Besser altern: Was Menschen von Schimpansen lernen können

Untersuchungen ehemaliger Laboraffen haben ergeben: Viel Bewegung ist der Schlüssel zum gesunden Altern. Das gilt für Schimpansen – und sehr wahrscheinlich auch für uns Menschen.

Veröffentlicht am 6. Juli 2021, 16:23 MESZ, Aktualisiert am 8. Juli 2021, 12:41 MESZ
Dieses Foto aus dem Oktober 2011 zeigt den Schimpansen Yogi, eines von geschätzt 60 Wildtieren, die ...

Dieses Foto aus dem Oktober 2011 zeigt den Schimpansen Yogi, eines von geschätzt 60 Wildtieren, die im Rahmen des Kibale Chimpanzee Projekt in Uganda beobachtet wurden.

Bild Ronan Donovan

Auntie Rose starb im Jahr 2007. Mit 63 Jahren wurde die Affendame laut Aufzeichnungen älter als jeder andere Schimpanse in freier Wildbahn - auch wenn sie in den letzten Monaten zu kämpfen hatte: „Sie verlor ihr ganzes Fell und kroch nur noch durch den Urwald“, erinnert sich Emily Otali, National Geographic Explorer und Bereichsleiterin des Kibale Chimpanzee Projekts in Uganda. „Sie tat mir so leid.“

Trotzdem war Auntie Rose bis zum Schluss in der Lage, sich selbst zu ernähren. Ausgewachsene Schimpansen teilen nur äußerst selten ihre Nahrung. Das bedeutet, dass auch die Senioren sich weiterhin selbst um ihre Mahlzeiten kümmern müssen. Ältere Tiere in freier Wildbahn zeigen zwar im Vergleich weniger Aktivität, sagt Otali, werden schwächer und bauen Muskelmasse ab. „Doch sie gehen viel besser mit dem Altern um als wir Menschen es tun. Sie machen einfach weiter. Es ist bewundernswert.”

Seit 1987 beobachten Wissenschaftler die wilden Schimpansen in der Kanyawara Region des Kibale-Nationalparks. Ihre Erkenntnisse helfen dabei, das Verhalten von Primaten und ihre Verbindung zum modernen Menschen besser zu verstehen.

Bild Ronan Donovan

In biomedizinischen Forschungseinrichtungen gehaltene Schimpansen galten hingegen schon mit 35 Jahren als hochbetagt. In vier US-Laboren allein wurden hunderte von ihnen für Experimente eingesetzt, bei denen Mittel gegen und Prophylaxen für menschliche Krankheiten gefunden werden sollen. Als diese Tiere Herzerkrankungen und Diabetes entwickeln, die bekannten Anzeichen menschlichen Alterns, waren die Wissenschaftler erstaunt, wie ähnlich sie uns auch in dieser Hinsicht sind.

Im Jahr 2015 beschloss die Organisation National Institutes of Health (NIH), invasive Forschung an Schimpansen zu stoppen. Die Laboraffen wurden auf Schutzzentren in den USA verteilt. Berichten zufolge waren Dutzende dieser Schimpansen zu schwach um sich zu bewegen – obwohl sie noch weit davon entfernt waren, 60 Jahre alt zu sein. Dies könnte teilweise ein Effekt der Experimente gewesen sein, denen sie ausgesetzt waren. Doch das ist nur ein Teil der Erklärung.

Zum Vergleich wurden Daten von Schimpansen herangezogen, die in freier Wildbahn oder afrikanischen Schutzgebieten leben. Die Tiere dort haben viel Platz, um sich frei zu bewegen. Es zeigte sich, dass der Gesundheitszustand älterer Schimpansen in solchen Lebensräumen viel besser war, als der ihrer Cousins aus den Laboren. Eine Erkenntnis, die dabei helfen kann, die Lebensumstände von in Gefangenschaft lebenden Schimpansen zu optimieren.

Einsamer Schimpanse ist letzter Überlebender auf Insel
Dieser Schimpanse ist der letzte Überlebende seiner Kolonie an der Elfenbeinküste. Auf "Chimpanzee Island" lebten 20 Schimpansen, aber bis auf Ponso sind alle unter mysteriösen Umständen verstorben oder verschwunden. Die Gruppe wurde von einem medizinischen Versuchslabor 1983 von Liberia aus auf die Insel umgesiedelt. Seit 2015 finanziert die Organisation Les Amis de Ponso das Futter und die Versorgung von Ponso. Jeden Tag bringt Germain Djenemaya Koidja Ponso Futter und Medizin – und dringend benötigte Gesellschaft. In den letzten zwei Jahrzehnten sind die Affenpopulationen in dem Land um 90 Prozent zurückgegangen. Zu den großen Bedrohungen zählen Wilderer und Verlust von Lebensraum. Die Behörden der Elfenbeinküste versuchen zu entscheiden, ob sie Ponso in ein Schutzgebiet bringen oder ihm einen Gefährten auf die Insel bringen sollen.

