Wissenschaft

Fossilfund: „Dinosaurier-Hörnchen“ mit Fledermausflügeln

Das seltene Fossil aus China ist das bislang besterhaltene Exemplar aus einer sonderbaren Gruppe von Theropoden.Dienstag, 14. Mai 2019

Von Michael Greshko
Diese Illustration zeigt Ambopteryx longibrachium. Die neu entdeckte Dinosaurierart war vermutlich nicht flugfähig, verfügte aber über fledermausartige Flügelmembranen, mit deren Hilfe er durch die Baumkronen glitt. Er lebte vor etwa 163 Millionen Jahren auf dem Gebiet des heutigen China.

Vor mehr als 160 Millionen Jahren lebte ein merkwürdiges Raubtier in den Wäldern des heutigen China: Dort glitt ein winziger Dinosaurier mit ledrigen, fledermausartigen Flügeln von Baum zu Baum. Das neu entdeckte Fossil, das im Fachmagazin „Nature“ vorgestellt wurde, ist erst der zweite gefiederte Saurier mit Spuren großer Flugmembranen, der je gefunden wurde. Auch der Name für das außergewöhnliche Tier steht schon fest: Ambopteryx, was so viel wie „beide Flügel“ bedeutet.

„Das Spannendste daran ist für mich, dass das zeigt, dass einige Saurier sehr unterschiedliche Strukturen entwickelt haben, um flugfähig zu werden“, sagt der Hauptautor der Studie Min Wang, ein Paläontologe am chinesischen Institut für Wirbeltierpaläontologie und Paläoanthropologie (IVPP).

Ambopteryx ist nun das bekannteste Fossil einer Gruppe von nicht flugfähigen Sauriern mit dem zungenbrecherischen Namen Scansoriopterygidae, zu der auch Yi qi gehört – der erste je gefundene Dinosaurier mit fledermausartigen Flügeln. Der Fossilfund, der 2015 vom Co-Autor und stellvertretenden Direktor des IVPP Xing Xu verkündet wurde, sorgte auch dafür, dass die Wissenschaft ihr Verständnis für die Evolution der Flugfähigkeit hinterfragte.

Erfolgskonzept Fliegen

„Vor der Entdeckung von Yi qi versuchten wir, jeden flugfähigen Dinosaurier, den wir fanden, in eine evolutionäre Abstammungslinie mit Vögeln zu setzen“, erzählt der Co-Autor Jingmai O’Connor. Der IVPP-Paläontologe ist auf Urvögel spezialisiert. „Yi qi hat diese Vorstellung völlig über Bord geworfen.“

Derzeit glauben die Forscher, dass sich die Fähigkeit zum Fliegen mindestens vier Mal unabhängig voneinander bei verschiedenen Dinosauriern entwickelt hat, darunter auch in der Gruppe der Scansoriopterygidae. Dennoch wurde das Fossil von Yi qi auch mit einer gesunden Portion Skepsis betrachtet. Es verfügt über eine Art knöcherne Strebe, die vom Handgelenk ausgeht. Paläontologen vermuteten, dass dieser Stylus ein stützendes Element für die gespannte Flugmembran sein könnte. Aber kein anderer ausgestorbener oder noch lebender Dinosaurier verfügte über ein solches Merkmal – bis man Ambopteryx fand.

Das neu entdeckte Fossil hat nicht nur ebenfalls solche Styli, sondern weist an einem Flügel noch einen bräunlichen Film auf, den Forscher für die Überreste einer Flügelmembran halten. Darüber hinaus hat Ambopteryx versteinerte Federn und einen Pygostyl – eine Gruppe verschmolzener Schwanzwirbel, die bei modernen Vögeln die Schwanzfedern stützen.

