Was verrät die Stimme einer Person über ihr Alter?

Lässt sich das Alter eines Menschen allein anhand seiner Stimme zuverlässig einschätzen? Wie oft wir bei solchen Annahmen richtig liegen, welche Merkmale untrügliche Altershinweise sind und was unweigerlich in die Irre führt

Auch ohne das äußere Erscheinungsbild, Namen oder weitere Details einer Person zu kennen, meinen wir ihr Alter einschätzen zu können - allein anhand ihrer Stimme. Wie oft liegen wir dabei daneben?

Bild Michał Bińkiewicz on Unsplash
Veröffentlicht am 2. Juni 2021, 17:38 MESZ, Aktualisiert am 8. Juni 2021, 09:34 MESZ

Es kann der unbekannte Versicherungsvertreter sein, der am Telefon ein Angebot vorstellt oder die fremde Frau im Supermarkt, die sich außerhalb unserer Sichtweite lautstark unterhält. Obwohl uns keine weiteren Details über eine Person bekannt sind, meinen wir, ihr Alter ungefähr einschätzen zu können – allein anhand ihrer Stimme. Wie soll das denn gehen?

So viel ist bekannt und logisch: Die menschliche Stimme verändert sich im Laufe ihres Lebens und klingt in jungen Jahren anders als im Alter. Dafür verantwortlich sind eine Vielzahl von biochemischen und physiologischen Veränderungen von altersbedingten anatomischen Änderungen über den Lebensstil bis hin zu Krankheiten, die den Sprachmechanismus der Person beeinflussen. So einzigartig, wie jede Stimme ist, so regelmäßig sind auch die Veränderungen in der Stimme und im Sprechen. Schon in den 1960ern beschäftigten sich die ersten Wissenschaftler mit Altershinweisen, die Stimmen geben können. Die Einschätzung dieser und vieler weiteren Studien: Eine Altersschätzung durch rein akustische Signale kann durchaus erfolgreich sein.

Doch welche Hinweise gibt eine Stimme tatsächlich auf ihr Alter – und wie lässt sich diese zuverlässig analysieren? Dr. Gea de Jong-Lendle unterrichtet unter anderem forensische, akustische und perzeptive Phonetik und phonetische Transkription an der Philipps-Universität Marburg. Seit 1994 ist die Linguistin auch als Sachverständige für Sprechererkennung und Tonträgerauswertung tätig: Für Polizei, Staatsanwaltschaft oder Verteidigung, aber auch für Privatkunden und Firmen analysiert sie zusammen mit ihrem Team Audioaufnahmen und macht Sprechervergleiche. Durch eine ausführliche Analyse der Artikulation sucht de Jong-Lendle Antworten auf verschiedene Fragen: Ist der Täter oder die Täterin deutscher Muttersprachler? Gibt es Einflüsse von anderen Sprachen? Wie alt könnte er sein?

Pumas haben Angst vor menschlichen Stimmen

Zahlreiche Details geben de Jong-Lendle Hinweise über die Identität des Sprechenden. Für ihre phonetischen Gutachten ist jede Menge Erfahrung nötig – und eine fundierte Ausbildung: „Wir werden dafür ausgebildet, kleinste Details in der Stimme und Sprechweise einer Person zu bemerken und anschließend das Sprachsignal mit spezieller Sprach-Analyse-Software akustisch zu analysieren.“ So beinhaltet jede Stimme Merkmale wie Tonhöhe, Melodik und Stimmqualität. Besonders letztere kann Aufschluss über das Alter des Sprechenden geben. „Um dieStimmqualität zu untersuchen, braucht man ein analytisches Ohr, das trainiert werden muss. Insbesondere für die Stimmqualität benutzen wir auch Parameter aus der klinischen Phonetik“, sagt die Linguistin.

Laien fehlt sowohl die Ausbildung als auch die bewusste Auseinandersetzung mit Merkmalen von Stimme und Sprechweise – doch auch wir haben uns aus dem eigenen Erfahrungsschatz eine Art Toolbox zusammengestellt, mit der wir das Alter des Gesprächspartners am anderen Ende der Leitung einzuschätzen versuchen. Wie erfolgreich sind wir dabei? „Laien haben ebenso wie Experten eine Vorstellung davon, wie sich eine Stimme durch das Altern verändert“, sagt Dr. de Jong-Lendle. „Diese Prozesse finden oft unbewusst statt. Eine Stimme mit schlechterer Stimmqualität wird dabei meist älter eingeschätzt, auch eine reduzierte Sprechgeschwindigkeit hat sich als Faktor herausgestellt. Wenn es sich um alterstypische Stimmen handelt, kann der Laie durchaus so gut wie der Experte sein.“

