Drogenkonsum in der Bronzezeit: Ältester Nachweis für Opium entdeckt

In bronzezeitlichen Gräbern in Israel wurden Krüge gefunden, die wie Mohnkapseln geformt sind. Die Analyse der Rückstände in den Keramikgefäßen zeigt: Zwischen Form und Inhalt bestand ein Zusammenhang.

Von Katarina Fischer
Veröffentlicht am 11. Okt. 2022, 09:50 MESZ
Drei Krüge aus der Bronzezeit.

Archäologen fanden in Gräbern aus der Bronzezeit Kannen und Krüge, die in ihrer Form an umgedrehte Mohnkapseln erinnern. Bei der Untersuchung der Rückstände ihres einstigen Inhalts zeigte sich, dass das kein Zufall ist.

Foto von Assaf Peretz / Israel Antiquities Authority

Seit Jahrtausenden berauschen sich die Menschen – und seit Jahrtausenden sind die Rauschmittel die gleichen: Alkohol begleitet uns mindestens seit der Mittelsteinzeit. Erste Aufzeichnungen über die medizinische Nutzung von Cannabis sind fast 5.000 Jahre alt. Auch Opium, das aus unreifen Schlafmohnkapseln gewonnen wird, zählt zu diesen alten Heil- und Rauschmitteln: Seine Verwendung kann ab etwa 5200 v. Chr. nachgewiesen werden – Schlafmohn (Papaver somniferum) ist eine der ältesten Kulturpflanzen Europas. Doch seit wann wird Opium als Droge genutzt? Die Analyse antiker Keramikgefäße aus Israel liefert dazu neue Antworten.

Bei Rettungsgrabungen im israelischen Tel Yehud stießen Archäologen bereits im Jahr 2012 auf Gräber aus der frühen Bronzezeit. Sie stammen von den Kanaanäern, den ältesten bekannten sesshaften Bewohner des heutigen Israels. Eine in der Zeitschrift Archaeometry veröffentlichte Studie der Universität Tel Aviv und der israelischen Altertumsbehörde (IAA) fasst zusammen, was die darin entdeckten Grabbeigaben über die Geschichte des Opiumkonsums verraten.

Keramik aus Zypern in Gräbern der Kanaanäer

Laut Ausgrabungsleiter Ron Be'eri von der IAA wurden in Tel Yehud Hunderte kanaanitische Gräber aus dem 18. bis 13. Jahrhundert v. Chr. freigelegt. „Die meisten der bestatteten Körper stammten von Erwachsenen beiderlei Geschlechts“, sagt er. „Die in den Gräbern entdeckten Keramikgefäße wurden wahrscheinlich bei Begräbniszeremonien verwendet, die die Lebenden für ihre verstorbenen Familienmitglieder durchführten.“

Auffällig an den entdeckten Gefäßen war, dass es sich bei einer großen Zahl von ihnen um sogenannte Base Ring Ware handelt. Diese wurde ab der späten Bronzezeit um 1600 v. Chr. in Zypern hergestellt. Die Keramikform, die ihren Namen dem Standring am Boden des Gefäßes verdankt, war über 400 Jahre eine der wichtigsten Waren Zyperns und wurde in die Levante und nach Ägypten exportiert. Die Form der verschlossenen Krüge erinnert an auf dem Kopf stehende Mohnkapseln, was bereits im 19. Jahrhundert die Hypothese entstehen ließ, dass sie für rituellen Drogenkonsum genutzt wurden.

Bei der Analyse der Rückstände im Inneren der zypriotischen Krüge und Kannen aus Tel Yehud wurden in acht von ihnen Zersetzungsprodukte wie Morphinan festgestellt, das ausschließlich aus der Mohnpflanze stammen kann. Das ist ein klarer Beweis dafür, dass in den Gefäßen Opium aufbewahrt wurde – und ein erster konkreter Nachweis für den Zusammenhang zwischen Base Ring Ware und Drogenkonsum.

Laut Vanessa Linares von der Universität Tel Aviv, die die Krüge im Rahmen ihrer Doktorarbeit untersuchte, ist der Fund „der bisher erste und einzige physische Beleg für den Konsum von Opium in der Levante in der späten Bronzezeit.“ Im Jahr 2020 seien auf einem Altar in Tel Arad Cannabisreste aus der Eisenzeit gefunden worden, doch „das Opium in Tel Yehud ist Hunderte Jahre älter“, so Linares.

“Aus Aufzeichnung aus dem Alten Orient geht hervor, dass die Kanaanäer der ‚Befriedigung der Bedürfnisse der Toten‘ durch Rituale große Bedeutung beimaßen.”

von Ron Be'eri
IAA

Opium als Teil des Bestattungsrituals

Ihr zufolge erlaubt der Fund einen seltenen Einblick in die Bestattungsriten der antiken Welt. Doch es bleiben Fragen offen. „Natürlich wissen wir nicht, wie genau das Opium bei der Zeremonie eingesetzt wurde“, sagt sie. „Ob die Kanaanäer in Yehud glaubten, dass die Toten im Jenseits Opium brauchen würden, oder ob es die Priester waren, die die Droge während der Zeremonie konsumierten.“

Auch Ron Be'eri kann nur spekulieren. Doch „aus Aufzeichnung aus dem Alten Orient geht hervor, dass die Kanaanäer der ‚Befriedigung der Bedürfnisse der Toten‘ durch Rituale große Bedeutung beimaßen“, erklärt er. „Sie glaubten, dass die Geister zum Dank für die Gesundheit und Sicherheit ihrer lebenden Verwandten sorgen würden.“ Möglicherweise sei das Opium von Familienmitgliedern oder den Priestern konsumiert worden, um sich in einen Geisteszustand zu versetzen, der es ermöglichte, mit dem oder der Verstorbenen zu kommunizieren und eine letzte Bitte zu äußern. Vielleicht wurde es aber auch dem Toten mitgegeben, um ihm seine letzte Reise zu erleichtern oder ihm dabei zu helfen, sich auf die Begegnung mit Verwandten im Jenseits vorzubereiten.

Drogenhandel in der späten Bronzezeit

Ebenfalls interessant ist die Entdeckung in Bezug auf das große, komplexe Netzwerk des Opiumhandels in der Levante der späten Bronzezeit. Der Fund untermauert die Annahme, dass dieser zwischen den damaligen Kulturen des Nahen Ostens eine zentrale Rolle gespielt hat. „Man muss bedenken, dass das Opium aus Mohn angebaut wurde, der in Kleinasien gewonnen wurde – also auf dem Gebiet der heutigen Türkei“, sagt Vanessa Linares. „Die Keramikgefäße, in denen wir die Opiumrückstände identifiziert haben, stammen aus Zypern. Mit anderen Worten: Das Opium wurde aus der Türkei über Zypern nach Jehud gebracht. Das zeigt, welch große Bedeutung man der Droge beimaß.“

„Morphin hilft bei Angstzuständen und funktioniert als Schlafmittel und natürlich auch als Halluzinogen“, erklärt Linares. Sie nimmt darum an, dass Opium in der späten Bronzezeit nicht nur zu berauschenden, sondern auch zu medizinischen Zwecken genutzt wurde. „Im Moment haben wir es aber nur in einem Bestattungskontext identifiziert“, sagt sie. „Also können wir derzeit auch nur in diesem Kontext darüber sprechen.“

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