Wrack aus Elisabethanischem Zeitalter in Steinbruch gefunden

Relikte der englischen Schifffahrt aus dem 16. Jahrhundert gab es bislang nur wenige. Nun wurden in Kent die Überreste eines solchen Schiffs entdeckt – über 300 Meter von der heutigen Küste entfernt.

Detailaufnahme eines seltenen elisabethanischen Schiffes, das in einem Steinbruch in Kent gefunden wurde.

Foto von Wessex Archaeology
Von Marina Weishaupt
Veröffentlicht am 19. Jan. 2023, 10:06 MEZ

Historische Schiffswracks werden meist im seichten Wattenmeer, in Flussmündungen, in den Tiefen der Ozeane oder an Stränden vermutet. Umso unerwarteter kam die Entdeckung eines Schiffs aus dem Elisabethanischen Zeitalter in einem Steinbruch in Kent – 300 Meter entfernt von der Küste.

Das Wrack aus dem Landesinneren der Dungeness Landzunge in Südengland überrascht aus mehreren Gründen. Forschende des Wessex Archaeology, Großbritanniens führendes Unternehmen für Archäologie und Kulturerbe, gingen seinen Geheimnissen auf die Spur. 

Seltener Fund liefert spannende Erkenntnisse

Entdeckt wurde das Wrack von Angestellten während Baggerarbeiten in dem Steinbruch. Kurze Zeit später brachten archäologische Grabungen mehr als 100 Hölzer eines Schiffsrumpfes hervor. Direkt vor Ort wurden diese mithilfe von modernen Laserscanning-Methoden festgehalten. Ermöglicht wurden damit erstaunlich detailreiche 3D-Modellierungen. 

Ein Standbild eines detailreichen 3D-Modells des Schiffes aus dem 16. Jahrhundert, das im Steinbruch von Dungeness gefunden wurde.

Foto von Wessex Archaeology

Anschließende Analysen des Holzes ergaben zudem, dass es sich dabei um Stämme der Stieleiche handelt, die auf die Jahre zwischen 1558 und 1580 datiert werden konnten. „Ein Schiff aus dem späten 16. Jahrhundert zu finden, das im Sediment eines Steinbruchs erhalten geblieben ist, war ein unerwarteter, aber sehr willkommener Fund“, so Andrea Hamel, Meeresarchäologin bei Wessex Archaeology. 

Obwohl trotz der verhältnismäßig vielen einzelnen Bauteile ein Großteil des Aussehens des Schiffs im Ungewissen bleibt, ergeben sich spannende Erkenntnisse bezüglich der Bauart des Schiffes. Laut Wessex Archaeology wurde es zu einer Umbruchszeit des nordeuropäischen Schiffbaus gefertigt. Während dieser wandte man sich zunehmend von traditionellen Klinkerkonstruktionen ab, bei der sich die Außenplanken überlappen. 

Das Wrack wurde derweil nach der moderneren Kraweelbauweise gebaut. Bei dieser fertigte man zunächst den inneren Rahmen und verlegte daraufhin bündige Planken. So wurde eine glatte und stabile Außenhülle geschaffen. Eine Technik, die sich aufgrund ihrer hohen Belastbarkeit durchsetzte und etwa auch vom Kriegsschiffs Mary Rose bekannt ist, das 1511 fertiggestellt wurde.

Vom Meer in den Steinbruch

Der ungewöhnliche Fundort, rund 300 Meter entfernt von Küste und Meer, ist laut den Experten des Unternehmens auf verschiedene Ursachen zurückzuführen. So glauben sie, dass sich das Meer damals weiter ins Inland der Landzunge erstreckt haben könnte. Daraufhin könnte das Schiff entweder an der Küste auf Grund gelaufen oder zerschellt sein. Oder es ist schlichtweg ausrangiert und in den heutigen Steinbruch gebracht worden. 

„Die Überreste dieses Schiffes sind wirklich bedeutsam und helfen uns, nicht nur das Schiff selbst, sondern auch die breitere Landschaft des Schiffbaus und des Handels in dieser dynamischen Zeit zu verstehen“, so Antony Firth, Head of Marine Heritage Strategy bei Historic England – der staatlichen Denkmalpflegebehörde, die die Analysen des Wracks finanziell unterstützt.

Gesunkenes Kriegsschiff Mars aus dem 16. Jahrhundert gescannt und animiert

Relikt des goldenen Zeitalters wird wieder eingegraben 

Bislang konnten nur wenige Überreste der Schifffahrt aus dem Elisabethanischen Zeitalter geborgen werden. „Das Schiff hat das Potenzial, uns so viel über eine Zeit zu erzählen, aus der wir nur wenige Zeugnisse des Schiffbaus erhalten haben“, so Hamel. Ein Glücksfall – befand sich England damals schließlich auch in einer Zeit des Wandels in der Seefahrt. 

Während der Regierungszeit von Königin Elisabeth I. kam es zur großen Handelsexpansion Großbritanniens – englische Häfen wurden zunehmend wichtiger. Der Ärmelkanal bot sich nicht nur als Haupthandelsroute entlang der europäischen Atlantikküste an, sondern auch als Startpunkt für die Erkundung der Neuen Welt, etwa Nordamerikas. 

Der Fund aus Dungeness steht nun stellvertretend für all die bereits verschwundenen oder noch nicht gefundenen Relikte dieser Ära. Die Identität des Schiffes bleibt unterdessen ein Geheimnis – das es wieder mit ins Grab nehmen wird. Denn nach den abschließenden Untersuchungen wird es zurück in das Erdreich des trockengelegten Sees innerhalb des Steinbruchs verfrachtet. Der schlickhaltige Boden soll das Wrack weiter konservieren.

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