Tauschte der Mensch seine Muskelkraft gegen Hirnleistung?

Was man nicht in den Beinen hat, hat man im Falle des Homo sapiens anscheinend im Kopf.Mittwoch, 28. November 2018

Es scheint, als wären wir Menschen von Natur aus schwächlich.

Im Vergleich zu unseren entfernten Verwandten sind wir nicht gerade Kraftpakete. Eine Studie aus dem Jahr 2014 verdeutlichte, dass wir im direkten Vergleich mit Schimpansen und Makaken sogar ziemlich schlecht abschneiden.

Das Gute daran sei dem Biologen Roland Roberts zufolge, dass „schwache Muskeln der Preis sein könnten, den wir für die Ansprüche unserer erstaunlichen kognitiven Fähigkeiten an unseren Stoffwechsel zahlen“.

Schon lange sind sich Wissenschaftler der Tatsache bewusst, dass wir uns durch unser übergroßes, energiehungriges Gehirn von anderen Menschenaffen wie beispielsweise Schimpansen unterscheiden. Es war die Weiterentwicklung dieses Gehirns, welche die Evolution unserer Vorfahren vor etwa sechs Millionen Jahren befeuerte.

Die Frage, wie und warum genau das menschliche Gehirn, welches 20 Prozent unserer Energie verbraucht, so groß wurde, wird seit vielen Jahren heiß debattiert. Die Antwort ist vermutlich komplex und bezieht mehrere Faktoren mit ein, darunter auch die Fähigkeit, Nahrung über dem Feuer zuzubereiten und dadurch leichter verdaulich zu machen. Es gibt darüber hinaus aber auch noch andere Erklärungsversuche.

„Ein großer Unterschied in der Muskelstärke von Menschen und nicht menschlichen Primaten könnte eine mögliche Erklärung bieten“, heißt es beispielsweise in einer Studie aus dem Jahr 2014, die von Katarzyna Bozek vom Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie geleitet wurde.

Die Studie erschient in „PLoS Biology“ und behandelt die Geschwindigkeit, mit der sich die Stoffwechselansprüche verschiedener Organe wie Gehirn und Nieren im Laufe der menschlichen Entwicklung veränderten. Einige Wissenschaftler vermuten beispielsweise, dass die rasante Entwicklung des Darmstoffwechsels die Evolution des Gehirns vorantrieb.

Bozeks Studie deutet darauf hin, dass die Muskeln und das Gehirn im Grunde ihren Energiebedarf tauschten.

Künstliche Muskeln werden menschenähnlicher
Forscher designen künstliche Muskeln, die menschliche Bewegungen natürlicher imitieren können.

Der Studie zufolge haben sich die menschlichen Muskeln in den letzten sechs Millionen Jahren deutlich schneller zurückgebildet, als andere Veränderungen im Körper vonstattengingen – insgesamt etwa achtmal schneller.

Unsere frühen Vorfahren waren vermutlich ähnlich stark wie andere Menschenaffen, zumindest im Hinblick auf die Skelettmuskulatur. Mittlerweile ist unsere Muskelkraft deutlich reduziert, während sich andere Organe oder Gewebepartien im Laufe der Jahrmillionen vergleichsweise wenig verändert haben.

Während derselben Zeitspanne entwickelte sich das Gehirn allerdings viermal so schnell wie der Rest des Körpers.

Prähistorische Frauen hatten starke Knochen

Roberts, ein Wissenschaftler der Public Library of Science, der an der Studie nicht beteiligt war, bezeichnete die Ergebnisse in einem begleitenden Kommentar zur Studie als „faszinierende Beweiserhebung“.

Er verweist darauf, dass sich „menschliche Muskeln in den letzten sechs Millionen Jahren stärker verändert haben, als es die Muskeln von Mäusen seit der frühen Kreide getan haben, als sich unsere gemeinsame Ahnenlinie aufspaltete“. Das war vor etwa 130 Millionen Jahren.

Lasst die Muskeln spielen!

Die Studienergebnisse basierten auf einer Analyse von 10.000 Stoffwechselmolekülen. Um das Resultat zu überprüfen, ließen die Wissenschaftler Menschen, Schimpansen und Makaken (ebenfalls Primaten, aber keine Menschenaffen) in einem Wettstreit gegeneinander antreten. Alle Teilnehmer mussten ihre Stärke unter Beweis stellen, indem sie durch das Ziehen an einem Griff Gewichte hoben.

„Spannenderweise schnitten untrainierte Schimpansen und Makaken besser ab als Uni-Basketballspieler und professionelle Bergsteiger“, sagte Roberts. Tatsächlich waren die sportlich aktiven Menschen nur etwa halb so stark wie die zwei anderen Arten.

Auf der Suche nach Erklärungen für dieses Ergebnis ließen die Forscher die Makaken zwei Monate lang gewissermaßen als Couch Potatoes leben: Sie bewegten sich vergleichsweise wenig, bekamen kein hochwertiges Futter und waren Stress ausgesetzt.

Am Ende der zwei Monate hatte sich die Stärke der Tiere aber nicht nennenswert verringert. Anhand der Ergebnisse schlossen die Wissenschaftler, dass der eher gemächliche Lebensstil vieler Menschen in Industrieländern nur drei Prozent des gesamten Stärkeunterschieds zu Affen ausmacht.

Womöglich ist unsere schwächliche Muskulatur ebenso wie unsere Schwäche für eine bequeme Couch – auf der wir gern lesen oder fernsehen, was für das Hirn durchaus anspruchsvolle Aufgaben darstellt – also einfach unser evolutionäres Erbe.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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