffung von Umweltvorschriften drängen, könnten die andauernden Gesundheits- und Wirtschaftskrisen die Aufmerksamkeit von der Klimakatastrophe ablenken, sagt Åsa Persson, Forschungsdirektorin am Stockholmer Umweltinstitut. Diese war erst im vergangenen Jahr endlich auf der politischen Agenda nach oben gerückt – vor allem wegen der Fridays-For-Future-Demonstrationen.

„Wo werden sie ihre Prioritäten setzen?“, fragt sie. Werden die Regierungen versuchen, die Wirtschaft zu stützen, indem sie alte, umweltverschmutzende Industrien unterstützen? Oder werden sie den Forderungen nach einem grünen Wandel nachkommen und die Krisenfonds nutzen, um Arbeitsplätze in Sektoren wie erneuerbare Energien und Energieeffizienz zu schaffen?

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Diese gewaltigen Summen auf eine Weise zu verteilen, die die Welt in eine kohlenstoffarme Zukunft führt – und dabei die rassischen und wirtschaftlichen Ungleichheiten bekämpft, die die Pandemie offenbart hat –, würde weit mehr als nur ein paar Monate reduzierter Emissionen bringen, argumentiert Ross.

„Wir werden keine weitere Chance erhalten“, sagt er. „Wir können es uns nicht leisten, zum alten Status quo zurückzukehren.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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