Tiere

Pfeifende Raupen und fünf andere überraschend musikalische Tiere

Schrille Geräusche haben in der Natur viele Funktionen, von der Abschreckung von Räubern bis zur Vertiefung sozialer Bindungen. Donnerstag, 9 November

Von Mary Bates

Manche Menschen können überhaupt nicht pfeifen – und schon gar nicht ohne Lippen.

Die Raupe der Schmetterlingsart Amorpha juglandis hat solche Probleme nicht. Wenn sie gestört wird, zum Beispiel durch ein Raubtier, zieht sich das nordamerikanische Insekt zusammen und presst Luft aus Atemlöchern an den Seiten seines Körpers. Das Ergebnis ist ein schriller Ton, der mehrere Sekunden andauern kann.

Jayne Yack, eine Neuroethologin der Carleton Universität, hat diese Entdeckung gemacht und nun auch herausgefunden, dass das hochfrequente Geräusch hungrige Vögel abschrecken kann. 

„Es gibt verschiedene Hypothesen, die erklären, weshalb ein Räuber abgeschreckt wird. Wir haben die Schreck-Hypothese getestet: Die besagt, dass der Pfeifton den Vogel erschreckt, sodass er nicht mehr zurückkommt“, sagt Yack, deren Studie im Mai in der Fachzeitschrift „Behavioural Processes“ erscheinen wird.

In dem Laborexperiment näherten sich Rotschulterstärlinge einer leckeren Portion Mehlwürmer an. Sie lösten damit einen Sensor aus, der die Aufnahme eines Pfeiftons der besagten Raupe abspielte. Die Vögel reagierten auf den Pfeifton, indem sie wegflogen und dabei zurückzuckten und abtauchten. Das lässt darauf schließen, dass das Geräusch sie erschreckt hat.

Während das Pfeifen der Raupe also dabei hilft, den nächsten Tag zu erleben, können solche Lautäußerungen noch viele andere Funktionen erfüllen. Im Folgenden finden sich fünf weitere vollendete Pfeifkünstler der Natur.

MEERSCHWEINCHEN

Meerschweinchen machen hauptsächlich Krach, um miteinander und mit ihren Besitzern zu kommunizieren. Ein junges Meerschweinchen pfeift zum Beispiel, wenn es von seiner Mutter getrennt wird.

Aber Tierbesitzer kennen vermutlich eher einen anderen Grund für das Pfeifen des Meerschweinchens: die Vorfreude auf Futter. Viele Meerschweinchen lernen, die Vorzeichen einer bevorstehenden Mahlzeit zu erkennen, und reagieren darauf mit intensivem Pfeifen.

ROTHUNDE

Die besonders sozialen Wildhunde, die in Rudeln die dichten Wälder Asiens bevölkern, werden auch als „pfeifende Jäger“ bezeichnet.

Rothunde verfolgen kooperative Jagdstrategien und teilen sich in kleinere Gruppen auf, um Beutetiere zu umstellen, die sich tief in der Vegetation verstecken. Um ihre Bewegungen in einer Umgebung zu koordinieren, die sowohl geräuschvoll als auch überwuchert ist, pfeifen die Hunde einander zu.

MÄUSE

Männliche Mäuse erzeugen Ultraschallpfeiftöne, die außerhalb des menschlichen Hörvermögens liegen. Damit werben sie um Weibchen und warnen Rivalen vor ihren territorialen Grenzen.

Laut einer kürzlich durchgeführten Studie nutzen die Mäuse ihre Luftröhren zum Erzeugen dieser Töne und umgehen dabei ihre Stimmbänder – ein Mechanismus, der bisher noch nie bei einem Tier beobachtet wurde. Tatsächlich ähnelt er der Funktionsweise des Triebwerks eines Überschallflugzeugs.

MURMELTIERE

Die meisten Murmeltiere – heimisch in den Bergregionen Nordamerikas, Asiens und Europas – sind soziale Tiere und nutzen ihre lauten Pfeiftöne, um miteinander zu kommunizieren. Das hat ihnen den Spitznamen „Pfeifschweine“ eingebracht.

„Manche Murmeltiere, die im Pazifischen Nordwesten heimisch sind, zum Beispiel das Eisgraue Murmeltier, sind hervorragende Pfeifer“, sagt Daniel Blumstein, ein Biologe an der Universität von Kalifornien, Los Angeles, der Murmeltiere studiert.

Murmeltiere pfeifen auch, wenn sie Raubtiere erblicken. „Die Alarmrufe scheinen die Dringlichkeit zu reflektieren – wie nah ein Räuber ist oder wie verängstigt das Individuum ist, das den Ruf ausstößt“, sagt Blumstein.

Andere Murmeltiere, die den Ruf hören, reagieren dann entsprechend, sehen sich um und huschen in ihren Bau.

GROSSE TÜMMLER

Jeder Große Tümmler hat einen charakteristischen Erkennungston, eine einzigartige Vokalisierung, die wie ein Name funktioniert. Diese Erkennungstöne verleihen dem Delfin nicht nur eine Identität, sondern helfen auch dabei, sich gegenseitig zu orten und die sozialen Bindungen zu stärken.

Wissenschaftler haben gezeigt, dass Delfine ihre Erkennungstönte gegenseitig nachahmen, um nach einer Trennung wieder Kontakt aufzunehmen – so wie ein Mensch, der nach einem Freund ruft, wenn er ihn aus den Augen verloren hat.

Diese Erkennungstöne scheinen besonders wichtig für die Bindungen zwischen Müttern und ihren Kälbern sowie zwischen verbündeten Männchen zu sein.

Wenn sie getrennt werden, rufen sie nach ihren Partnern, indem sie deren Erkennungstöne verwenden – möglicherweise eine Bitte, um wieder zusammenzukommen.

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