Mord, Selbstmord, Unfall? Wer war verantwortlich für den Tod von König Ludwig II.?

Der Tod des bayerischen Märchenkönigs Ludwig II. im Juni 1886 im Starnberger See gibt bis heute Rätsel auf. Ein neues Buch enthüllt Motive der Schuldigen und Beteiligten.

Von Jens Voss
Veröffentlicht am 13. Sept. 2022, 10:15 MESZ
König Ludwig II. im Juni 1886 auf der Totenbahre

König Ludwig II. im Juni 1886 auf der Totenbahre

Foto von © Bayerische Schlösserverwaltung

„Seine Majestät sind in sehr weit vorgeschrittenem Grade seelengestört, und zwar leiden Allerhöchstdieselben an jener Form von Geisteskrankheit, die den Irrenärzten aus Erfahrung wohl bekannt mit dem Namen Paranoia bezeichnet wird.“

Die Diagnose versetzte ihm offenbar den Todesstoß: Nur wenige Tage später starb der 40-jährige König Ludwig II. von Bayern unter rätselhaften Umständen am 13. Juni 1886 im Starnberger See – und mit ihm ausgerechnet der Arzt, der das psychiatrische Gutachten erstellt hatte.

Sein ausufernder Lebensstil, die Bausucht und der damit verbundene Schuldenberg waren dem „Märchenkönig“ zum Verhängnis geworden. Allein der Bau von Schloss Neuschwanstein verschlang mit 6,2 Millionen Mark doppelt so viel wie ursprünglich geplant. Schon 1883 war Ludwig mit über sieben Millionen Mark verschuldet. Ein Jahr vor seinem Tod drohte ihm die Pfändung.

Entmündigt und entmachtet

Die Streitigkeiten um die Verschuldung hatten die bayerische Regierung um den Ministerratsvorsitzenden Johann von Lutz im Jahr 1886 dazu bewogen, den Wittelsbacher Monarchen zu entmündigen und damit für regierungsunfähig erklären zu lassen.

Eine ärztliche Untersuchung sollte Klarheit bringen. Beauftragt wurde der renommierte Psychiater Bernhard von Gudden. Wie von den Auftraggebern gewünscht, lieferte er das Gutachten – per Ferndiagnose. Auch Ludwigs langjähriger Leibarzt war nicht angehört worden. Am 9. Juni 1886 wurde der König durch die Regierung Lutz entmündigt.

Damit konnte Ludwigs Onkel Luitpold als Prinzregent die Regierungsgeschäfte übernehmen. Ludwig wurde in Gewahrsam genommen und nach Schloss Berg am Starnberger See gebracht. Bald darauf nahm das Unheil seinen Lauf.

Der junge König Ludwig II. mit Generalsuniform und Krönungsmantel

Foto von Ferdinand von Piloty, 1828,1895, Public domain, via Wikimedia Commons

Tödlicher Spaziergang am See

Am 13. Juni machte Ludwig mit Gudden gegen 18.45 Uhr einen Spaziergang am See. Warum die psychiatrischen Pfleger nicht dabei waren, ist nicht geklärt. War es Guddens ausdrücklicher Wunsch oder ein Missverständnis? Und wo war die Gendarmerie, die beim morgendlichen Spaziergang noch dabei war?

Kurz vor 23 Uhr fand man die Leichen der beiden Männer im See. Anhand von Verletzungen und Kleidungsspuren wurde geschlossen, es müsse ein Kampf zwischen dem Monarchen und seinem Arzt stattgefunden haben. War es Selbstmord nach einem Handgemenge mit Gudden, der Ludwig vom Suizid abhalten wollte? So zumindest lautete die offizielle Darstellung. Erlitt der Monarch einen Herzanfall auf der Flucht? Oder war es womöglich ein politisches Mordkomplott?

Neben Gudden spielte auch der Fischer Jakob Lidl eine Schlüsselrolle am Todesabend. Er half in der Todesnacht bei der Bergung der Leichen. Vor dem Bezirksamt von Starnberg musste Lidl den Schwur ablegen, niemals etwas über die Umstände der Nacht zu sagen. Dafür wurde er fürstlich belohnt. Er wurde später Bürgermeister und Ehrenbürger von Berg und bekam vom königlichen Hof ein Haus.

Der Fundort am Starnberger See: Im seichten Uferbereich wurden am 13. Juni die Leichen von Ludwig II. und seinem Arzt Bernhard von Gudden entdeckt.

Foto von Adobe Stock

Zweifel an der offiziellen Todesursache

Schon früh wurde die offizielle Version angezweifelt. Hat Lidl wirklich geschwiegen? Angeblich erzählte er seiner zweiten Frau und einem Freund, der König sei erschossen worden. In einem geheimen Schulheft soll der Fischer den Tathergang dokumentiert haben. Anhänger der Mordtheorie vermuten einen Fluchtversuch des Königs, in den auch Lidl eingeweiht gewesen sein soll.

Demnach habe er den König in seinem Fischerkahn zur Seemitte bringen und von dort aus bewaffneten Fluchthelfern übergeben sollen. Doch als Ludwig in den Kahn stieg, seien Schüsse gefallen. Entsetzt habe Lidl den Leichnam ins Wasser gestoßen und sei dann in Panik nach Hause gerudert. Später habe man ihn hinzugerufen, um den König zu suchen.

Das Dilemma: Das mysteriöse Schulheft ist bis heute verschollen. Kein Wunder, dass sich zahlreiche Mythen und Verschwörungen um den Tod des Märchenkönigs ranken. Wer war tatsächlich verantwortlich für den Tod des Märchenkönigs?

