Rettungsgrabung im Irak: 3.400 Jahre alte Stadt freigelegt

Deutsche und kurdische Archäologen haben am Tigris eine Stadtanlage aus der Bronzezeit ausgraben. Möglich wurde dies durch eine große Dürre. Eine Mission unter Zeitdruck.

Von National Geographic
Veröffentlicht am 3. Juni 2022, 15:45 MESZ
Luftaufnahme der aufgetauchten Stadt inmitten des Sees.

Die Ausgrabungen von Kemune, teilweise im Mosul-Stausee versunken. Innerhalb von zwei Monaten konnten die Archäologen die Stadt aus der Zeit des Mittani-Reichs größtenteils rekonstruieren. Die 3.400 Jahre alten Überreste sind nun wieder im Stausee abgetaucht.

Foto von Universitäten Freiburg und Tübingen, KAO

Rund 40 Jahre lang schlummerten die Überreste aus der Zeit des Mittani-Reichs – ca. 1550 - 1350 v. Chr. – unter der Wasseroberfläche des Mosul-Stausees. Im Januar 2022 musste dann alles ganz schnell gehen: In der Region Kurdistan des Irak haben Forschende eine bronzezeitliche Stadt ausgegraben und dokumentiert. Das teilte die Universität Freiburg mit, die an den Grabungen beteiligt war. 

Die Überreste der Stadt waren vor Jahrzehnten in dem wichtigen Wasserreservoir des Landes untergegangen, bevor sie archäologisch untersucht werden konnten. Im Januar dieses Jahres war der Wasserspiegel an der Talsperre des Tigris durch extreme Trockenheit im Land so stark gesunken, dass die Freilegung möglich wurde. Bei der Arbeit stand das deutsch-kurdische Team unter enormem Zeitdruck, da nicht klar war, wann das Wasser wieder höher steigen würde.

Die Archäologen bei den Grabungen im Irak. Bei der Arbeit stand das deutsch-kurdische Team unter enormem Zeitdruck, da nicht klar war, wann das Wasser wieder zu hoch steigen würde. Das Wasser war zu Bewässerungszwecken abgelassen worden, um die Ernten im Land vor der extremen Trockenheit zu retten.

Foto von Universitäten Freiburg und Tübingen, KAO

Innerhalb von zwei Monaten gelang es den Forschenden der Universitäten Freiburg und Tübingen sowie der Antikendirektion Dohuk den Plan der Stadt weitgehend zu rekonstruieren. Ausgegraben wurde ein Palast, der bereits 2018 erfasst worden war, eine massive Befestigungsanlage mit Mauer und Türmen, ein monumentales mehrstöckiges Magazingebäude sowie ein industrieller Komplex. Der gute Erhalt der Überreste ist nach Angaben der Archäologen erstaunlich.

Das alte Zachiku im Großreich Mittani

Bei der Stadt könnte es sich nach Angaben der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um das alte Zachiku handeln. Der Ort sei ein wichtiges Zentrum des Großreichs von Mittani gewesen, das damals weite Teile Nordmesopotamiens und Syriens kontrollierte. „Das riesige Magazingebäude ist von besonderer Bedeutung, weil darin enorme Mengen an Gütern gelagert worden sein müssen, die wahrscheinlich aus der gesamten Region herbeigeschafft wurden,“ sagt Ivana Puljiz von der Universität Freiburg. 

Für die Archäologen waren unter anderem fünf Keramikgefäße von besonderer Bedeutung, in denen sie über 100 Keilschrifttafeln fanden. Datiert wurden die Tafeln auf die mittelassyrische Zeit. „Einige Tontafeln, bei denen es sich vielleicht um Briefe handelt, stecken sogar noch in ihren Umschlägen aus Ton”, heißt es von der Uni Freiburg. Man erhoffe sich wichtige Aufschlüsse über das Ende der Mittani-zeitlichen Stadt und den Beginn der assyrischen Herrschaft in dieser Region. „Dass die Keilschrifttafeln aus ungebranntem Ton so viele Jahrzehnte unter Wasser überdauert haben, grenzt an ein Wunder“, sagt Peter Pfälzner von der Uni Tübingen.

Extreme Trockenheit: Klimawandel im Irak

Während der tiefe Wasserstand des Mosul-Stausees ein Glück war für die Forschung, zeigt er auf der anderen Seite die schlimme Lage der Region. Der Klimawandel zeichnet aktuell kaum ein Land so stark wie den Irak. Seit Monaten leidet das Land unter extremer Trockenheit. Es gibt immer mehr Sandstürme und Temperaturen über 50 Grad. Das Wasser aus dem Mosul-Stausee war zu Bewässerungszwecken abgelassen worden, um die Ernten im Land zu retten. 

Mittlerweile sind die Überreste wieder abgetaucht. Bevor sie im Wasser verschwanden, gelang es den Archäologen jedoch, sie mit einer Plastikfolie und Kiesschüttungen zu bedecken. Die Mauern aus ungebranntem Lehm sollen so vor dem Wasser geschützt und die Ruinen damit konserviert werden.

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