Wo die Wissenschaft als Männerdomäne versagte

Sexismus hat selbst kluge Köpfe wie Charles Darwin auf den Holzweg geführt. Doch eine neue Generation von Forscherinnen hat sich ihren Platz in der Welt der Wissenschaft erobert.

Von Cathrine Zuckerman
Veröffentlicht am 10. Feb. 2021, 15:59 MEZ
Helen Hamilton Gardener widersprach im 19. Jahrhundert der gängigen Meinung, dass die geringere Gehirngröße von Frauen ...

Helen Hamilton Gardener widersprach im 19. Jahrhundert der gängigen Meinung, dass die geringere Gehirngröße von Frauen darauf hindeutet, dass sie nicht so intelligent sind wie Männer.

Bild LIBRARY OF CONGRESS, CORBIS/ VCG/ GETTY

Angela Saini weiß, wie es ist, die einzige Frau im Raum zu sein – besonders wenn dieser Raum ein wissenschaftliches Labor ist. Im College war sie die einzige Frau in ihrer Ingenieursklasse. Davor war sie das einzige Mädchen in ihrer Mathe- und Chemieklasse. Sie erwarb zwei Master-Abschlüsse, einen in Ingenieurswissenschaften und einen in Wissenschaft und Sicherheit. Heute ist Saini eine preisgekrönte Journalistin, die die Geschichte der Wissenschaft beleuchtet – ein Gebiet, das Frauen (und der Forschung) einen schlechten Dienst erwiesen hat, indem es sie lange Zeit weitgehend ausschloss.

Im Interview sprach Saini über ihr 2017 erschienenes Buch „Inferior: How Science Got Women Wrong and the New Research that's Rewriting the Story“ (dt.: Unterlegen: Wie die Wissenschaft Frauen falsch beurteilte und wie neue Forschung diese Geschichte umschreibt). Darin offenbart sie den Sexismus innerhalb der Wissenschaft und erklärt, wie die Biologie und die sexuelle Unterdrückung genutzt wurden, um Frauen ins Abseits zu drängen. Aber sie geht auch auf eine neue Welle des Feminismus ein, die langsam den Diskurs verschiebt.

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Wissenschaftlerinnen sind eine ziemliche Minderheit. Erklären Sie uns, wie sich diese Unterrepräsentation auf die Forschung und die daraus resultierenden Schlussfolgerungen auswirken kann – oder sie verzerrt.

Für einen großen Teil der Geschichte der modernen Wissenschaft wurden Frauen absichtlich ausgeschlossen. Wenn Sie eine Gruppe haben, die unterrepräsentiert ist, dann könnten die Forscher, die diese Gruppe studieren, auf ihre eigenen kulturellen oder sozialen Annahmen hereinfallen. Und wenn es sich um ein Gebiet handelt, in dem Männer dominieren – was für den größten Teil der Geschichte der modernen Wissenschaft der Fall war –, dann werden deren Annahmen über Frauen natürlich die Art der Forschung und die Theorien beeinflussen, die sie aufstellen. Und das ist genau das, was passiert.

Das überrascht einige Leute, weil viele in dem guten Glauben leben, dass die Wissenschaft vollkommen objektiv ist – schließlich wird Wissenschaftlern ja beigebracht, sich ihrer Vorurteile bewusst zu sein. Aber das Geschlecht oder die Ethnie der Forscher können durchaus eine Rolle spielen.
 

Charles Darwin hatte, trotz all seiner positiven Beiträge zur Wissenschaft, eine ziemlich klägliche Sicht auf den Platz der Frauen in der Wissenschaft. Was waren seine Ansichten und worauf basierten sie?

Der Titel meines Buches stammt von einem direkten Zitat von ihm. In einem Brief beschrieb er Frauen als den Männern intellektuell unterlegen. Er schaute sich in der viktorianischen Gesellschaft um und sah, dass Frauen nicht so viel erreichten wie Männer, also war seine Schlussfolgerung, dass Frauen einfach nicht die gleichen Kapazitäten und Fähigkeiten haben wie Männer. Dass sie irgendwie unterentwickelt wären.

Das Buch.