Galerie: Märchenkönig Ludwig II. und seine Schlösser

Ein dunkles Geflecht an Schuldigen

Historiker sind sich einig: Schlüsselereignis war die Entmündigung. Und als Drahtzieher gelten gemeinhin der Ministerratsvorsitzende Johann von Lutz, der einflussreiche Reichsrat Graf Maximilian von Holnstein, Prinzregent Luitpold und Psychiater Gudden – auch bekannt als „königlich bayerische Viererbande“.

Klebt das Blut des Königs nur an den Händen der Viererbande? Oder ist der Kreis derer, die die „Königskatastrophe zu verantworten haben, noch viel größer? Der Wittelsbach-Experte und Autor Alfons Schweiggert ist davon überzeugt. In seinem neuen Buch „Der Ludwig-II.-Prozess“ setzt er all jene auf die Anklagebank, die seiner Auffassung nach an der Entmündigung, Inverwahrnahme und am Tod Ludwigs II. beteiligt waren.

Seine Untersuchung entwirrt ein dunkles Geflecht an Beteiligten, dessen Wurzeln bis in die Kindheit von Ludwigs reichen. Da seien zuallererst seine Eltern: Der unnahbare Vater habe nie ein echtes Interesse an seinem Sohn gezeigt, sondern ihn stets von oben herab behandelt, wie Ludwig in einem Brief an den österreichischen Kronprinz Rudolf berichtet habe.

Deutschlands berühmtestes Schloss: Neuschwanstein bei Füssen im deutschen Allgäu

Foto von Adobe Stock

„Die Königin tötet mich durch ihre Geistlosigkeit“

Auch das Verhältnis zur Mutter war offensichtlich von Abneigung geprägt. Ludwig sei ihr Desinteresse an Literatur, Kunst und Musik zuwider gewesen. Zugleich habe sie ihren Sohn wegen seiner geistigen Interessen belächelt. „Die Königin tötet mich durch ihre Geistlosigkeit und Langeweile“, so der junge Monarch im Februar 1869. „Ludwigs II. Entmündigung begann in der Kindheit“, sagt Schweiggert.

Und die „Entmündigungsmaschinerie“ setzte sich fort. Da sei der „Dämon“ Richard Wagner, der die finanzielle Großzügigkeit seines Gönners schamlos ausnutzt habe. Da sei die Skandalpresse, die den überbordenden Lebensstil, die zunehmende Verschuldung und die versteckt ausgelebte Homosexualität des Monarchen ausgeschlachtet habe: Ludwig sei „bankrott an Körper, an Geist und Sittlichkeit“, hieß es 1884 in einem Artikel.

Da seien Politik, Militär, Adel und Kirche, die dem exzentrischen König ablehnend gegenüberstanden. Da seien die „üblen Demütigungen von Preußen“, die Ludwig während seiner Regierungsjahre über sich ergehen lassen musste. Der Autor nennt viele Namen und Motive. Auch die geheimnisvollen Fluchthelfer kommen nicht ungeschoren davon.

Alfons Schweiggert: Der Ludwig II. Prozess. Die Schuldigen an der Königskatastrophe, Volk Verlag, 24,90 Euro

Foto von Volk Verlag

Ludwigs Mitschuld an seinem Schicksal

Nach knapp 300 Seiten zieht Schweiggert ein düsteres Fazit: „Hinter jedem Schuldigen, so stellt man betroffen fest, tauchen zehn Mitschuldige und mehr auf.“ Es „bestand ein eng verwobenes Geflecht von zahlreichen Personen und Institutionen, die des Königs Entmachtung in die Wege leiteten und in der Folge auch seinen tragischen Tod in Kauf nahmen“. Am Ende bleibt eine große Abrechnung mit der damaligen bayerischen Gesellschaft, die die Exzentrik ihres Königs nicht ertragen konnte.

Dem Autor zufolge traf Ludwig dabei eine Mitschuld. Denn eigentlich habe er es selbst in der Hand gehabt, die gegen ihn gerichteten Aktionen durch politisch umsichtige Entscheidungen zu entschärfen. „Aber er tat genau das Gegenteil“, betont Schweiggert. „Der König beharrte stur auf Beibehaltung seines vom Ministerium kritisierten Lebenswandels.“ Bis die Fronten zwischen dem Ministerium Lutz und Ludwig II. völlig verhärtet waren.

Jahrzehntelang bewegte sich der Monarch auf einer Einbahnstraße, an deren Ende fast unweigerlich das Urteil „geisteskrank“ und damit schließlich die „Königskatastrophe“ stand. Auch deshalb will sich Schweiggert nicht an den Spekulationen um die konkrete Todesursache beteiligen.

War es Mord, Selbstmord oder ein Unfall? Die letzten Minuten im Leben von Ludwig II. werden wohl für immer ein Geheimnis bleiben. Schon rund zehn Jahre vor seinem jähen Ableben hatte Ludwig einer Schauspielerin gesagt: „Ein ewig Rätsel will ich bleiben mir und anderen!“

„Die Geheimnisse von Neuschwanstein“ im TV auf National Geographic

In enger Abstimmung mit der Bayerischen Schlösserverwaltung dokumentiert die deutsche National Geographic-Eigenproduktion „Die Geheimnisse von Neuschwanstein“ die bisher umfangreichste Restaurierung in der Geschichte des Schlosses. Sie gewährt exklusive Einblicke hinter die Kalkstein-Fassaden, fördert überraschende Entdeckungen zutage und nähert sich dabei nicht zuletzt auch der geheimnisvollen Persönlichkeit des legendären Märchenkönigs.

Sendetermin: TV-Premiere, am Sonntag, 25. September um 21:00 Uhr auf National Geographic.

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