Dunkelster Tag des Jahres: Wissenswertes über die Wintersonnenwende

Jedes Jahr im Dezember läutet die Wintersonnenwende den Winter auf der Nordhalbkugel ein. Mit welchen Traditionen verschiedene Kulturen das Phänomen feiern und warum es Sonnenwenden auch auf anderen Planeten gibt.
Bild Peter Macdiarmid, Getty Images
Veröffentlicht am 22. Dez. 2021, 09:49 MEZ

Freunde des Lichts werden sich freuen, denn es geht wieder bergauf: Mit dem 21. Dezember liegt der kürzeste Tag des Jahres 2021 nun hinter uns, um 16:58 Uhr hat die Wintersonnenwende den Winter auf der Nordhalbkugel eingeläutet. Südlich des Äquators begann genau im selben Moment der Sommer.

Sonnenwenden sind ein globales Ereignis, sodass sich die Ortszeit des genauen Zeitpunkts je nachdem, wo man sich auf der Welt befindet, unterscheidet. Was genau ist aber eine Sonnenwende und wie wurden diese Ereignisse im Laufe der Geschichte zelebriert?

Was ist eine Sonnenwende?
Was genau ist eine Sonnenwende und wann findet sie statt? Ist die Wintersonnenwende immer der erste Tag des Winters? Erfahrt, wie es zu diesen halbjährlichen astronomischen Ereignissen kommt.

Schiefe Erdachse

Wir erleben Sonnenwenden – oder auch Solstitien –, weil die Achse der Erde schief ist. Sie steht mit einer Neigung von 23,4 Grad schräg zur Ekliptik – also der Bahn, auf der sie im Laufe eines Jahres die Sonne umkreist. Das hat einen Einfluss auf die Intensität der Sonneneinstrahlung auf Nord- und Südhalbkugel zu verschiedenen Zeitpunkten im Jahr und erklärt, warum es auf der Erde Jahreszeiten gibt.

Von März bis September neigt sich die nördliche Hemisphäre zur Sonne hin. In diesen Monaten scheint die Sonne auf der Nordhalbkugel länger, was den Menschen, die dort leben, die hellen Jahreszeiten Frühling und Sommer beschert. Von September bis März sind die Verhältnisse umgekehrt: Die Erde neigt sich von der Sonne weg, mit dem Herbst und dem Winter kommt die Dunkelheit. Während auf der Nordhalbkugel der Nordwinter herrscht, erlebt der Süden den Südsommer, während des Südwinters ist im Norden dann Sommer.

Zweimal im Jahr zur Sonnenwende ist die Erdachse der Sonne am stärksten zugeneigt. Die Hemisphäre, die der Sonne am nächsten ist, erlebt den längsten Tag des Jahres, die andere, die von der Sonne am weitesten entfernt ist, den kürzesten. Dabei erleben Nord- und Südhalbkugel immer die gegensätzliche Sonnenwende. Jedes Jahr rund um den 21. Juni ist im Norden Sommersonnen- und im Süden Wintersonnenwende, rund um den 22. Dezember kehrt sich diese Situation um.  

Die Sonnenwende wird außerdem über den Sonnenstand definiert. Zur Sommersonnenwende auf der Nordhalbkugel hat die Sonne den höchsten Mittagsstand des Jahres am Horizont. Sie erscheint über dem nördlichen Wendekreis bei 23° 26‘ 04“ nördlicher Breite – dem nördlichsten Punkt, an dem man die Sonne noch direkt über sich stehen sehen kann. Während der Wintersonnenwende auf der Nordhalbkugel steht die Sonne dementsprechend über dem südlichen Wendekreis und erreicht im Norden den niedrigsten Mittagstand des Jahres am Horizont.

Sonnenwenden sind kein für die Erde einzigartiges Phänomen: Auf jedem anderen Planeten, dessen Achse ebenfalls zu seiner Ekliptik geneigt ist, gibt es sie ebenfalls. Planetenwissenschaftler ziehen deswegen Solstitien als Berechnungsgrundlage für die Jahreszeiten anderer Planeten in unserem Sonnensystem heran.

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Doch diese außerirdischen Jahreszeiten sind klimatisch nicht mit denen auf unserem Heimatplaneten zu vergleichen. Das liegt unter anderem an den unterschiedlichen Achsenneigungen: Die der Venus beträgt zum Beispiel lediglich drei Grad, sodass Venussommer und Venuswinter sich nicht so deutlich voneinander unterscheiden wie ihre Äquivalente auf der Erde. Ein anderer Faktor ist die Form des Orbits eines Planeten: Die Bahn des Mars ist beispielsweise nicht so rund wie die der Erde. Dadurch kommt er – je nachdem, wo auf seiner Umlaufbahn er sich befindet – der Sonne in Relation mal sehr nah und entfernt sich dann wieder sehr weit von ihr. Das hat starke Auswirkungen auf die saisonalen Temperaturen auf dem Mars.

