Saris: Indiens traditionellste Tracht scheut keinen Wandel

In Südasien hüllen sich Frauen seit Jahrtausenden in Stoffbahnen aus Seide und Leinen. Seit jeher sind Saris Ausdruck von Kultur und Persönlichkeit – und gerade deshalb im 21. Jahrhundert noch immer beliebt.

Tuesday, September 29, 2020,
Von Charu Suri
Bilder Von Tuul and Bruno Morandi

Das Wort „Sari“ bedeutet „Stoffstreifen“ in Sanskrit. Doch für die indischen Frauen – und einige wenige Männer –, die sich seit Jahrtausenden in Seide, Baumwolle oder Leinen hüllen, sind diese Stoffbahnen mehr als nur einfache Kleidungsstücke: Sie sind Symbole des Nationalstolzes, Botschafter für traditionelles (und hochmodernes) Design und Kunsthandwerk und ein Paradebeispiel für die vielfältigen Unterschiede der 29 indischen Bundesstaaten.

„Der Sari hat als Symbol wie auch als Realität die Vorstellungen des Subkontinents beflügelt, sowohl mit seiner Anziehungskraft als auch mit seiner Fähigkeit, die Persönlichkeit der Trägerin zu verbergen und zu offenbaren“, sagt die in Delhi lebende Textilhistorikerin Rta Kapur Chishti. Sie ist die Autorin von „Saris of India“ und Mitbegründerin der Textilfirma Taanbaan, die sich der Wiederbelebung und Bewahrung traditioneller indischer Spinn- und Webmethoden verschrieben hat.

Die erste Erwähnung von Saris findet sich im „Rig Veda“, einem hinduistischen Hymnenbuch aus dem Jahr 3000 v. Chr. Auch an indischen Skulpturen aus dem 1. bis 6. Jahrhundert sind drapierte Gewänder zu sehen. Das, was Chishti das „magische, nahtlose Kleidungsstück“ nennt, passt ideal zu Indiens heißem Klima und den Sitten der hinduistischen und muslimischen Gemeinschaften. Auch in anderen südasiatischen Ländern wie Pakistan, Bangladesch und Nepal sind Saris für Frauen nach wie vor traditionell.

Indien ist eine der letzten großen Handwerkskulturen. Es ist ein Zentrum für Färberei, Druck und Seidenweberei, die alle in mindestens einer der geschätzt 30 regionalen Sari-Varianten verwendet werden. In der am Ganges gelegenen Stadt Varanasi beugen sich die Weberinnen über alte Holzwebstühle, um Saris aus Baranasi-Seide herzustellen – meist in leuchtendem Rot mit metallischem Zari-Faden verziert, was besonders in der Brautmode beliebt ist. Im tropischen Kerala spiegeln die überwiegend weißen Sett-Mundu-Saris jene Stile wider, die populär waren, bevor die Industrialisierung im 19. Jahrhundert die bonbonbunten Anilinfarbstoffe auf den Subkontinent brachte.

In Westbengalen prangen Bordüren an Balchuri-Saris, deren Designs sich an den Wänden der Terrakotta-Tempel aus gebranntem Ton in der Region wiederfinden. „Jeder Sari erzählt eine Geschichte über die Gesellschaft und die Menschen um ihn herum“, sagt Darshan Dudhoria, der Vorstandsvorsitzende des Online-Einzelhändlers Indian Silk House Agencies.

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Dennoch haben die Globalisierung und der Wettbewerb um immer billigere Waren in den letzten Jahrzehnten dazu geführt, dass maschinell gewebte Saris weit verbreitet sind. Viele schlechte Kopien traditioneller Trachten werden aus China eingeschifft. Langjährige Weberfamilien sind arbeitslos geworden, ihre Webstühle wertlos.

Einige Frauen, vor allem in ländlichen Gebieten, hüllen sich für die tägliche Arbeit immer noch in Bahnen aus Baumwolle, Leinen oder anderen Stoffen. „Saris sieht man eher an älteren Frauen, den Tanten und Großmüttern in manchen Regionen. Manche tragen immer einen“, sagt Cristin McKnight Sethi, eine Textilexpertin und Professorin für Kunstgeschichte an der Corcoran School of the Arts and Design der George Washington University. Jüngere Frauen und Stadtbewohnerinnen, so sagt sie, trügen meist eher westliche Kleidung oder einen Salwar (Tunika und Hosenanzug) und würden sich die farbenfrohen Saris für Hochzeiten oder andere Feiern aufheben. Das Kleidungsstück ist auch ein symbolischer Übergangsritus für junge Hindu-Mädchen, die einen Sari oder einen halblangen Sari für die Zeremonie Ritu Kala Samskara tragen, die den Übergang zum Erwachsenwerden symbolisiert. Das Kleidungsstück wurde sogar als politisches Symbol genutzt.

