Chirurgie in der Steinzeit: Frau überlebte vor 4.500 Jahren zwei Schädel-OPs

Bei der Untersuchung des Skeletts einer Frau aus der Bronzezeit hat ein Forschungsteam zwei Löcher im Schädel entdeckt. Sie zeigen: An ihr wurden zu Lebzeiten zwei Schädeloperationen durchgeführt – ganz ohne moderne Geräte und Anästhesie.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 30. Nov. 2023, 10:00 MEZ
Nahaufnahme des Lochs im Schädel vor einem schwarzen Hintergrund.

Gleich zwei Operationen an ihrem Schädel hat diese Frau aus der Steinzeit vor 4.500 Jahren überlebt.

Foto von Sonia Díaz-Navarro et al.

Die Chirurgie ist ein weitaus älteres Feld der Medizin, als oft vermutet wird. Erst 2022 entdeckten Forschende Hinweise auf eine Fußamputation, die vor etwa 31.000 Jahren im heutigen Frankreich durchgeführt worden war. Und auch weitaus heiklere Operationen an Kopf und Gehirn wurden schon vor Tausenden von Jahren erprobt.

Ein Forschungsteam aus Spanien hat nun das Skelett einer Frau entdeckt, die gleich zwei dieser Eingriffe überstanden hat. Zwei Löcher in ihrem Schädel zeigen: Vor 4.500 Jahren unterzog sie sich zweier Operationen am Kopf – und überlebte. In ihrer Studie zeigen die Forschenden, wie diese prähistorischen Eingriffe durchgeführt wurden.

Zwei Schädelöffnungen in steinzeitlichen Skelett

Das Skelett der Frau mit den Löchern im Schädel wurde in der kupfersteinzeitlichen Begräbnisstätte Camino del Molino im Südosten Spaniens gefunden. Dort wurden in einer ersten und zweiten Nutzungsphase insgesamt über 1.600 Menschen bestattet – die Frau vermutlich zwischen 2.566 und 2.239 v. Chr. Laut der Studie war sie bei ihrem Tod zwischen 35 und 45 Jahren alt.

Das Skelett der Frau an seinem Fundort in der Grabstätte.

Foto von Sonia Díaz-Navarro et al.

Die Löcher, die in dem Schädel der Toten gefunden wurden, liegen eng beieinander und konnten durch ihre Form und den Zustand des Knochens um die Löcher herum als zwei unterschiedliche Operationseingriffe identifiziert werden: sogenannte Trepanationen. Diese bezeichnen eine spezielle Form der operativen Öffnung eines Schädels, die mithilfe der „scraping technique“, also einer Schabetechnik durchgeführt wird.

„Dabei wird ein lithisches Instrument mit rauer Oberfläche gegen das Schädelgewölbe gerieben und dieses allmählich an allen Rändern abgetragen, um das Loch zu erzeugen“, sagt Laut Sonia Díaz-Navarro, Hauptautorin der Studie und Postdoktorandin an der Universidad de Valladolid in Spanien. Meist handelt es sich dabei um primitive Werkzeuge aus Feuerstein. Diese Technik sei nach aktuellem Kenntnisstand vor 4.500 Jahren gegenüber Bohr- und Schnitttechniken die sicherste gewesen. 

Eingriff ohne Anästhesie

Hervor sticht dennoch die Position der beiden Löcher oberhalb des rechten Ohrs. „Dies ist eine Schädelregion, die bei prähistorischen Trepanationen selten dokumentiert wurde, da sie die Schläfenmuskeln und wichtige Blutgefäße enthält“, heißt es in der Studie. Umso beeindruckender sei, dass die Frau beide Operationen überlebt hat. Nach der letzten Operation habe die Frau noch mehrere Monate gelebt, sagt Díaz-Navarro. Das könne man daran erkennen, dass die Löcher teilweise bereits wieder verheilt waren.

Dennoch müssen die Eingriffe für die Patientin extrem unangenehm gewesen sein. Narkosemittel, wie es sie heute gibt, konnten vor 4.500 Jahren noch nicht verwendet werden. „Um diese Operation durchführen zu können, musste die betroffene Person wahrscheinlich von anderen Mitgliedern der Gemeinschaft stark immobilisiert oder zuvor mit einer psychoaktiven Substanz behandelt werden, die die Schmerzen linderte oder sie bewusstlos machte“, sagt Díaz-Navarro. Es gäbe auch Hinweise auf die Verwendung psychoaktiver Drogen wie Opium, Hyoscyamin oder Ephedra zu dieser Zeit und in der Region, in der auch der aktuelle Fund gemacht wurde. 

Die Geschichte der Schädelchirurgie

Entwickelt hat sich die Praxis der Schädeloperation wohl unabhängig voneinander gleich an mehreren Orten der Welt. Die frühesten dokumentierten Belege für diese Technik werden dem europäischen Mesolithikum – dazu gibt es Funde aus Ukraine und Portugal – und Nordafrika – mit Funden aus Marokko – zugeschrieben. Ihren Höhepunkt erreichte die Praxis laut Díaz-Navarro zwischen dem 4. und 2. Jahrtausend v. Chr., war aber auch in der Zeit davor in sesshaften Gesellschaften bekannt.

Über die Gründe für die steinzeitlichen Schädeloperationen ist sich die Wissenschaft allerdings noch uneinig. „Traditionell wurden Trepanationen als Reaktion auf verschiedene Arten von Traumata betrachtet, die der Entfernung von Knochenfragmenten, der Heilung von Frakturen, der Drainage von angesammeltem Eiter nach posttraumatischen Infektionen, der Behandlung von psychischen oder ansteckenden Krankheiten oder als Reaktion auf Kopfschmerzen oder Epilepsie dienten“, sagt Díaz-Navarro. Es gäbe aber auch Theorien darüber, dass Operationen möglicherweise auch aus rituellen Gründen durchgeführt worden sein könnten.

Im Falle des aktuellen Fundes weisen weitere Verletzungen an dem Skelett der Frau darauf hin, dass die Operation möglicherweise eine Kopfverletzung heilen sollte – welche genau lässt sich heute nicht mehr feststellen. 

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