Bild HARPERCOLLINS

Das Seltsame an Darwin – und ich halte ihn immer noch für einen wissenschaftlichen Helden – ist, dass er in seiner Arbeit generell sehr gründlich und sorgfältig war. Aber bei diesem Thema schien er ziemlich schlampig vorzugehen. Er untersuchte nicht die Gründe dafür, dass Frauen weniger Leistungen erbrachten. Er kam nicht auf den Gedanken, dass es daran liegen könnte, dass Frauen praktisch nichts tun durften, zumindest im viktorianischen England. Solange die Menschen nicht die gleichen Voraussetzungen haben, ist es nicht fair, sie zu vergleichen – aber genau das hat er getan. Wenn er heute leben würde, glaube ich nicht, dass er diese Fehler gemacht hätte, weil er dafür eigentlich ein zu sorgfältiger Wissenschaftler war. Ich glaube, er ist einfach in eine Falle getappt, in die viele Leute getappt sind: in die Falle seiner Zeit, diese kulturellen Vorstellungen über Männer und Frauen zu akzeptieren und sie nicht zu hinterfragen.

Apropos Darwin: Reden wir über Eliza Burt Gamble, die knallharte Lehrerin und Frauenrechtlerin, die es mit ihm aufnahm. Wer war sie und wie hat sie seine Theorien infrage gestellt?

Sie klingt wie eine unglaubliche Frau. Sie war sehr eigenständig und unabhängig. Wie viele Frauen im 19. Jahrhundert hatte sie nicht eben die beste Bildung genossen, also bildete sie sich selbst weiter. Sie versuchte wirklich, die Evolutionstheorie zu untersuchen und die Beweise aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Und sie kam zu einer ganz anderen Schlussfolgerung: dass Frauen von Natur aus überlegen sind. Ich sage nicht, dass sie damit recht hatte. Aber sie zeigte, dass man wissenschaftliche Beweise auf sehr unterschiedliche Weise betrachten kann. Und je nach Vorurteil oder Standpunkt kann man zu einer anderen Schlussfolgerung kommen.

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Die Geschichte ist voll von kaum bekannten weiblichen Wegbereitern. Stellen Sie uns ein paar Ihrer Favoritinnen aus den Wissenschaftsarchiven vor.

Es gab eine wunderbare Frau namens Helen Hamilton Gardener, die Gehirne erforschte. Das war in den frühen Tagen der Neurologie und der Hirnanatomie, als man davon ausging, dass Frauen kleinere Gehirne hätten und deshalb dümmer seien. Gardener aber stellte fest: Wenn die Gehirngröße ein Indikator für Intelligenz wäre, dann wäre der Mensch nicht die klügste Spezies, weil wir nicht das größte Gehirn haben. Die Hirngröße ist relativ zur Körpergröße, und da Frauen etwas kleiner sind als Männer, macht es Sinn, dass ihre Gehirne etwas kleiner sind.

Sie hat eine Menge Kritik für ihre Ideen geerntet, teils weil männliche Biologen so sehr in der Vorstellung verhaftet waren, dass es eine biologische Grundlage für die „weibliche Minderwertigkeit“ geben müsse. Gardener machte deutlich, dass das vielleicht nicht der Fall ist. Damit schuf sie die Grundlage für eine Menge wissenschaftlicher Arbeit, die seither stattgefunden hat. Es ist sehr einfach, alles auf die Biologie zu schieben, aber es ist auch ziemlich faul.

In Ihrem Buch geht es auch um düstere Themen wie weibliche Genitalverstümmelung (FGM) und das Füßebinden. Welche Rolle spielen diese und andere Formen der Unterdrückung für die Geschichte von Frauen in der Wissenschaft?

Noch immer ist die Vorstellung weit verbreitet, dass Frauen irgendwie von Natur aus keusch und bescheiden und monogam sind, während Männer von Natur aus promiskuitiv sind. Eine Frau namens Sarah Blaffer Hrdy stellte das infrage und fragte, welche biologischen Beweise es dafür gibt. Ihr Argument war: Wenn Frauen von Natur aus keusch und bescheiden sind, warum wird dann beispielsweise weibliche Genitalverstümmelung praktiziert, was ein so brutaler, unglaublich gewalttätiger Akt ist? Sie wird an Millionen von Frauen durchgeführt, um sie davon abzuhalten, Sex zu haben. Sie hat keinen anderen Zweck. Warum müssen wir das tun, wenn Frauen von Natur aus keusch sind? Vor Hrdy hatte niemand auf diesen Widerspruch hingewiesen.