Für die Jahreszeiten auf der Erde spielt jedoch die Neigung der Achse eine weitaus wichtigere Rolle als die Form ihrer Umlaufbahn. Die Erde kommt der Sonne ungefähr zwei Wochen nach der Wintersonnenwende – während des Nordwinters – am nächsten. Am weitesten entfernt sie sich von der Sonne während des Nordsommers zwei Wochen nach der Sonnenwende im Juni.

Traditionen, Bräuche, Feste - Bauten

Schon seit Jahrtausenden wird das Phänomen der Sonnenwende in verschiedenen Kulturen auf der ganzen Welt auf unterschiedlichste Arten zelebriert: Manche errichteten Strukturen, die während der Sonnenwende eine Linie mit der Sonne bildeten, andere feierten wilde Feste.

Obwohl die genaue Funktion des weltberühmten Steinkreises von Stonehenge in England noch immer ungeklärt ist, wird das 5.000 Jahre alte Monument oft in einem Atemzug mit Sonnenwenden genannt. Während der Sommersonnenwende bildet der Fersenstein, der außerhalb des Hauptkreises steht, eine Linie mit der aufgehenden Sonne.

Auch von den Pyramiden in Gizeh, Ägypten, wird vermutet, dass zwischen ihnen und Solstitien ein Zusammenhang besteht. Von der Sphinx aus betrachtet, geht die Sonne zur Sommersonnenwende genau mittig zwischen der Cheops- und der Chephren-Pyramide unter. Unklar ist, wie die Menschen im Alten Ägypten diesen Aufbau bewerkstelligt haben sollen.

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Das skandinavische Midsommar-Fest feiert die Sommersonnenwende mit dem Tanz um einen Maibaum, viel Gesang und noch mehr Getränken. Die traditionellen Blumenkränze des Midsommars kommen auch beim osteuropäischen Ivan Kupala-Fest zum Einsatz, bei dem um ein großes Lagerfeuer getanzt wird. Ganz Mutige springen über die Flammen – das soll Glück und Gesundheit bringen. In Fairbanks, Alaska, hat sich eine moderne Tradition entwickelt: Um die bis zu 22,5 Sonnenstunden zu feiern, die der Sommer der Region beschert, wird zur Sommersonnenwende ein nächtliches Baseballspiel veranstaltet. Das sogenannte Midnight Sun Game findet seit dem Jahr 1906 jährlich statt.

Auch die Wintersonnenwende bringt ihre Bräuche mit sich. Die Inka zelebrierten den Beginn des Winters auf der Südhalbkugel am 24. Juni mit einem Fest namens Inti Raymi. Noch heute werden die damit verbundenen Zeremonien im Andenraum begangen: Seit 1944 wird das Inkafest auf den Ruinen der Festung Sacsayhuamán bei Cusco als Theaterstück aufgeführt. Die Menschen im Alten Rom feierten die Wintersonnenwende mit einem siebentägigen Fest namens Saturnalia, zu dem man Geschenke austauschte, das Haus mit Pflanzen schmückte und Kerzen anzündete. Im Iran, Afghanistan und Tadschikistan verbringen Familien und Freunde die Nacht des kürzesten Tags des Jahres – die sogenannte Yalda-Nacht – gemeinsam, um am Feuer Früchte zu essen und einander Weissagungen vorzulesen. Ursprung des Fests soll die Geburt der persischen Prinzessin und Göttin des Lichts Mithra sein. Darauf weist auch sein persischer Name – Schab-e Yaldā – hin. Er bedeutet „Nacht der Geburt“.

Licht vor Temperatur

Zu den Solstitien – dem hellsten und dem dunkelsten Tag des Jahres – dreht sich alles ums Licht. Veränderungen der Temperaturen bringen sie nicht direkt mit sich. Das liegt daran, dass Land- und Wassermassen einige Zeit benötigen, um sich aufzuheizen oder abzukühlen. Der durchschnittlich kälteste Monat in Deutschland ist der Januar, der wärmste der Juli. Die Temperaturen folgen dem Licht also mit mehrwöchiger Verspätung.

Weil die Gezeiten den Drehimpuls der Erde abschwächen, verlangsamt sich ihre Rotationsgeschwindigkeit bereits seit Milliarden Jahren. Verwerfungsspuren an Korallenfossilien haben gezeigt, dass ein Erdentag vor 400 Millionen Jahren weniger als 22 Stunden lang war. Daraus könnte man folgern, dass die Tage während der Sonnenwende in Zukunft noch länger oder kürzer sein könnten. Dies ist aber nicht der Fall.

Die Verlangsamung der Erdrotation ist nicht der einzige Faktor in dieser Gleichung. Ähnlich wie ein Eiskunstläufer, der durch das Heranziehen und Herausstrecken seiner Gliedmaßen seine Drehungen beschleunigt oder verlangsamt, haben Veränderungen in der Verteilung von Erdmasse – vom El Niño bis hin zum schmelzenden Grönlandeis – einen Einfluss auf die Geschwindigkeit, mit der unser Planet sich um sich selbst dreht.

Bei der Einordnung dieses Effekts hilft ein Blick in die historischen Aufzeichnungen: Demnach wurde der längste Tag seit 1830 im Jahr 1912 registriert – er lag nur vier Millisekunden über dem heutigen Durchschnitt.

Dieser Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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