Mensch oder Klima: Wer war Schuld am Rückgang der Megafauna?

Vor über 50.000 Jahren gab es auf der Welt viel mehr große Säugetierspezies als heute. Löste der Klimawandel den rapiden Rückgang der Artenvielfalt aus oder war es der Siegeszug des Homo sapiens?

Von Marina Weishaupt
Veröffentlicht am 29. Dez. 2023, 15:25 MEZ
Schwarz-weiß Darstellung einer großen Gruppe prähistorischer Menschen, die mit Pfeil und Bogen gewaffnet einen großen Elefanten ...

Mit den ersten modernen Menschen, die vor 100.000 Jahren vom heutigen afrikanischen Kontinent erstmals hinaus in die Welt zogen, läuteten sie ihre eigens verschuldete Ära des weltweiten Rückgangs der Megafauna ein.

Foto von Erstmals gedruckt bei Bryant & Gay, 1883. Holzschnitzerei von E. Bayard.

Ereignisse des Massensterbens – wie vor 66 Millionen Jahren – werden vor allem mit Naturgewalten wie Vulkanausbrüchen und damit einhergehenden Klimaveränderungen in Verbindung gebracht. In den letzten 50.000 Jahren sorgte derweil vor allem eine Gewalt für einen massiven Rückgang der großen Säugetiere: Der Mensch.

Laut einer Studie der dänischen Aarhus Universität ist die Menschheit für den Niedergang der sogenannten Megafauna – den körperlich größten Tierarten in einem Habitat, mit einem Gewicht von mehr als 44 Kilogramm – verantwortlich. Die Biomasse und der Energieumsatz sanken durch menschliches Handeln um 92 bis 95 Prozent. Leutete die Menschheit also schon vor Zehntausenden Jahren sukzessive das sechste, aktuelle Massensterben ein?

Homo Sapiens: Erfolg auf Kosten der großen Säugetiere

Vor etwa 100.000 Jahren zogen unsere Vorfahren vom heutigen afrikanischen Kontinent erstmals hinaus in die weite Welt. Die Anpassungsfähigkeit und die ausgeklügelten Jagdmethoden des Homo Sapiens ermöglichten ihm das Überleben in beinahe sämtlichen Klimazonen. Vor Wüsten, Regenwäldern oder Revieren anderer großer Säugetiere, der Megafauna, schreckten sie nicht zurück. Der Erfolg wurde gekrönt mit einem Platz an der Spitze der Nahrungskette.

Vielen Tierarten kostete das die Existenz. Selbst Megafauna, die sich bis heute durchsetzen konnte, hatte laut Jens-Christian Svenning, Leiter des Danish National Research Foundation's Center for Ecological Dynamics in a Novel Biosphere (ECONOVO), mit enormen Rückgängen zu kämpfen.

„Wir haben die Entwicklung großer Säugetierpopulationen in den letzten 750.000 Jahren untersucht. In den ersten 700.000 Jahren waren die Populationen ziemlich stabil, aber vor 50.000 Jahren brach die Kurve, die Bestände sanken dramatisch und erholten sich nie“, sagt Svenning.

DNA lügt nicht: Schuld ist der Mensch, nicht das Klima

Mit Schwankungen des Klimas könne dieser enorme Einbruch schlichtweg nicht begründet werden. Das schließt Svennings Team aus umfangreichen DNA-Analysen von 139 noch heute lebenden Tierarten. Sie begaben sich auf eine langwierige Suche nach Mutationen, die Rückschlüsse bezüglich der Populationen im Laufe der Zeit ermöglichten. Denn je mehr Tiere einer Art die Erde besiedeln, desto häufiger werden Veränderungen des Erbguts weitergegeben.

Pro Tierart werteten die Forschenden rund drei Milliarden Datenpunkte aus. Für möglichst genaue Ergebnisse untersuchte die Studie vor allem „Mutationen in den Teilen des Genoms [...], die für die Umwelt am wenigsten anfällig sind“, sagt Co-Autor Juraj Bergman.

Zwar wurde in der Studie auch Klimamodelle als mögliches Erklärung herangezogen, doch das Modell mit der höchsten Genauigkeit bezieht sich auf die Theorie der menschlichen Prädatoren: es zeigt eine rapiden negativen Trend nach der Ankunft des Menschen. „In den letzten 800.000 Jahren schwankte der Globus etwa alle 100.000 Jahre zwischen Eiszeiten und interglazialen Perioden. Wenn das Klima die Ursache wäre, müssten wir anhand den Klimaveränderungen der letzten 50.000 Jahren größere Schwankungen sehen. Aber das tun wir nicht. Der Mensch ist daher die wahrscheinlichste Erklärung".

„Das Mammut ist ein schlechtes Beispiel“

Aber was ist mit den Tieren, die in den sogenannten Mammut-Steppen Eurasiens und Nordamerikas auftraten? Diese werden zusammen mit den namensgebenden Wollhaarmammuts laut Jens-Christian Svenning zu Unrecht in die allgemeine Debatte um den Rückgang der globalen Megafauna miteinbezogen.

Zwar waren Mammuts und Co. erheblichem Stress durch menschliche Bejagung ausgesetzt – bis sie vor etwa 4.000 Jahren am Ende der Eiszeit, vermutlich tatsächlich klimabedingt, mit dem Wegfall des Lebensraums verschwanden. Doch global betrachtet ist es ein schlechtes Beispiel, „da die überwiegende Mehrheit der ausgestorbenen Megafauna-Arten der Zeit überhaupt nicht auf der Mammutsteppe lebte. Sie lebten in warmen Regionen, wie gemäßigten und tropischen Wäldern oder Savannen“, sagt Svenning.

Der selektive Verlust von Megafauna sei in den letzten 66 Millionen Jahren einzigartig. Klimatische Veränderungen alleine seien unmöglich die Erklärung für einen derart rapiden Rückgang von großen Säugetieren auf allen Kontinenten.

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