UN-Bericht zur biologischen Vielfalt: Alle Ziele verfehlt

Auch im letzten Jahrzehnt wurde der Schutz des Planeten ungenügend priorisiert. Wenn wir so weitermachen, könnte das die Weltwirtschaft bis 2050 rund 10 Billionen Dollar kosten.

Friday, September 18, 2020,
Von Katya Zimmer
Eine nahe gelegene Halbinsel schützt einen empfindlichen Korallengarten in der Kimbe-Bucht bei New Britain Island in ...

Eine nahe gelegene Halbinsel schützt einen empfindlichen Korallengarten in der Kimbe-Bucht bei New Britain Island in Papua-Neuguinea vor Stürmen. Die Welt habe es weitgehend versäumt, solche biologisch vielfältigen Gebiete zu schützen, heißt es in einem UN-Bericht vom September 2020.

Bild David Doubilet, Nat Geo Image collection

Im Jahr 2010 – als noch niemand damit rechnete, dass der Himmel über Kalifornien in einem apokalyptischen Orange glühen oder eine Pandemie die Weltwirtschaft fast zum Erliegen bringen würde – versammelten sich Vertreter aus 196 Ländern im japanischen Nagoya. Gemeinsam wollten sie eine weltweite Krise angehen, die untrennbar mit dem Klimawandel und dem menschlichen Wohl verflochten ist.

Das Wachstum der menschlichen Bevölkerung, Ressourcenverbrauch und die Veränderung natürlicher Lebensräume zerstören zunehmend das lebendige Gefüge der Erde. Die Folge ist ein neues Artensterben, das zum dauerhaftesten Vermächtnis der Menschheit zu werden droht.

“Keines der 20 Ziele wurde vollständig und nur sechs teilweise erreicht.”

Die Biodiversitätskonvention der Vereinten Nationen – ratifiziert von allen UN-Mitgliedern mit Ausnahme der Vereinigten Staaten – legte 20 Ziele fest, um den Verlust der biologischen Vielfalt einzudämmen. Mit der Veröffentlichung eines wichtigen Berichts am 15. September 2020 fiel das endgültige Urteil darüber, wie gut die Regierungen der Welt sich dieser Herausforderung gestellt haben.

Die schlechte Nachricht ist, dass wir versagt haben. Keines der 20 Ziele wurde vollständig und nur sechs teilweise erreicht. Damit ist der Bericht eine weitere Erinnerung an die dringende Notwendigkeit, unsere Warenproduktion, unseren Konsum und unser Handeln neu zu gestalten. Aber in dem 220 Seiten langen Dokument – einer Synthese aus wissenschaftlichen Erkenntnissen, anderen UNO-Bewertungen und den nationalen Berichten der Länder – verbergen sich Hoffnungsschimmer, die zeigen, dass es der Natur gut geht, wenn Maßnahmen ergriffen werden. Wenn es gelänge, solche Bemühungen im großen Maßstab umzusetzen, gäbe es immer noch Hoffnung für eine Zukunft, in der die Menschheit in Harmonie mit der Natur lebt.

„Wenn in diesen wenigen Bereichen nichts unternommen worden wäre, wäre die heutige Lage noch schlechter“, sagt Elizabeth Maruma Mrema, die Chefsekretärin der Biodiversitätskonvention.

Arten am Rande des Abgrunds

Dass die Welt die Ziele von Aichi – benannt nach der japanischen Präfektur, in der sie niedergeschrieben wurden – nicht erreicht hat, ist kaum eine Überraschung. Eine Zwischenbewertung im Jahr 2014 deutete bereits an, dass wir nicht auf dem richtigen Weg waren. Und ein wegweisender Bericht des Weltbiodiversitätsrats aus 2019 warnte, dass in den nächsten Jahren das Schicksal von einer Million der fast neun Millionen geschätzten Pflanzen- und Tierarten durch Zerstörung von Lebensräumen, Umweltverschmutzung, Raubbau, die Ausbreitung invasiver Arten und zunehmend auch durch den Klimawandel auf dem Spiel steht.

