Geschichte und Kultur

Die letzte Hängebrücke der Inka

Die etwa 30 Meter lange Brücke wird seit über 500 Jahren ständig erneuert.Monday, September 3, 2018

Von Abby Sewell
Bilder Von Jeff Heimsath
Am Rande der Schlucht stehen Männer am Fundament der neuen Brücke.

In einer Schlucht hoch in den peruanischen Anden hängt eine alte Seilbrücke über dem Fluss Apurímac.

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Jedes Jahr treffen sich die Gemeinden aus der Region, um an einer Zeremonie der Erneuerung teilzunehmen. Von beiden Seiten des Flusses her arbeiten die Dorfbewohner zusammen, um ein gewaltiges Seil über die Brücke zu legen, das mehr als 30 Meter lang und so dick wie ein Oberschenkel ist. Bald darauf wird die alte, verschlissene Brücke abgeschnitten und stürzt in die Schlucht. In den folgenden drei Tagen, die von Arbeit, Gebeten und Feierlichkeiten geprägt sind, entsteht an ihrer Stelle eine neue Brücke.

Die Hängebrücke Q’iswachaka wird seit etwa 500 Jahren immer wieder zerstört und neu gebaut.

Jahrhundertelang war sie die einzige Verbindung zwischen den Dörfern zu beiden Seiten des Flusses. Als eine von hunderten ähnlichen Seilbrücken des Inkareichs diente sie als Verbindungsglied der gewaltigen Qhapaq Ñan oder Großen Inkastraße. Sie war Teil des Inka-Straßensystems, das sich auf mehr als 30.000 Kilometern erstreckte und entlegene Gemeinden und Siedlungen miteinander vernetzte. Dank dieses Systems konnten Soldaten, Boten und ganz gewöhnliche Bürger das Inkareich durchqueren.

Das Transportnetzwerk war ein Teil dessen, was die Inka als ihre Aufgabe betrachteten, nämlich „hinaus in die Welt zu gehen und sie nach einer Zeit des Chaos zu gestalten und zuordnen“, erklärt José Barreiro. Er ist der Assistenzleiter des Bereichs Forschung und der Leiter des Büros für Lateinamerika am Smithsonian National Museum of the American Indian. Barreiro hat eine Ausstellung über die Inkastraße mitkuratiert und sich insbesondere mit der Hängebrücke Q’iswachaka beschäftigt.

Obwohl ganz in der Nähe eine neue Stahlbrücke gebaut wurde, auf der Autos den Fluss überqueren können, nutzen die Bewohner der Region die alte Seilbrücke weiterhin, um Handel zu treiben und Bekannte zu besuchen.

„Die Brücken waren ein wesentlicher Bestandteil der Expansion des Inkareichs von Cuzco in alle vier Himmelsrichtungen, selbst über die aggressive Geographie der Anden hinweg“, sagt er.

Die spanischen Eroberer, die das Reich im 16. Jahrhundert zu Fall brachten, waren von der Ingenieursleistung hinter den Hängebrücken beeindruckt, die dort gebaut wurden, wo die Flüsse zu breit waren, um sie mit hölzernen Balken zu überbrücken.

Im Laufe der Jahre wurden viele der Brücken aber zerstört. Andere wurden nicht mehr benutzt und verschwanden schließlich, als im 20. Jahrhundert neue Straßen und Brücken entstanden, die auf Autos ausgelegt waren.

Quechua-Frauen sitzen auf der Ebene neben der Schlucht und flechten das Ichu-Gras zu Seilen. Während der Zeremonie dürfen sich die Frauen der Brücke nicht nähern, da das Unglück bringen soll.
Ein Mann flicht neue Seile zu dicken Tauen, die später die Grundlage für die neue Brücke bilden werden.
Die langen, schweren Taue werden zur Schlucht hinabgetragen, um mit dem Brückenbau zu beginnen.

Die Tradition um die Hängebrücke Q’iswachaka überlebte größtenteils aufgrund ihrer abgeschiedenen Lage und verbindet heutzutage vier Quechua-Gemeinden miteinander: Huinchiri, Chaupibanda, Choccayhua und Ccollana. Obwohl ganz in der Nähe eine neue Stahlbrücke gebaut wurde, auf der Autos den Fluss überqueren können, nutzen die Anwohner die alte Seilbrücke weiterhin, um Handel zu treiben und Bekannte zu besuchen.

2013 wurde die Brücke aufgrund der großen Bedeutung, die sie für die Menschen in der Region nach wie vor hat, in die Liste des Immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen.

„Man kann diese lebendige Kultur, die 500 Jahre weit zurückreicht, vor sich sehen“, sagte Barreiro. „Als das politische Reich der Inkas zerstört wurde, blieb die Kultur der Menschen auf einer dörflichen Ebene bestehen.“

Ein großer Bestandteil dieser Kultur ist die gemeinsame Arbeit, wie er sagt. Die Gemeinden kommen zusammen, um an gemeinsamen Projekten zu arbeiten. Dabei wird kein Gedanke an eine eventuelle Bezahlung verschwendet, da allen bewusst ist, dass das gesamte Dorf oder die Region am Ende davon profitieren wird.

Die neue Q’iswachaka-Hängebrücke leuchtet über dem Rio Apurímac in der Sonne.

Die Technik des Brückenbaus wurde über Generationen hinweg weitergegeben und hat sich im Laufe der Jahre kaum verändert.

Der Prozess beginnt mit dem Sammeln langer Grashalme, die zu dünnen Seilen eingedreht werden. Diese werden wiederum eingedreht, um größere Seile zu bilden, die schließlich zu den dicken Tauen geflochten werden, welche die Brücke an der Schlucht verankern. Dann arbeiten die Gemeinden zusammen, um die Taue zu strecken und anzubringen.

Sie werden zu beiden Seiten an aus Stein gemauerten Vorrichtungen verankert. Dann beginnen erfahrene Brückenbauer damit, vom Rand her bis zur Mitte die Seitenwände und den Boden aus Seil und Stöcken zu flechten. Wenn sich die Brückenbauer in der Mitte treffen, legen sie lange Matten aus Zweigen über den Boden und die neue Brücke ist fertig.

Etwas hat sich Barreiro zufolge aber in den letzten Jahren an dem Ritual geändert: seine Häufigkeit. Früher haben die Gemeinden die Brücke etwa alle drei Jahre erneuert. Durch den zunehmenden Tourismus wird die Brücke nun aber jedes Jahr neu gebaut. Das liegt zum einen an Sicherheitsbedenken – mehr Besucher bedeuten auch eine stärkere Nutzung –, aber auch an der Erkenntnis der Dorfbewohner, dass sie mehr Touristen anlocken können, wenn sie diese Zeremonie jährlich abhalten.

Sobald der Brückenbau vollendet ist, feiern die Menschen mit Musik, Gebeten und einem Festmahl. Die neue Hängebrücke Q’iswachaka ist bereit für ihren einjährigen Dienst.

Der Rio Apurímac fließt durch die Schlucht. Während der Zeit des Inkareiches verbanden die Hängebrücken abgeschiedene Gemeinden miteinander.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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