Ansteckendes Gähnen bringt soziale Vorteile

Wölfe, Haushunde, Primaten – und jetzt auch Löwen: Forschungen zeigen, dass gemeinsames Gähnen Vorteile für Säugetiere bringt, die in kooperativen Gemeinschaften leben.

Veröffentlicht am 6. Apr. 2021, 12:17 MESZ
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Die Hündin Shakeera entspannt sich in Wien, Österreich. Manche Hunde lassen sich vom Gähnen ihrer Besitzer anstecken.

Bild Regina Anzenberger, Blanche de Beaupoint, Redux

Achtung: Dieser Artikel könnte euch zum Gähnen bringen.

Obwohl Gähnen unter Wirbeltieren ein leicht erkennbares Verhalten ist, wissen Wissenschaftler immer noch nicht genug über dieses scheinbar simple Phänomen.

Es kann spontan auftreten oder ansteckend sein – also auftreten, wenn ein Individuum einen Artgenossen gähnen sieht oder hört. Die meisten Forschungen zum spontanen Gähnen deuten auf eine physiologische Funktion hin: Der Blutfluss zum Kopf wird erhöht, wodurch das Gehirn mit Sauerstoff versorgt und gekühlt wird. Dies wiederum macht ein Tier wacher, besonders wenn es sich schläfrig fühlt.

Aber eine der größten ungelösten Fragen ist, warum Säugetiere sich vom Gähnen anstecken lassen.

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Beim Menschen hat die Forschung herausgefunden, dass ansteckendes Gähnen eine Form der Empathie sein kann – denn Mitmenschen erleben beim Gähnen oft ein Gefühl, ob nun Stress, Angst, Langeweile oder Müdigkeit. Wissenschaftler haben das ansteckende Gähnen auch bei Schimpansen, Wölfen, Haushunden, Schafen und Elefanten untersucht – aber bis vor Kurzem noch nie bei Löwen.

In einer Studie untersuchten Forschende das ansteckende Gähnen bei wilden Löwen in Südafrika. Nachdem sie sich durch das Gähnen anderer „infizieren“ ließen, neigten diese Löwen dazu, ihre Bewegungen zu synchronisieren.

„Die Daten zeigten ein klares Bild: Nach dem gemeinsamen Gähnen zeigen zwei Löwen ein auffallend synchrones Verhalten“, sagt die Studienautorin Elisabetta Palagi, eine Ethologin an der Universität Pisa in Italien.

Das bedeutet, dass ansteckendes Gähnen besonders bei sozialen Arten wie Löwen wichtig sein könnte, die zusammenarbeiten müssen, um zu jagen, Junge aufzuziehen und sich gegen Eindringlinge zu verteidigen, sagt Palagi. Ihre Studie wurde im April 2021 in der Zeitschrift „Animal Behaviour“ veröffentlicht.

Gähnende Löwen agieren synchron

Fünf Monate lang filmten Palagi und Kollegen 19 Löwen in zwei Rudeln, die im Makalali-Wildreservat leben.

Die Ergebnisse zeigten, dass die Wahrscheinlichkeit des Gähnens mehr als 139-mal höher war, wenn ein Löwe gerade ein Rudelmitglied gähnen sah, als wenn er dieses Verhalten nicht sah.

Spontanes Gähnen war besonders häufig, wenn die Löwen entspannt waren und sich im Übergang zwischen Schlafen und Wachen befanden, beobachteten die Forschenden. Das unterstützt ihre Hypothese, dass bei Löwen, wie auch bei Menschen, das Gähnen die Durchblutung und die Abkühlung des Gehirns fördert – und wahrscheinlich auch die Wachsamkeit.

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Eine der interessantesten Beobachtungen war, dass ein Löwe das gleiche Verhalten zeigte, nachdem er das Gähnen eines Artgenossen in der Nähe nachgeahmt hatte, sagt Palagi. Wenn zum Beispiel zwei Löwen beieinanderliegen und einer gähnt, gähnt auch der andere. Stand der erste Gähnende auf, tat das andere Tier es auch.

Die Forschung stützt die Theorie, dass sich das ansteckende Gähnen entwickelt haben könnte, um die Gruppenwachsamkeit bei kooperativ lebenden Tieren wie Wölfen und Schimpansen zu erhöhen, sagt Andrew Gallup. Er ist der Direktor des Adaptive Behavior and Cognition Lab am SUNY Polytechnic Institute in Utica, New York.

Ansteckendes Gähnen könnte also „Vorteile für das kollektive Bewusstsein und das Erkennen von Bedrohungen haben“, sagt Gallup, der nicht an der Studie beteiligt war.

Er stimmt auch mit Palagi darin überein, dass Löwen durch das Gähnen wahrscheinlich die gleichen positiven physiologischen Auswirkungen auf das Gehirn erfahren wie Menschen.

Sich besser verstehen durch Gähnen

Trotz der neuen Erkenntnisse betont Palagi, dass es noch viel darüber zu entdecken gibt, warum Tiere gähnen. Zum Beispiel hat sie nicht beobachtet, ob ansteckendes Gähnen zu einem erhöhten Jagderfolg oder anderen positiven Ergebnissen führt.

Ansteckendes Gähnen könnte in einer kooperativen Tiergruppe mehrere, möglicherweise noch unbekannte Funktionen erfüllen. So haben Dscheladas beispielsweise drei verschiedene Arten von Gähnen, die unterschiedliche Gemütslagen signalisieren, wie Freundlichkeit oder Aggression, sagt Palagi.

Die Rolle der Empathie beim ansteckenden Gähnen ist vielleicht der am heißesten diskutierte Bereich der Gähnforschung, sagt sie. Viele Wissenschaftler vermuten, dass ansteckendes Gähnen eine emotionale Bindung zwischen den Tieren fördert – aber es gibt nicht genug Beweise, um eine solche direkte Verbindung zu zeigen.

Wissenschaftler haben den Zusammenhang zwischen Empathie und Gähnen bislang nur bei einer Handvoll Spezies untersucht, darunter Menschen, Haushunde, Wölfe und einige Primaten. In einer Studie, die 2013 veröffentlicht wurde, gähnten Haushunde öfter als Reaktion auf das Gähnen ihrer Besitzer als auf das Gähnen von Fremden.

Die Ergebnisse dieser Studie – die ersten, die ansteckendes Gähnen zwischen verschiedenen Spezies nachweisen – könnten darauf hindeuten, dass Hunde emotional auf ihre Menschen eingestimmt sind, so die Autoren.

Palagis Löwenstudie untersuchte nicht direkt, ob oder wie ansteckendes Gähnen mit Empathie zusammenhängt. Dennoch findet sie, dass sie eine wichtige Lücke in der Forschung füllt, denn sie zeigt den Zusammenhang zwischen Gähnen und Vertrautheit.

„Wenn Sie gähnen und ich auf Ihr Gähnen reagiere und wir unmittelbar danach das gleiche Verhalten zeigen, kann das unsere Fähigkeit verbessern, das Verhalten des anderen zu interpretieren“, sagt sie.

„In diesem Sinne könnte ansteckendes Gähnen wichtig für die Entwicklung höherer Formen der Geselligkeit sein.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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