In den letzten zehn Jahren konnten zwischen 11 und 25 Vogel- und Säugetierarten durch Naturschutzmaßnahmen vor dem Aussterben gerettet werden. Doch laut dem Bericht der Biodiversitätskonvention wurden weitaus mehr für ausgestorben erklärt, auch wenn er keine genaue Zahl nennt. Und das Aussterben ist nur die Spitze des Eisbergs: Viele einst weit verbreitete Arten werden seltener und rutschen auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion in immer kritischere Risikokategorien ab.

“Wir könnten vor einem umfangreichen Massensterben stehen, wenn wir einige dieser Trends nicht umkehren können.”

Thomas Lacher, Texas A&M University

Erst Anfang September schätzte der Living Planet Report 2020 des WWF, dass zwischen 1970 und 2016 die Bestände von fast 21.000 Arten von Säugetieren, Fischen, Vögeln, Reptilien und Amphibien um durchschnittlich 68 Prozent geschrumpft sind. „Das gibt zweifelsfrei Anlass zu der Sorge, dass wir vor einem umfangreichen Massensterben stehen könnten, wenn wir einige dieser Trends nicht umkehren können“, sagt Thomas Lacher, Naturschutzbiologe an der Texas A&M University und Mitglied des Komitees für die Rote Liste.

Schutz der Lebensräume

Bemerkenswert ist immerhin, dass eines der Ziele – der Schutz von etwa 17 Prozent der weltweiten Landfläche und 10 Prozent der Ozeane – teilweise erreicht wurde. Aktuell stehen 15 Prozent der Land- und Süßwasserflächen sowie 7,5 Prozent der Meere unter Schutz.

Obwohl das definitiv „eine positive Entwicklung“ sei, verweist der Meeresökologe Boris Worm von der Dalhousie University im kanadischen Halifax auf einige Vorbehalte. Schutzgebiete sind nicht immer gut geschützt. Zum Beispiel erlauben viele europäische Meeresschutzgebiete die zerstörerische Schleppnetzfischerei. Forschungen zeigten, dass bestimmte Arten wie etwa Haie es in solchen Gebieten tatsächlich schwerer haben als außerhalb der Schutzzonen.

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Schutzgebiete müssten zudem besser vernetzt werden, damit die Arten zwischen ihnen umherziehen können – und sie müssen ein breiteres Spektrum von Lebensräumen abdecken. Politische Entscheidungsträger weisen oft abgelegene Gebiete von geringem wirtschaftlichen Wert als Schutzgebiete aus, die aber nicht großartig von diesem Status profitieren. „Es ist in Ordnung, die einfachen Lösungen zu bevorzugen. Aber irgendwann muss man sich auch den anderen Bereichen widmen“, sagt Worm.

Ein Hauptgrund dafür, dass der Schutz großer Gebiete überhaupt gelungen ist, liegt darin, dass daran in der Regel Umweltbehörden beteiligt sind. Aber die wirklich wichtigen Dinge – die Verringerung des Drucks durch Überfischung, Entwaldung, Transport, Energieproduktion und Landwirtschaft – werden normalerweise von anderen, mächtigeren Behörden kontrolliert, die den Zielen der Biodiversitätskonvention nicht viel Beachtung schenken, erklärt der Meeresbiologe David Obura von der Organisation Coastal Oceans Research and Development. „Die Ziele und Vorgaben der Biodiversitätskonvention sind stark auf die biologische Vielfalt ausgerichtet. Aber sie werden nicht unbedingt von den Behörden anerkannt, die mit den treibenden Faktoren dieses Drucks zu tun haben.“

Reduzierung des menschlichen Einflusses

Die globale Fischerei entnimmt beispielsweise immer noch viel schneller Meeresfrüchte aus den Ozeanen, als die Arten sich regenerieren können. Mancherorts wird mittlerweile aber schon nachhaltige Fischerei praktiziert, sodass sich die Fischbestände dort erholen. Die Wälder – eine wichtige Quelle für die Biodiversität an Land – verschwinden weiterhin. Zumindest hat laut dem aktuellen Bericht die Geschwindigkeit ihres Rückgangs in den letzten zehn Jahren um ein Drittel abgenommen. Auch andere Ziele wurden verfehlt, die zum Beispiel den Schwund natürlicher Lebensräume um mindestens die Hälfte zu reduzieren und wichtige geschädigte Ökosysteme wiederherstellen sollten.