Ein fliegendes „Dinosaurier-Hörnchen“

Ein Bauer fand das Fossil des Ambopteryx 2017 vor einem Dorf bei Lingyuan, einer Stadt in der nordöstlichen chinesischen Provinz Liaoning. Als das IVPP das Fossil erhielt, dachten die Forscher zunächst, es würde sich um einen prähistorischen Vogel handeln, weshalb Wang – ein Experte für die frühe Evolution von Vögeln – die Führung übernahm. Aber als Präparatoren das umliegende Gestein vorsichtig entfernten, erkannte er, dass das Tier keineswegs ein Vogel war.

Das mittlerweile vollständig freigelegte Fossil zeigt in vielen Details, wie das Leben des Ambopteryx aussah. Aller Wahrscheinlichkeit nach war er ein opportunistischer Allesfresser: In seinem Magen befanden sich Gastrolithen, die man auch in heutigen pflanzenfressenden Vögeln findet. Aber auch kleine Knochenfragmente sind erkennbar, die vermuten lassen, dass das Tier kurz vor seinem Tod noch einen fleischigen Snack zu sich nahm. Der ausgewachsene Dinosaurier wog nur etwa ein paar Hundert Gramm.

Derzeit versuchen die Forscher auszurechnen, wie gut er hätte fliegen können. Schon jetzt ist aber klar, dass er gut gebaut war, um mindestens durch die Baumkronen zu gleiten.  Seine Füße deuten darauf hin, dass der kleine Dinosaurier auf ein Leben auf Bäumen angepasst war. Anders als heutige Singvögel hockte er wohl aber nicht vorwiegend auf Ästen, sondern verhielt sich den Vermutungen der Forscher nach eher wie heutige Flughörnchen und Kurzkopfgleitbeutler.

„Vermutlich kletterte er auf den Bäumen herum – wie ein gruseliges kleines Dinosaurier-Hörnchen – und flog dann von Ast zu Ast“, so O’Connor.

“„Wenn man sich einen baumbewohnenden, gleitenden Theropoden vorstellen müsste, wäre das ein ziemlich seltsames Tier – und es würde ziemlich genau so aussehen“, sagt der Paläontologe Mike Habib von der University of Southern California. Der Experte für Biomechanik hat sich mit der potenziellen Flugfähigkeit von Yi qi befasst.

Flug ins Unbekannte

Die Wissenschaftler sind erpicht darauf, noch weitere Hinweise auf das Gewebe des Ambopteryx zu finden, was dank neuer Bildgebungsverfahren einfacher werden könnte. Der Paläontologe Michael Pittman von der Universität Hongkong hat mithilfe von Lasern beispielsweise Spuren von Weichgewebe an Fossilien des gefiederten Dinosauriers Anchiornis entdeckt. (Ein besonders spektakulärer Fund war auch dieses Vogelfossil, das in Bernstein eingeschlossen Jahrmillionen überdauerte.)

Auch mit den Vertretern der Scansoriopterygidae kennt sich Pittman aus. Auf einem Treffen der Society of Vertebrate Paleontology im Jahr 2018 präsentierte Pittmans Doktorand Arindam Roy erste Ergebnisse der Laserscans des Yi-qi-Fossils. Wang und Pittman sprechen bereits darüber, ähnliche Analysen am Ambopteryx durchzuführen.

Qualitätsfossilien aus China

Um noch eindeutigere Ergebnisse zu erhalten, wäre es den Paläontologen zufolge aber am besten, wenn sie noch einen weiteren, noch besser erhaltenen Verwandten des Ambopteryx finden würden. Das ist ein ziemlich hoher Anspruch – aber viele Fundstellen in China beherbergen Dinosaurierfossilien, die unglaublich detailreich erhalten geblieben sind. Vielleicht wartet dort tatsächlich ein noch besser erhaltenes Tierchen mit fledermausartigen Flügeln im Boden.

„Wir sind schon so an die großartigen chinesischen Fossilien gewöhnt, dass wir schon richtig unangemessene Forderungen stellen. So was wie: Warum hast du denn nicht eins gefunden, das perfekt und in allen Details erhalten ist?“, scherzt Habib. „Das hat die Messlatte dafür, was als gutes Fossil gilt, wirklich höher gehängt.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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