Schimpansen würden kochen, wenn sie könnten

Unser engster lebender Verwandter hat alle kognitiven Voraussetzungen, die zum Kochen nötig sind – bis auf eine.Dienstag, 3. Dezember 2019

Von Michael D. Lemonick

Schimpansen sind faszinierende Tiere, was insbesondere seit der bahnbrechenden Verhaltensforschung von National Geographic Explorer Jane Goodall klar ist, die in den 1960ern begann. Womöglich fesselt uns das Verhalten dieser Primaten gerade deshalb so, weil sie uns so ähnlich sind.

Allerdings lässt sich zunehmend schwieriger sagen, wie genau sie sich denn von uns unterscheiden. Neben zahlreichen anderen Fähigkeiten haben Primatenforscher bei unseren entfernten Cousins beobachtet, wie sie Speere für die Jagd bauen, Nahrung gegen Sex tauschen, mit Puppen spielen und es nicht besonders mögen, wenn Drohnen in ihren Lebensraum eindringen.

Außerdem scheinen sie über alle nötigen kognitiven Fähigkeiten zu verfügen, um zu kochen – eine bislang ausschließlich menschliche Eigenart. Das mag banal erscheinen, ist es aber keineswegs.

Einsamer Schimpanse ist letzter Überlebender auf Insel
Dieser Schimpanse ist der letzte Überlebende seiner Kolonie an der Elfenbeinküste. Auf "Chimpanzee Island" lebten 20 Schimpansen, aber bis auf Ponso sind alle unter mysteriösen Umständen verstorben oder verschwunden. Die Gruppe wurde von einem medizinischen Versuchslabor 1983 von Liberia aus auf die Insel umgesiedelt. Seit 2015 finanziert die Organisation Les Amis de Ponso das Futter und die Versorgung von Ponso. Jeden Tag bringt Germain Djenemaya Koidja Ponso Futter und Medizin – und dringend benötigte Gesellschaft. In den letzten zwei Jahrzehnten sind die Affenpopulationen in dem Land um 90 Prozent zurückgegangen. Zu den großen Bedrohungen zählen Wilderer und Verlust von Lebensraum. Die Behörden der Elfenbeinküste versuchen zu entscheiden, ob sie Ponso in ein Schutzgebiet bringen oder ihm einen Gefährten auf die Insel bringen sollen.

In der Wildnis kochen Schimpansen keine Nahrung, weil sie nie gelernt haben, mit Feuer umzugehen. Abgesehen davon verfügen sie laut einer Studie, die in „Proceedings of the Royal Academy B“ erschien, über alle Voraussetzungen, die auch unsere Vorfahren besaßen, als sie in ferner Vergangenheit diesen kulinarischen Fortschritt machten.

„Ich liebe es“, sagt der Harvard-Evolutionsbiologe Richard Wrangham über die Ergebnisse. Er hatte bereits zuvor argumentiert, dass der Wechsel von roher zu gekochter Nahrung bei unseren menschlichen Vorfahren vor etwa zwei Millionen Jahren zu einem dramatischen Anstieg der Hirnkapazität führte. Das Ergebnis daraus soll unser Vorfahre Homo erectus gewesen sein.

Galerie: Jane Goodall: Der gute Geist von Gombe

Der Grundgedanke dahinter ist, dass Fleisch und Gemüse in gekochter Form deutlich einfacher zu verdauen sind als roh. Damit lieferten sie mehr Energie für die graue Substanz des Gehirns.

Die archäologischen Befunde für das Kochen von Nahrung reichen aber nur etwa eine Million Jahre zurück – also zu einem Zeitpunkt lange nach dem großen Sprung, den das menschliche Gehirn in seiner Entwicklung machte. Die erwähnte Studie würde Wranghams Theorie daher stützten: Wenn Schimpansen so gut wie alle kognitiven Werkzeuge haben, um zu kochen, dann traf das wahrscheinlich auch auf frühe Menschen zu.

“Man konnte förmlich sehen, wie ihm ein Licht aufging, als er begriff, dass sein Essen nun ‚gekocht‘ wurde ”

FELIX WARNEKEN, Harvard University

Die mentalen Prozesse, die beim Kochen eine Rolle spielen, sind allerdings viel zu komplex, um sie in einem einzigen Experiment zu testen, sagt Alexandra Rosati, eine Evolutionsbiologin der Harvard University und Co-Autorin der Studie. „Dafür ist Geduld nötig, zukunftsorientiertes Denken – das hängt damit zusammen, wie Tiere Entscheidung bezüglich Zeit und Wert treffen“, sagt sie. „Wir fanden einfach, dass das ein interessantes und ein bisschen abgefahrenes Forschungsprojekt wäre.“

Letzten Endes führten Rosati und ihr Co-Autor Felix Warneken, ein Harvard-Psychologe, neun verschiedene Experimente durch, um verschiedene Aspekte des Denkens zu bewerten, die mit dem Vorgang des Kochens zusammenhängen. Beispielsweise wiesen sie nach, dass Schimpansen gekochtes Gemüse rohem vorziehen, wenn sie die Wahl haben. Außerdem zeigten sie, dass Schimpansen begreifen, dass es sich beim Kochen um einen Prozess handelt und die Nahrung transformiert wird, wenn sie ein paar Minuten im Ofen liegt. (In diesem Fall war der „Ofen“ ein Behälter mit vorbereitetem, gekochtem Essen, das in einem versteckten Fach lag. Die Forscher schüttelten den Behälter, um den Schimpansen zu zeigen, dass die rohe Nahrung durch einen Prozess in eine gekochte, schmackhaftere Form transformiert wird.)

Nicht alle Versuchstiere haben das sofort verstanden. Rosita erinnert sich an ein großes, ausgewachsenes Männchen namens Maya, das gekochtes Gemüse durchaus zu schätzen wusste. Den „Kochprozess“ begriff Maya allerdings nicht so wirklich. Schlussendlich legte er sein rohes Essen doch noch vorsichtig in den Behälter, sagt Rosita – ganz so, als hätte er gedacht: „Was soll’s, ich versuch’s einfach mal.“ Als Warneken begann, den Behälter zu schütteln, „war Maya richtig begeistert. Er fing an, Laute von sich zu geben und auf und ab zu springen. Man konnte förmlich sehen, wie ihm ein Licht aufging, als er begriff, dass sein Essen nun ‚gekocht‘ wurde.“

Eindrucksvoll ist daran auch, dass Schimpansen – nicht gerade die geduldigsten Tiere – bewusst darauf verzichteten, ein Stück rohe Kartoffel sofort zu verzehren. Sie nahmen den Belohnungsaufschub in Kauf, während ihr Essen „gekocht“ wurde. In einem ähnlichen Experiment zeigten Forscher, dass Schimpansen ihr Essen einmal quer durch den Raum zum Koch trugen, anstatt es direkt zu verschlingen. Einer Versuchung zu widerstehen, ist für uns schon schwierig – für Schimpansen ist es fast unmöglich.

„Ich bin vom Einfallsreichtum der Autoren beim Aufbau und der überzeugenden Durchführung dieser Experimente genauso beeindruckt wie von den Ergebnissen“, sagt Wrangham. Die Yale-Psychologin Laurie Santos, eine Expertin für Tierkognition, schien ebenfalls beeindruckt: „Die Studie gefällt mir wirklich gut“, sagt sie. „Und ich finde es großartig, dass Schimpansen womöglich über die kognitiven Vorstufen für das Kochen verfügen, auch wenn sie selbst nicht kochen.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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