Es gibt auch subtilere Formen der sexuellen Unterdrückung. Ich würde behaupten, dass die männliche Vormundschaft ein Beispiel dafür ist – diese Vorstellung, dass man sich wegschließen muss und nichts ohne die Erlaubnis des Mannes tun darf. Bis vor kurzem durften Frauen in Saudi-Arabien nicht mal Auto fahren. Diese Art von Kontrolle der Freiheit einer Frau ist im Grunde genommen eine Kontrolle ihres Sexualverhaltens, um sicherzustellen, dass sie keine Grenzen übertritt.

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Der Feminismus spielt aber auch in der Wissenschaft eine Rolle. Wie hat er diesen Bereich verbessert?

Ich glaube, viele Leute werden nervös, wenn es darum geht, Politik in die Wissenschaft zu bringen, weil die Wissenschaft als getrennt von der Politik angesehen wird. Aber ich würde argumentieren, wenn wir die Biologie und das Verhalten des Menschen erforschen, hat Politik dabei seit jeher eine Rolle gespielt. Im frühen 20. Jahrhundert schrieb zum Beispiel der führende Reproduktionsbiologe Walter Heape, dass Frauen ihre Fortpflanzungsenergie verschwendeten, wenn sie auszogen und für ihr Wahlrecht kämpften. Das zeigt, dass diese Thematik von Anfang an inhärent politisch war.

Ich denke, was Feministinnen in der Wissenschaft erreicht haben, ist, diese alten männlichen Glaubenssätze infrage zu stellen und zu fragen: „Müssen wir diese Fragen noch einmal neu betrachten?“ Bekommen die Fragen eine andere Bedeutung, wenn man die Geschichte und die Kultur als Erklärungsansatz für die Dinge betrachtet und nicht die Biologie? Und das hat wirklich geholfen. Es hat die Forschung verbessert und auch die Theorien, die wir heute über Geschlechtsunterschiede haben.

Dank der Physikerin Jess Wade vom Imperial College London liegt Ihr Buch jetzt in allen öffentlichen Schulen in Großbritannien aus, und die Schulen in New York City sind die nächsten. Erzählen Sie uns von diesem Engagement.

Es ist ein Zeichen dafür, wie sehr sie geliebt wird und wie sehr die Leute ihre Bemühungen unterstützen. Ich denke, das sagt mehr über sie aus als über das Buch, weil sie einfach eine solche Naturgewalt ist. Ich bin ihr so unendlich dankbar. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie wunderbar sie ist. Und es geht nicht nur um mich, sie unterstützt so viele Frauen in der Wissenschaft und Minderheiten in der Wissenschaft im Allgemeinen.

Sie hat über 4.000 Dollar gesammelt, um das Buch in alle öffentlichen Schulen in New York City zu bringen. Eine andere Gruppe von Frauen hat eine ähnliche Crowdfunding-Kampagne in Kanada gestartet.

Sie und ich haben beide junge Söhne. Was hoffen Sie, wie das wissenschaftliche Spielfeld aussehen wird, wenn sie alt genug sind, um „Inferior“ zu lesen?

Mein Verlag in Großbritannien produziert eine spezielle Schulausgabe des Buches, und es gibt eine Einleitung von Jess und von mir. Ich erkläre darin, dass ich mich freuen würde, wenn mein Sohn [der fünf Jahre alt ist] das Buch eines Tages in seiner Schulbibliothek findet und es liest.

Ich hoffe, dass die Welt bis dahin anders ist. Ich hoffe, dass es diese Probleme dann nicht mehr gibt. Aber im Moment ist die Welt so in Aufruhr, dass ich das wirklich nicht abschätzen kann. Ich hoffe aber, dass wir in dieser Sache keine Rückschritte machen, dass wir es schaffen, unsere Rechte zu verteidigen und nach vorn zu gehen.

Dieses Interview wurde zugunsten von Länger und Deutlichkeit redigiert.

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