“Die Schäden durch die Landwirtschaft könnten verringert werden, wenn die Menschen weniger tierisches Eiweiß zu sich nähmen.”

Die wichtigste treibende Kraft hinter der Zerstörung von Lebensräumen ist die Landwirtschaft, die sich in den letzten zehn Jahren auf fast 40 Prozent der weltweiten Landfläche ausgeweitet hat. Der weltweite Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln – eine Hauptursache für die Umweltverschmutzung und zahlreiche sauerstoffarme Todeszonen in den Ozeanen – zeigen Anzeichen eines Rückgangs. Die Schäden durch die Landwirtschaft könnten verringert werden, wenn die Menschen weniger tierisches Eiweiß zu sich nähmen, stellt der Bericht fest. „Vielleicht bräuchten wir gar nicht erst so viel Land umwandeln, wenn unsere Nahrungsmittelversorgung stärker auf den Verbrauch von Lebensmitteln weiter unten in der Nahrungskette ausgerichtet wäre“, sagt Lacher.

Interessanterweise gab es teilweise Fortschritte in Richtung eines Ziels, das eine der großen Ursachen des Artensterbens in Angriff nimmt: invasive Arten. Über Flugzeuge und Schiffe gelangen diese Eindringlinge in neue Gebiete, wo sie einheimischen Arten den Rang ablaufen und ökologische Schäden anrichten können. Aber der Fortschritt bei diesem Ziel mag zum großen Teil seinem Wortlaut zu verdanken sein, zu dem auch die „Identifizierung“ und „Priorisierung“ invasiver Arten gehört – also Dinge, die sich leicht tun lassen, „ohne wirklich etwas zu unternehmen“, sagt Vigdis Vandvik. Die Pflanzenökologin arbeitet an der Universität Bergen in Norwegen.

Die Invasion neuer Arten verlangsamt sich allerdings nicht, was zum Teil auf mangelnde Regulierung des Handels zurückzuführen ist. Dafür wurden seit 2010 etwa 200 invasive Säugetierarten auf Inseln ausgerottet – ein kleiner Sieg für die einheimische Tierwelt, sagt Vandvik. „Wir befinden uns jetzt in einer Lage, in der selbst Tropfen auf dem heißen Stein eine gute Nachricht sind“, sagt Vandvik.

Kleine Erfolge sind nicht genug

Der Bericht der Biodiversitätskonvention listet auch andere kleine Erfolge auf. Beispielsweise hat sich der Austausch von wissenschaftlichen Erkenntnissen und Daten über die biologische Vielfalt verbessert. Weitere Länder haben einen internationalen Vertrag unterzeichnet, um den Handel mit bedrohten Arten einzuschränken. Und die Regierungen haben die finanziellen Mittel, die sie für den Schutz der biologischen Vielfalt ausgeben, erhöht: Weltweit betragen sie im Schnitt nun zwischen 80 und 90 Milliarden Dollar pro Jahr. Aber diese Zahl verblasst im Vergleich zu den etwa 500 Milliarden Dollar pro Jahr, die die Regierungen für Bereiche vorsehen, die potenziell schädlich für die biologische Vielfalt sind – zum Beispiel Subventionen für die Gewinnung fossiler Brennstoffe und bestimmte landwirtschaftliche Praktiken.

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Solange die Menschheit mehr Ressourcen in die Zerstörung als in den Schutz der biologischen Vielfalt investiert, wird sich die Fähigkeit der Ökosysteme verschlechtern, ihrerseits Ressourcen und Dienstleistungen wie Bestäuber, sauberes Wasser und fruchtbare Erde zu liefern. Wenn wir so weitermachen wie bisher, könnte das die Weltwirtschaft bis 2050 rund 10 Billionen Dollar kosten. Die ärmeren Nationen hätten dabei die Hauptlast zu tragen, heißt es in dem Bericht. Und je mehr wir in die natürlichen Lebensräume eingreifen, desto wahrscheinlicher ist es, dass einst isolierte Viren von Tieren auf Menschen überspringen und womöglich neue Pandemien auslösen.