Nicht jede Stimme lässt sich verlässlich einschätzen

Allerdings: Nicht jede Stimme ist typisch für ihr Alter. Kompliziertere Stimmen, die etwa durch Lebensstil oder Krankheiten beeinflusst sind, lassen die Altersmerkmale verschwimmen. „Eine Stimme wird automatisch älter eingeschätzt, wenn die Person lange geraucht hat und der Kehlkopf und insbesondere die Stimmlippen beschädigt sind“, sagt de Jong-Lendle. Auch ein Beruf wie Lehrer oder Marktverkäufer, der die Stimmbänder fordert, sowie Krankheiten am Stimmapparat und andere Faktoren wie eine chronische Müdigkeit lassen eine Stimme möglicherweise älter wirken als sie tatsächlich ist. „Sobald die Gesundheit eingeschränkt ist, hat das auch einen Einfluss auf die Stimme“, sagt de Jong-Lendle.

Die Folge: Das biologische Alter der Stimme, das durch Lebensweise und Krankheiten bestimmt wird, weicht in dem Fall vom chronologischen Alter ab. Vom Zuhörer geschätzt wird dennoch das chronologische Alter des Sprechenden – dabei sind Abweichungen vorprogrammiert. „Die Altersein­schätzung ist eine komplizierte Aufgabe, weil sie von viele Faktoren abhängt – vom Sprecher, dessen Sprache und Stimulus, aber auch dem Hörer. Ältere Stimmen sind grundsätzlich eine größere Herausforderung als jüngere Stimmen. Eine Marburger Studie hat außerdem gezeigt, dass ältere Sprecher, die Dialekt sprechen, älter eingeschätzt werden als gleichaltrige Sprecher, die keinen Dialekt sprechen“, sagt die Wissenschaftlerin.

Welche Hinweise geben Sprache und Sprechweise für die Altersschätzung?

So detailliert die Faktoren der Stimme analysiert werden können, so aussagekräftig sind auch Sprache und Sprechweise des Gesprächspartners. Auch wenn sich das Gespräch mit dem Versicherungsvertreter nicht bis zu seiner Kindheit in den Siebzigern bewegen wird, können vermeintlich kleinste Details im Sprechen Aufschluss über sein Alter geben. 

Dabei kann es sich um Eigenheiten in Bezug auf Dialekt, Akzente und Ausdrucksweise handeln, aber auch um den Akt des Sprechens und des Atemverhaltens. Spricht die Person Hochsprache oder Umgangssprache, wie werden Einzellaute ausgesprochen? Auch Idiolekt und Soziolekt sind hierbei wichtige Faktoren: Während ersteres die individuelle Sprache wie Wortschatz, Sprachverhalten, Ausdrucksweise und Aussprache der Person fokussiert, beinhaltet der Soziolekt Sprachvarianten, die von sozial definierten Gruppen verwendet werden. Diese können – Stichwort Kinder- oder Seemannssprache – sich auch altersbedingt unterscheiden und Informationen über das Individuum und dessen Alter geben. „Jede Generation hat ihre eigenen Ausdrücke. So gehören ‚mega-krass‘ und ‚voll‘ als Bekräftigung in ‚voll gut‘ zur heutigen Jugendsprache, während ‚Wahnsinn‘ und ‚irre‘ zu einer früheren Generation gehören“. Phonetiker untersuchen solcherlei Faktoren anhand von Parametern, Laien lassen sich weniger bewusst leiten – was aber ebenso von Erfolg gekrönt sein kann: „Studien zufolge schätzt man das Alter von Menschen besser ein, die in einem ähnlichen Alter sind wie man selbst“, sagt Gea de Jong-Lendle.

Das Sprechtempo als Impuls für die Altersschätzung

Wie komplex die Einordnung spezifischer Faktoren von Sprache und Sprechweise sein kann, zeigt das Beispiel der Sprechgeschwindigkeit: Eine schwedische Studie, deren Ergebnisse 2015 in Frontiers in Psychology erschienen, zeigte, dass sowohl bei Hörproben gelesener Sprache als auch spontaner Sprache der Sprecher als jünger eingeschätzt wurde, wenn das Sprechtempo schneller als normal war, und als älter, wenn es langsamer als normal war. „Insgesamt wurden Sprecher aller Altersgruppen mit abnehmender Sprechgeschwindigkeit als älter geschätzt“, heißt es in der Studie der Universität Gävle. Die Aussagekraft des Sprechtempos für die Alterseinschätzung wird von vielen Wissenschaftlern bestätigt. Allerdings kommt es vor, dass sich die Gesprächspartner einander anpassen. So heißt es in einem Text des Freiburger Sprachwissenschaftlers Prof. Dr. Jürgen Dittmann, dass besonders Intergenerationengespräche, etwa zwischen Senioren und jungen Pflegenden, nicht als Grundlage für eine Aussage über das tatsächliche Sprechtempo verwendet werden könnten: „Denn ältere Personen passen sich im Gespräch dem Redetempo der Jüngeren an. Und diese sprechen im Dialog mit Älteren oft betont langsam und in einfachen Sätzen – bis hin zum so genannten Babytalk: alles basierend auf dem Vorurteil, dass sie das im Gespräch mit dem älteren Gegenüber so machen müssten, damit dieser sie verstehen kann.“