Ein weiteres Fazit dürfte sein, dass der natürliche Alterungsprozess von Menschenaffen unter Laborbedingungen nicht hinreichend erforscht werden kann. Was wir aber aus den Ergebnissen lernen können, ist, welche Risiken ein zunehmend bewegungsarmer Lebensstil auch für uns Menschen mit sich bringt.

Mit dem Alter nimmt die Aktivität der meisten Menschen ab. Oft weil sie glauben, es sei der natürliche Lauf der Dinge, dass ihre Körper schwächer werden, und sich ihre Verfassung zunehmend verschlechtert. Eine selbsterfüllende Prophezeiung.

Wildlebende Schimpansen wie Auntie Rosie legten bei der Nahrungssuche jeden Tag viele Kilometer zurücklegten und würden bei Krankheiten und Verletzungen nicht behandelt. Beobachtungen zeigten, dass sie gesünder alterten, als wenn sie sich schonen würden, sagt Melissa Emery Thompson, Anthropologin an der University of New Mexico und Co-Direktorin des Kibale Chimpanzee Projekt.

Studien zeigen, dass auch Menschen, die einen Jäger-und-Sammler-Lebensstil haben, länger bei guter Gesundheit bleiben als solche, die im Alter einen Gang zurückschalteten. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie bis an ihr Lebensende sehr aktiv blieben, so Emery Thompson. Ein Beispiel hierfür sind die Angehörigen der Hadza in Tansania. Sie leben als Jäger und Sammler. Messungen ihrer Schrittgeschwindigkeit haben ergeben, dass diese mit zunehmendem Altem nicht signifikant abnahm.

„Es ist nicht die körperliche Anstrengung, die uns schwächt, sondern Inaktivität“, sagt Emery Thompson.

Der richtige Lebensraum für Menschenaffen

Im Ngamba Island Chimpanzee Sanctuary in Uganda leben Schimpansen, die vor Wilderern gerettet wurden. Ihr neues Zuhause ist ein großes Areal im tropischen Regenwald, in dem sie viel Platz haben um sich zu bewegen. Einmal im Jahr werden sie einem Gesundheitscheck unterzogen, für den die Tierärzte sie betäuben – die perfekte Gelegenheit, um Informationen und Daten zum Altersprozess der Tiere zu sammeln.

„Die Wissenschaftler, die in Gefangenschaft lebende Gruppen untersuchten, kamen zu dem Schluss, Schimpansen hätten einen hohen Cholesterinspiegel“, sagt Alexandra Rosati, Anthropologin an der University of Michigan. Doch in einer neueren Studie fanden Rosati und ihre Kollegen heraus, dass der Cholesterinspiegel von Schimpansen im Ngamba Island-Schutzzentrum viel niedriger war als der der Labor-Affen.

Auch ein erhöhtes Gewicht und andere Voraussetzungen für Herz-Kreislauf-Erkrankungen seien bei den Ngamba Island-Schimpansen seltener aufgetreten, so Rosati. Sie fügt hinzu, dass die Erklärung dafür sein könnte, dass diese Tiere einfach mehr Bewegungsmöglichkeiten hätten als die Affen in den Laboren. Außerdem äßen sie viele frische Früchte und Gemüse, dass sie in ihren wilden Lebensräumen ganz natürlich vorfanden. Die Schimpansen in den Laboren hingegen seien standardmäßig mit einem äußerst nährstoffreichen Tierfutter versorgt worden.

Galerie: „Koko konnte uns zeigen, zu was alle Menschenaffen fähig sind.“

Es sei nicht der Fall, dass Schimpansen gar keine Alterserscheinungen an den Tag legen würden, sagt Joshua Rukundo, ehemaliger leitender Tierarzt und jetziger Leiter des Ngamba Island Chimpanzee Sanctuary. Gelenkentzündungen seien zum Beispiel sehr typisch für ältere Schimpansen. „Sie haben auch oft Zahnprobleme, die es ihnen irgendwann unmöglich machen, faserreiche Nahrung zu zerkauen. Solche Einschränkungen in der Ernährung haben dann Auswirkungen auf die Abwehrkräfte und machen anfälliger für Krankheiten.“

Er sagt aber auch, dass die meisten dieser Symptome behandelbar seien. Unter diesem Gesichtspunkt genießen die Schimpansen des Ngamba Island-Schutzzentrums in Bezug auf das Altern das Beste aus beiden Welten. Sie haben genug Platz, um sich so zu bewegen, wie sie es auch in freier Wildbahn täten, genießen aber ebenso die Vorteile der Gefangenschaft: zusätzliche Mahlzeiten und medizinische Versorgung.

