Ernährung in der Steinzeit: Neandertaler kochten nach Rezept

Eine Studie zeigt, dass unsere Vorfahren bereits vor Tausenden Jahren Zutaten zu komplexen Speisen kombinierten – und vegetarisches Essen zu ihrem Alltag gehörte.

Von Katarina Fischer
Veröffentlicht am 13. Dez. 2022, 09:51 MEZ
Eingang der Shanidar-Höhle.

Ein Teil der Speisereste, die die Grundlage der Studie lieferten, stammen aus Shanidar, einer Höhle im Irak, die für ihre Funde im Zusammenhang mit Neandertalern bekannt ist.

Foto von University of Liverpool

Egal ob Hobbykoch oder leidenschaftlicher Gourmet: Raffinierte Speisen mit komplexen Aromen gehören für viele Menschen zu den Freuden des modernen Lebens. Im Gegensatz dazu, so die vorherrschende Annahme, war Essen für unsere urzeitlichen Vorfahren bloß Mittel zum Zweck. Ohne Gewürze und Küchengeräte musste über dem Feuer gegartes, fades Fleisch reichen, um den Energiehaushalt aufzufüllen.

Wie die Analyse Zehntausende Jahre alter Nahrungsreste, die Forschende der Liverpool University in England durchgeführt haben, zeigt, ist diese Vorstellung nicht mehr als ein Klischee. Die Ergebnisse der Untersuchung wurden in der Zeitschrift Antiquity veröffentlicht und liefern direkte Hinweise auf Mehrkomponentennahrung – und damit einen Beleg dafür, dass schon frühe moderne Menschen und Neandertaler verschiedene Zutaten und Zubereitungsmethoden nutzen, um ihre Mahlzeiten schmackhafter zu machen.

Tausende Jahre alte Essensreste

Analysiert wurden verkohlte Speisereste, die zum Teil aus der Höhle Shanidar im Norden des Irak stammen und zu den ältesten gehören, die jemals gefunden wurden. Dabei wurden die jüngeren Speisereste frühen modernen Menschen zugeordnet, die hier vor etwa 40.000 Jahren lebten, die älteren haben Neandertaler vor rund 70.000 Jahren hinterlassen.

Verkohlte pflanzliche Nahrungsüberreste aus der Shanidar-Höhle unter dem Rasterelektronenmikroskop (REM).

Foto von Ceren Kabukcu

Außerdem untersuchte das Team unter der Leitung von Ceren Kabukcu, Archäologin an der Liverpool University, Proben aus der Höhle von Franchthi auf der griechischen Halbinsel Peloponnes. Bereits vor 38.000 Jahren siedelten hier Menschen. Die Nahrungsreste aus der Höhle, unter denen auch Fundstücke sind, die an Fladenbrot erinnern, sind zwischen 12.000 und 13.000 Jahren alt – in ganz Europa gibt es keinen älteren Fund dieser Art.

Die Proben wurden zunächst mikroskopisch untersucht, um zu bestätigen, dass es sich um Reste aus der Nahrungszubereitung und nicht etwa Fäkalien handelt. Im Anschluss wurden die einzelnen Bestandteile der Proben mithilfe eines Rasterelektronenmikroskops genau analysiert.

Geschmack war damals so wichtig wie heute

Dabei zeigte sich, dass Neandertaler sich keineswegs nur von Fleisch ernährten. Auch vegetarische Komponenten standen auf dem Speiseplan. Die Zutaten für ihre Mahlzeiten kombinierten unsere Vorfahren bereits vor 70.000 Jahren zu schmackhaften Gerichten und wandten dabei komplizierte Techniken zur Nahrungszubereitung an – Tausende Jahre früher als bisher angenommen.

„Die Studie weist auf kognitive Komplexität und die Entwicklung kulinarischer Kulturen hin, in denen Aromen schon sehr früh von Bedeutung waren“, sagt Ceren Kabukcu. „Unsere Arbeit zeigt schlüssig die Komplexität der Ernährung der frühen Jäger und Sammler und deren Ähnlichkeit mit modernen Praktiken der Nahrungszubereitung.“

Neandertaler und frühe moderne Menschen verwendeten beim Kochen bevorzugt Pflanzen mit bitteren, scharfen und gerbstoffhaltigen Noten: Wilde Nüsse und Gräser kombinierten sie häufig mit Hülsenfrüchten wie Linsen und wildem Senf. Den bitteren Geschmack in den Schalen der Hülsenfrüchte entfernten die paläolithischen Köche, indem sie diese einweichten und auslaugten und dann stampften oder grob mahlten.

Küche des Paläolithikums fortschrittlicher als gedacht

„Archäologen und Anthropologen haben solche kulinarischen Praktiken bisher als Merkmal der neolithischen Agrargesellschaften interpretiert“, sagt Eleni Asouti, Archäologin an der Liverpool University und Autorin der Studie. „Unsere Entdeckung zeigt aber, dass moderne Kochtechniken tausende Jahre älter sind als die Landwirtschaft.“

Ceren Kabukcu zufolge räumt die Analyse des Studienteams mit einigen Irrtümern auf, liefert bisher fehlende Informationen und zeigt so, dass wir in Bezug auf unsere Ernährungsbedürfnisse von unseren Ahnen der Urzeit gar nicht so weit entfernt sind. „Die Ergebnisse sind ein großer Fortschritt gegenüber früheren Debatten über die Essgewohnheiten von Jägern und Sammlern, ihre kulinarischen Fähigkeiten und die Frage, ob sie überwiegend Fleischfresser waren oder hingebungsvolle Vegetarier.“

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