Mädchengrab aus dem Mittelalter: Mysteriöses Bestattungsritual

Am Rande eines mittelalterlichen Dorfes haben Forschende das Grab eines jungen Mädchens entdeckt – begraben mit dem Gesicht nach unten und zusammengebundenen Füßen. Warum gingen die Dorfbewohner so schonungslos mit der Toten um?

Bestattung mit dem Gesicht gen Boden – auch heute noch erscheint die Positionierung des verstorbenen Mädchens grausam.

Foto von MOLA Headland Infrastructure
Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 5. Sept. 2023, 08:54 MESZ

Irgendwann zwischen dem späten 8. und dem 9. Jahrhundert n. Chr. starb in einem kleinen Dorf in England ein Mädchen, deren Bestattung 1.200 Jahre später unzählige Fragen aufwerfen sollte. Begraben wurde sie in einem Loch, in dem zuvor einer der Pfähle des Stadttors steckte – mit dem Gesicht nach unten.

Die Überreste des Mädchens wurden nun von Archäolog*innen des Museum of London Archaeology (MOLA) untersucht. Dabei fanden sie heraus: Die Art und Weise, wie das Mädchen begraben wurde, weist auf einen niedrigen sozialen Status hin, den sie zu Lebzeiten in der Dorfgemeinschaft innehatte.

Außergewöhnliche Bestattung eines Mädchens

Gefunden wurde das Mädchen bei Ausgrabungen, die im Rahmen eines Autobahnprojektes zwischen 2016 und 2018 in der Nähe des Dorfs ​​Conington in Cambridgeshire, England, durchgeführt wurden. Ihre letzte Ruhestätte befand sich auf der Außengrenze des Dorfes – dort, wo einst das Stadttor stand. Bei ihrem Tod war sie 15 Jahre alt.

Zeichnung des Stadttors eines mittelalterlichen englischen Dorfes

So sah einst das Stadttor des mittelalterlichen Dorfes aus, in dem das Mädchen wohnte. In dem Loch, das nach dem Abbau des Tores zurückblieb, wurden die Überreste der Verstorbenen gefunden.

Foto von Oxford Archaeology

Laut den Archäolog*innen wurde das Mädchen gleich in mehrerer Hinsicht unkonventionell zur Ruhe gelegt. „Sie wurde nicht nur mit dem Gesicht nach unten auf einer Begrenzung begraben, die Position ihrer Knöchel lässt auch darauf schließen, dass sie zusammengebunden wurden“, sagt Don Walker, Osteologe am MOLA. Von vergleichbaren Funden wisse man, dass es im Mittelalter eigentlich üblich war, mit dem Gesicht nach oben begraben zu werden.

Zusätzlich sei auffällig, dass das Mädchen direkt auf der Grenze des Dorfes begraben wurde und nicht innerhalb der Siedlung. Genauer: Dort, wo zuvor das Stadttor stand. „Während die Wiederverwendung dieses großen Lochs als Grab rein praktischen gewesen sein könnte, deutet die Platzierung des Leichnams mit dem Gesicht nach unten darauf hin, dass der Ort viel mehr Bedeutung hatte“, so die Forschenden. Sie glauben, dass die vielen Auffälligkeiten darauf hindeuten, dass das Mädchen im Dorf als Außenseiterin betrachtet wurde – und selbst nach ihrem Tod auch so behandelt wurde.

Umgang mit Außenseitern nach ihrem Tod

Mögliche Gründe dafür gibt es mehrere. Im mittelalterlichen England galt man beispielsweise als Außenseiterin, wenn man anders aussah als andere, sich vermeintlich seltsam verhielt oder besonders arm war. „Es wird angenommen, dass die Bestattung mit dem Gesicht nach unten [...] Menschen vorbehalten war, die als außerhalb der frühmittelalterlichen Gesellschaft stehend angesehen wurden“, so die Forschenden.

Möglicherweise sollte das Mädchen auch davon abgehalten werden, aus ihrem Grab wieder aufzuerstehen. Laut Walker sprechen für diese Theorie sowohl die Position der Toten im Grab als auch die zusammengebundenen Füße.

„Dieses Begräbnis bietet eine interessante, wenn auch tragische Gelegenheit, die Realität des Lebens und des Todes derjenigen, die in der Vergangenheit als Außenseiter angesehen wurden, zu untersuchen“, sagt Walker. Vergleiche mit ähnlichen Begräbnissen oder möglichen zukünftigen Funden könnten dieses Wissen in Zukunft noch erweitern – und Forschenden möglicherweise ermöglichen, die Geschichte des Mädchens besser zu verstehen.

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