Die Kommune Sadhana Forest macht aus Ödland einen blühenden Wald

Autark und offline versammeln sich Menschen in Indien, um Leben in das einst verödete Land zu bringen und sich selbst zu heilen.Donnerstag, 9. November 2017

Von Sarah Stacke
Bilder Von Néha Hirve
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„Der Dschungel ist ein Mutterleib. Die Luft in den Tropen ist wie warmer Honig, zähflüssig, klebrig, und sie füllt die Ohren aus, bis die Klänge der Außenwelt weit weg sind. Aus der ganzen Welt kommen die Menschen. Menschen, denen das normale Leben nicht mehr genug ist.“

So erzählt es die Fotografin Néha Hirve aus Stockholm, die zwei Monate damit verbracht hat, das Leben im Projekt Sadhana Forest zu dokumentieren – einer autarken Kommune von etwa hundert Menschen in Tamil Nadu, einem Bundesstaat im Süden Indiens.

Europäische Kolonisten holzten vom 18. bis zum 20. Jahrhundert den einst so dichten, tropischen Trockenwald ab, um Städte zu bauen. Infolgedessen verwandelte sich der grüne Lebensraum in eine wüstenähnliche Region. 2003 wurde Sadhana Forest gegründet, eine kleinere Kommune innerhalb von Auroville, welches in den 1960ern gegründet wurde. Die Gründung Sadhana Forests geht auf das Konto des Israelis Aviram, der dem Land durch Wiederaufforstung helfen wollte. Seit 2015 wurden mehr als 30.000 Bäume von freiwilligen Helfern aus der ganzen Welt gepflanzt.

Hirve entdeckte bei der Arbeit für ihre Serie „Full Shade / Half Sun“, dass der Wald den Menschen aber auch etwas zurückgab.

„Wie viele von ihnen haben persönliche Probleme, die sie zu lösen versuchen“, sagt sie.

„Wenn sie in dieser schlichten Umgebung sind, die mit dem Land verbunden ist, haben sie Raum, um hinter sich zu bringen, was auch immer sie gerade durchmachen.“

ENTSCHLEUNIGUNG

Hirve, die erstmals im Zuge ihrer Recherchen für ihre Masterarbeit an der Mid Sweden University von Auroville gelesen hat, reiste dieses Jahr nach Indien.

Als Stadtmensch, der von sich selbst sagt, ein Problem damit zu haben, die Dinge etwas langsamer anzugehen, musste sie sich dem ruhigen Tempo der Kommune anpassen. Zum ersten Mal musste sie auch dem Prozess vertrauen, einfach im Hier und Jetzt zu fotografieren, anstatt sich auf das Endergebnis zu fixieren.

Sie war überrascht davon, wie schnell sie sich den alternativen Lebensstilen anpasste, darunter auch dem Leben ohne Internet und einer veganen Ernährung. Einmal, als es gerade nicht viel Solarstrom gab, mixte Hirve ein Chutney für 40 Personen, indem sie auf einem festmontierten Fahrrad fuhr, an dessen Kettengetriebe ein kleiner Mixer angeschlossen war.

„Das hat eine Weile gedauert, etwa anderthalb Stunden, weil man sehr kleine Portionen machen musste“, sagt sie amüsiert.

„Ich habe mich viel am Leben in der Kommune beteiligt, habe das gemacht, was sie taten, habe beim Kochen geholfen, saubergemacht und Bäume gepflanzt, was sehr hilfreich war“, fügt sie hinzu. „Sie haben mich eher als eine von ihnen gesehen anstatt als Fotografin, die von außen kam.“

NATÜRLICHE LÖSUNGEN

Einer von vielen „fantastischen und magischen“ Momenten, die Hirve bei ihrer Arbeit eingefangen hat, zeigt einen Mann auf seinen Knien mit dem Kopf in einem Loch, in dem ein Baum gepflanzt werden soll.

Die Schatten und Muster auf seiner Kleidung passen zu den Farbtönen und der Anordnung der Vegetation um ihn herum – eine „Metapher für den Wald, der zu einer Hülle wird, um die Menschen vor der Außenwelt zu schützen“, sagt Hirve.

Das Projekt war nicht ohne Herausforderungen. Einmal wurde es so warm, dass Hirve sich um ihren Film zu sorgen begann. Da es in der Kommune Sadhana Forest keinen Kühlschrank gibt, reiste sie ins nächste Dorf und lagerte den Film in einem Eiscafé.

„Full Shade / Half Sun“ will der Welt die relativ unbekannte Geschichte von Auroville und Sadhana Forest näherbringen und die Menschen zum Nachdenken über einen Lebensstil anregen, der eine engere Verbindung zum Land aufweist.

„Mit all den Umweltveränderungen, die auf der Welt vor sich gehen, braucht es alternative Lösungen“, sagt sie.

Lise im Sonnenuntergang.
Lise im Sonnenuntergang.
bild Néha Hirve

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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