Die ehemaligen Laboraffen in amerikanischen Schutzzentren, aber auch Menschenaffen und viele andere Tiere in Zoos auf der ganzen Welt, könnten von diesem Wissen profitieren.

Die Schimpansen in Schutzzonen oder freier Wildbahn bleiben ihr Leben lang aktiv und altern gesünder als solche, die in Gefangenschaft leben.

Bild Ronan Donovan

Wer rastet, der rostet

Zu ähnlichen Erkenntnissen kam man auch in einem anderen Teil Afrikas, während der Beobachtung der berühmtesten Affen-Population der Welt. 1967 begann Dian Fossey mit ihrer Erforschung der Berggorillas im Volcanoes-Nationalpark im Nordwesten Ruandas, die seitdem fortgesetzt wird. Die Leichen von Gorillas, die eines natürlichen Todes starben, wurden von Beginn an von den Wissenschaftlern in speziellen Käfigen begraben. So waren sie vor Aasfressern geschützt und konnten für spätere Studien sicher verwahrt werden. Die National Geographic Society unterstützt die Ausgrabungen und Erforschung dieser sterblichen Überreste seit 2008.

„Wir haben hier eine wirklich einmalige Sammlung von mehr als hundert Skeletten“, sagt Christopher Ruff von der John Hopkins University in Baltimore. Die Forscher hätten dadurch die Möglichkeit zu untersuchen, ob die Knochen von Gorillas wie die von Menschen mit zunehmendem Altem schwächer werden.

Kürzlich wurde eine Studie durchgeführt, in der in den Knochen nach Zeichen von Osteoporose gesucht wurde. Die Krankheit ist bei alternden Menschen für eine deutliche Schwächung der Knochen verantwortlich. Ruff und seine Kollegen fanden heraus, dass die Hohlräume in den Knochen der Gorillas, ebenso wie bei Menschen, mit dem Alter größer werden. Die Knochenstärke nimmt jedoch nicht ab und Brüche sind selten.

Auf dem Speiseplan der Gorillas stehen viele Pflanzen, die reich an Kalzium sind. Das könnte einiges erklären. Doch laut Ruff ist der wichtigste Faktor wohl auch in diesem Fall die Bewegung. Es stimmt, dass Berggorillas einen großen Teil des Tages mit Sitzen und Fressen verbringen – die meisten Fernsehaufnahmen von ihnen zeigen sie so. Doch ihr Lebensraum ist geprägt durch steile Hänge, die sie hinauf- und herabklettern müssen. Sie treiben also jeden Tag Sport.

Diese körperliche Aktivität sei unglaublich wichtig, sagt Ruff, weil die Knochen auf die Kräfte, die auf sie wirken, mit einem ständigen Umbilden reagieren. Anders als die Bauteile einer Maschine bestehen Knochen und Muskeln aus lebendem Gewebe. Werden sie beansprucht, strukturiert sich dieses neu und kann sich, wenn nötig, selbst reparieren. Bei Inaktivität stellen sich die Reparaturen ein. „Man muss Knochen und Muskeln benutzen – sonst verliert man sie“, sagt Ruff.

Jung bleiben im Alter

Die gute Nachricht für alle, die durch die COVID-19-Pandemie zum Stillstand gezwungen waren: das Gegenteil ist ebenso der Fall. Gesteigerte körperliche Aktivität kann einem schwachen Körper dabei helfen, sich zu regenerieren.

Erfreulicherweise haben auch vielen ehemaligen Labor-Schimpansen die Möglichkeit bekommen, ihre gealterten Muskeln wieder zu benutzen. Hunderte von Schimpansen aus NIH-Laboren zogen nach Chimp Haven um, ein Schutzzentrum, das 2005 in Keithville, Louisiana gegründet wurde und Affen besonders viel Bewegungsraum bietet.

Invasive Forschungen an den Tieren im Chimp Haven ist verboten und Wissenschaftler, die Studien durchführen möchten, müssen strenge Auflagen einhalten. National Geographic teilte das Schutzzentrum mit, man habe einige Beobachtungsstudien zugelassen, die sich auf kognitiven Fähigkeiten, Beweglichkeit und das Mikrobiom alternder Schimpansen konzentrierten. Einige dieser Forschungen könnten eines Tages auch der menschlichen Gesundheit zugutekommen. Doch das Wohlergehen der Tiere in dem Schutzzentrum habe aber ganz klar die höchste Priorität.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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