Dr. Gea de Jong-Lendle promovierte in den USA mit einer Arbeit zum Thema „Voice-lineups“. Die forensische Phonetikerin lehrt und forscht seit 2010 an der Universität Marburg, zuvor arbeitete sie als Wissenschaftlerin an Universitäten in Florida, London und Cambridge.

Bild Mathias Scharinger

Wie erfolgreich lässt sich das Stimmalter verschleiern?

Kurze Gespräche am Telefon oder das Mithören außer Sichtweite verleiten uns zu immerhin groben Alterseinschätzungen wie „jugendlich“, „älter als ich“ oder „Senior“. Wie oft wir dabei falsch liegen, lässt sich in der Alltagspraxis gar nicht so leicht herausfinden. Wie oft wir von anderen in die Irre geführt werden, ist eine andere Frage. Der Versuch, die eigene Stimme jünger oder älter klingen zu lassen, ist etwa für Schauspieler oder Sprecher interessant, die eine Figur in einem anderen Alter verkörpern. Kann das gutgehen? 2015 untersuchten schwedische Forscher, wie der Versuch einer Verschleierung des Stimmalters umgesetzt wird. Das interessante Ergebnis der Studie, die in Frontiers in Psychology veröffentlicht wurde: Die Sprechenden erhöhten die Grundfrequenz und das Sprechtempo, wenn sie versuchten, jünger zu klingen, und verringerten sie entsprechend, wenn sie versuchten, älter zu klingen.

Noch komplizierter wird die Altersschätzung, wenn es sich beim Gesprächspartner nicht um einen Muttersprachler handelt: Britische Forscher untersuchten die Altersschätzung in Gesprächen mit fremdländischem Akzent durch Muttersprachler und Nicht-Muttersprachler in Japanisch und Englisch. Der Forschungsartikel von 2019 zeigte, „(…) dass japanische Sprecher von englischen Zuhörern als jünger geschätzt werden als die Englischsprechenden, und dass beide Gruppen von Zuhörern männliche Sprecher und Sprecher mit einer geringeren mittleren Grundfrequenz als älter schätzen.“ Hierbei könnte unter anderem die Sprachvertrautheit eine Rolle spielen: „Akzente aus Sprachen, die der eigenen Sprache unähnlich sind, sind schwieriger einzuschätzen, als Sprachen, die aus einem ähnlichen Sprachraum kommen – das könnte mit der unterschiedlichen linguistischen Struktur zu tun haben, aber auch anatomisch bedingt sein. Eine amerikanische Studie hat gezeigt, dass bereits ein arabischer Akzent für amerikanische Hörer die Alterseinschätzung schwieriger macht“, sagt Gea de Jong-Lendle.

Gesunder Lebensstil als Anti-Aging für die Stimme

Auch wenn viele Aspekte der Phonetik bereits erforscht seien, bleibt die Einschätzung des Alters allein durch Stimme und Sprache eine Herausforderung. Das findet auch Gea de Jong-Lendle: „Bei einer unkomplizierten Stimme, die normal altert, liegen Studien zufolge forensische Phonetiker durchschnittlich 6 bis 8 Jahre daneben – bei Aufnahmen aus Telefongesprächen manchmal über 10 Jahre.  Das ist nicht wenig!“ Eine Fehlerquote, die sich trotz zahlreicher Studien zum Thema über die Jahre kaum verringert hat und wohl auch der Vielfalt der Möglichkeiten geschuldet ist, die das biologische Alter von Stimmen verändern können. Eine solche Abweichung muss übrigens nicht immer in einer zu alten Schätzung münden: „Es ist bewiesen, dass ältere Menschen, die in einem Chor singen, ihre jüngere Stimme etwas länger erhalten“, sagt die Phonetikerin. Am Ende zahlt sich der richtige Lebensstil auch für die Stimme aus: „Personen, die sehr gesund sind, werden auch jünger eingeschätzt.“

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