„Mit steigenden Bevölkerungszahlen und einem wachsenden Maß an Landerschließung und Konsum wird die Natur in den kommenden Jahrzehnten weiter schwinden – das steht außer Frage“, sagt Obura. Die Frage ist: „Können wir diesen Prozess stoppen, bevor er diesen Punkt erreicht?“

Neue Chance in China

Die Lösung sei ein „transformativer Wandel“ – eine Formulierung, die im gesamten Bericht 14 Mal auftaucht. Das bedeutet nicht nur besser formulierte, spezifischere Ziele und konkrete Möglichkeiten, den Fortschritt der Länder zu messen. Es sei auch nötig, die biologische Vielfalt in den Mittelpunkt aller Politiken zu stellen, die beeinflussen, wie wir produzieren, konsumieren und unsere Städte und Agrarflächen gestalten. Außerdem müssen wir die globale Erwärmung auf 2 °C beschränken. Sonst könnten die Folgen für die Ökosysteme alle positiven Maßnahmen für die biologische Vielfalt übertreffen, fügte der Bericht hinzu.

Die Biodiversitätskonvention hat kürzlich einen „Null-Entwurf“ veröffentlicht, der die Grundlage für die Verhandlungen im nächsten Jahr im chinesischen Kunming bilden wird. Dort sollen neue Ziele für das nächste Jahrzehnt festgelegt werden. Doch Linda Krueger, leitende Politikberaterin bei der Nature Conservancy, befürchtet, dass das Dokument noch nicht stark genug ist, um sinnvolle Veränderungen zu bewirken. „Damit [es] wirklich grundlegend etwas verändern kann, muss es klare Verpflichtungen der Länder enthalten, die Auswirkungen von Industrie, Landwirtschaft und Infrastruktur zu reduzieren – und zwar über alle Lieferketten hinweg. Das wird politisch schwierig sein. Aber mit weniger werden wir den Verlust an biologischer Vielfalt wahrscheinlich nicht aufhalten können.“

Im Idealfall sollten die Gesetzgeber formell anerkennen, dass die biologische Vielfalt nicht mit menschlichen Interessen konkurriert, sondern eine Grundlage der Menschenrechte ist, sagt Elisa Morgera. Die Expertin für Umweltrecht ist an der University of Strathclyde in Schottland angestellt. „Sobald man die Menschenrechte in die Betrachtung einbezieht und erkennt, dass es nicht nur um eine bestimmte Pflanze oder Mikrobe geht, sondern um das [Recht auf Gesundheit, sauberes Wasser und Nahrung] eines jeden, ändert das die Gesprächsgrundlage. Die Regierungen stehen dann unter größerem Druck, diese Dinge ernst zu nehmen.“

Die neuen Ziele sollten auch verbindlich sein, sagt Ramiro Batzín, Co-Vorsitzender des Internationalen Indigenen Forums zur Biodiversität. Er stellt fest, dass viele Länder das traditionelle Wissen der indigenen Gemeinschaften immer noch nicht respektieren – ein weiteres gescheitertes Aichi-Ziel –, obwohl die indigene Bevölkerung eine zentrale Rolle beim Schutz der Biodiversität spielt. „Es muss ein Gleichgewicht geben“ zwischen uns und der Natur, sagt Batzín. „Wir können von der biologischen Vielfalt nehmen, was wir brauchen, aber wir dürfen sie nicht ausbeuten.“

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verfehlt wurden. Bedeutende Veränderungen käeen selten allein von oben, sagt Dolly Jørgensen, eine Umwelthistorikerin an der Universität von Stavanger in Norwegen. Stattdessen lehrt uns die Geschichte, dass Veränderungen oft von unten her beginnen. Einige der berühmtesten Umwelterfolge der modernen Geschichte – ein nahezu weltweites Verbot des industriellen Walfangs oder die Rückkehr der Biber in Europa – wurden in ihrem Kern von Einzelpersonen oder Gruppen vorangetrieben. Sie mobilisierten sich, forderten mehr Wahlmöglichkeiten von Unternehmen und setzten eine Aufwärtsspirale in Gang, die schließlich die politischen Entscheidungsträger erreichte.

„Individuen bilden zusammen ein Ganzes“, sagt Jørgensen. „Deshalb ist es wichtig, was einzelne Menschen tun.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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