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Laut Chishti gibt es mehr als hundert Möglichkeiten, einen Sari zu drapieren. Sie unterscheiden sich je nach Region, Stoff, Länge und Breite des Kleidungsstücks und sind abhängig davon, was die Trägerin an diesem Tag vielleicht plant. Chishti filmte eine Reihe von Videos, die Dutzende von Möglichkeiten zeigen, einen Sari anzuziehen. „Die jüngere Generation will damit experimentieren können, sie will ihn auf verschiedene Arten tragen können“, sagt sie.

Zu den Sari-Wickeltechniken gehören der allgegenwärtige Nivi-Stil (in Falten gelegt und um die Taille gewickelt, wobei der Pallu, also das verzierte Ende des Kleidungsstücks, über die linke Schulter geworfen wird) und der ländliche Dharampur-Stil, der ein langes Stoffrechteck geschickt in knielange Unterhosen verwandelt. Die meisten Sari-Wickeltechniken erfordern einen Choli (ein bauchfreies Oberteil) und einen schmalen Petticoat. Letzterer dient oft dazu, die ganzen Textilfalten zu verankern. Einige Sari-Falten müssen mit Stichen oder Stecknadeln befestigt werden, andere werden freier gelegt, wie Stoff-Origami für den Körper.

Saris sind in weiten Teilen Indiens verbreitet – an Frauen, die in allen Regenbogenfarben auf Fahrrädern durch die Straßen von Mumbai fahren, an Schauspielerinnen in Bollywood-Filmen oder an mehreren Generationen einer Familie in Rajasthan.

Besucher, die von der Schönheit und Mythologie der Saris fasziniert sind, können die Textilien vor Ort erwerben und mit nach Hause nehmen. Im Gegensatz zu anderen traditionellen Kleidungsstücken in einigen Kulturen ist der Sari nicht für Menschen einer bestimmten Nationalität oder eines bestimmten Glaubens reserviert. „Ich halte es nicht für respektlos, wenn Menschen aus dem Westen einen Sari tragen“, sagt Chishti. „Es ist eher eine Ehre.“ Es sei nichts Falsches daran, aus einem schillernden Sari einen Rock zu nähen oder ihn wie ein Kunstwerk an die Wand zu hängen, sagt Sethi.

Touristen, Einheimische und Bräute gehen in den zahlreichen Geschäften der azurblauen Gassen von Jodhpur oder in den Straßen von Mumbai auf Sarisuche. Edle Stücke gibt es in größeren, teureren Boutiquen wie Ekaya Banaras in Delhi, das für seine handgewebten Seiden von über 8.000 Banaras-Webern bekannt ist, oder Nalli in Chennai, das 1928 eröffnet wurde und sich über zwei Etagen eines Art-Déco-Gebäudes im Stadtteil T. Nagar erstreckt.

Wo auch immer sie hingehen, finden sich Sari-Suchende zwischen bonbonfarbenen Stapeln sauber gefalteter Seide, Baumwolle und Chiffons wieder. Manche Saris gibt es schon für 20 Dollar von einem Straßenverkäufer, während für eine Banarasi-Schönheit bis zu 10.000 Dollar fällig werden. „Wenn man einen Sari kauft, ist das in der Regel ein langer Prozess. Man bekommt den Sari-Stoff in einem Geschäft, lässt sich woanders eine Bluse schneidern und kauft den Unterrock dann wieder anderswo“, erklärt Sethi.

Es ist ein komplexer Tanz durch Läden und Schneidereien, an dessen Ende ein vollständiges Sari-Outfit wartet – und keines, das man schnell anzieht. „Aber es ist ein Stück Stoff, das richtige Berühmtheit erlangt hat, und es gibt so viele Variationen“, sagt Sethi. „Saris sind so wichtig und sie sind es zweifelfrei wert, zelebriert zu werden.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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