Peru: Die antiken Palastwächter aus Termitenkot

Hölzerne Statuen in einem Palast der Chimú-Kultur wurden über Jahrhunderte von Termiten ausgehöhlt. Ihre ursprüngliche Form blieb dank dem Insektenkot erhalten.

Von Kristin Romey
Veröffentlicht am 27. Mai 2020, 12:30 MESZ

Als Archäologen in Peru den zeremoniellen Eingang zu einem antiken Palast ausgruben, wurden sie von einer Reihe 750 Jahre alter hölzerner „Wächter“ begrüßt, die an den Wänden des Durchgangs standen. Aber als die Forscher die Erdschichten Stück für Stück von den Statuen abtrugen, entdeckten sie eine weitere Überraschung: Im Laufe der Jahrhunderte hatten sich Termiten durch die 19 Holzfiguren gefressen. Was die Archäologen dort vor sich hatten, waren 60 Zentimeter hohe Statuen, die teilweise – und in einigen Fällen vermutlich fast ausschließlich – aus jahrhundertealten Insekten-Exkrementen bestanden.

Allerdings befanden sich nicht alle Statuen im gleichen Zustand, erzählt der archäologische Direktor Henry Gayoso. Nach einer ersten Begutachtung schien es, als würden einige fast nur noch aus dem Termitenkot bestehen, erklärte er gegenüber National Geographic in einer E-Mail. Bei anderen schien die hölzerne Struktur unter einer Schicht aus Kot erhalten geblieben zu sein.

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Jede der Holzstatuen hat eine Gesichtsmaske aus Ton, ein hölzernes Zepter in der einen Hand und die Nachbildung eines abgetrennten Menschenkopfs in der anderen.

Aber wie kam es, dass die Termiten die Holzstatuen fressen konnten, deren ursprüngliche Form aber mehr oder minder erhalten blieb?

Der Schlüssel liegt darin, dass Termiten lichtscheu sind. Wenn sie sich durch Holzobjekte fressen, lassen sie eine hauchdünne äußere Holzschicht übrig, um ihre Tunnel vor Lichteinfall zu schützen, erklärt Lynn Grant, die Chefrestauratorin am University of Pennsylvania Museum.

„Der Termitenkot füllt für gewöhnlich nicht den ganzen Tunnel aus. Wenn man also nicht extrem vorsichtig ist, kann es ganz leicht passieren, dass die erhaltene Fassade der Stücke einfach einbricht“, sagt Grant in einer E-Mail. „Die Archäologen sind also zu beglückwünschen.“

„Es hat mich ein bisschen überrascht, dass sie nicht einfach das ganze Objekt aufgefressen haben“, sagt Robert Koestler, der Direktor des Smithsonian Museum Conservation Institute. „Es ist wirklich überraschend, dass sie nach 700 Jahren noch in diesem Zustand sind.“

Die unerwartete Entdeckung machten die Archäologen bei der Ausgrabung eines Ganges im Palast Utz An. Es ist der größte der zehn gewaltigen Lehmziegelkomplexe, die zur UNESCO-Welterbestätte Chan Chan im Norden Perus gehören. Chan Chan war zwischen dem 10. und 15. Jahrhundert die Hauptstadt der Chimú und während ihrer Hochphase eine der größten Städte Amerikas.

Galerie: Rituelle Massenopferung von Kindern hatte einzigartiges Ausmaß

2018 machte die Chimú-Kultur Schlagzeilen, als eine Stätte für die Massenopferung von Kindern und jungen Lamas bei Chan Chan entdeckt wurde.

Die Statuen aus Utz An stehen in Nischen – je zehn pro Seite – entlang des etwa 30 Meter langen Gangs, der in den großen zeremoniellen Innenhof führt. (Von den 20 ursprünglichen Statuen schien eine den Termiten vollständig zum Opfer gefallen zu sein.)

Wer damals diesen Durchgang nach Utz An durchquerte und unter den Blicken der hölzernen Statuen mit den Zeptern und Menschenköpfen in den riesigen Innenhof trat, wäre wohl überwältigt gewesen, sagt der Archäologe Gayoso.

„Wer kam, um ihn zu sehen, hatte keinen Zweifel daran, dass der Herrscher von Utz An die mächtigste Person war, die man je treffen würde.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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