Tiere

Orangefarbene Höhlenkrokodile könnten sich zu neuer Art entwickeln

Die Tiere fressen Fledermäuse und schwimmen in Guano, der ihre Haut einfärbt.Donnerstag, 1. Februar 2018

Von Sarah Gibbens
Schon 2016 beschäftigte sich eine Studie mit den auffällig gefärbten Krokodilen in Gabun.

Das Abanda-Höhlensystem in Gabun ist kein Ort, an dem man gern sein möchte.

Im Inneren der Höhlen ist es stockdunkel und warm. Die Dämpfe, die dort zirkulieren, sind Übelkeit erregend. Und die Höhlenforscher müssen durch Schlick waten.

„Das sieht aus wie flüssiger Schlamm“, sagt der Höhlenwissenschaftler Olivier Testa. „Aber es ist kein Schlamm."

Es ist Fledermausguano. In rauen Mengen.

Er vermischt sich mit dem Wasser und bildet am Boden der Höhlen Becken voller zähflüssiger Fledermausfäkalien.

„Es ist eine ziemlich raue Umgebung“, erzählt der Herpetologe Matthew Shirley. „Wenn wir aus den Höhlen kommen, sind wir fertig.“

Testa und Shirley gehören zu einem Forschungsteam, das ein ganz besonderes Tier untersucht – nämlich eines, das sich ihrer Vermutung nach zu einer neuen Art entwickelt, die an das Leben in den Höhlen angepasst ist: ein Krokodil.

Ein Stumpfkrokodil, um genau zu sein. Die Tiere finden sich überirdisch in ganz Gabun und darüber hinaus. Aber die Tiere, die in den Höhlen wohnen, haben eine einzigartige genetische Signatur entwickelt, die sich von der ihrer oberirdischen Artgenossen unterscheidet, sagt Shirley.

Zu Testzwecken hat das Team daher Blutproben von Krokodilen aus dem Höhlensystem entnommen. In den zehn bis zwölf verschiedenen Höhlen des Systems leben Shirley zufolge wahrscheinlich 100 bis 200 der Tiere.

In der Dunkelheit war nur schwer zu erkennen, welche der Tiere zu dieser eigentümlichen Population gehörten. Schließlich konnten sie aber Blutproben von 30 bis 40 solcher Exemplare nehmen. Im Anschluss sammelten sie zum Vergleich Blutproben von 200 oberirdisch lebenden Krokodilen aus der Region.

Sie sequenzierten die DNA der beiden Populationen und fanden heraus, dass die Höhlenkrokodile einen einzigartigen Haplotyp vererbten – eine Variante einer Nukleotidsequenz.

Das Team will seine Erkenntnisse in einer wissenschaftlichen Studie veröffentlichen, die derzeit allerdings noch nicht abgeschlossen ist. Shirley zufolge wird es noch ein paar Wochen dauern, bevor die Öffentlichkeit mit weiteren Details rechnen kann.

„Infolge ihrer Isolation und der Tatsache, dass nur wenige Individuen die Höhlen verlassen oder betreten, sind sie gerade dabei, eine neue Art zu werden“, erzählt er. „Ob das nun in Kürze passiert oder nicht, ist reine Spekulation.“

VIELSEITIGE UNTERSCHIEDE

Die Wissenschaftler haben bereits Unterschiede der Höhlenpopulation in Aussehen und Verhalten festgestellt und 2016 in einer Studie im „African Journal of Ecology“ beschrieben.

Im Gegensatz zu ihren Artgenossen im Wald, die sich von Fischen und Krebstieren ernähren, fressen die Höhlenkrokodile hauptsächlich Fledermäuse.

Das könnte auch einer der Gründe dafür sein, warum es die Krokodile ursprünglich in die Höhlen gezogen hat, so Testa.

„Dort gibt es Zehntausende Fledermäuse.“ Als die Forscher den Mageninhalt der Höhlenkrokodile untersuchten, fanden sie dort Fell und Skelette von Fledermäusen sowie ein paar Grillen.

Einige der großen Männchen sind zudem orangefarben. Das liegt aber vermutlich nicht an einer genetischen Mutation, sondern an dem Guano.

„Fledermausguano besteht hauptsächlich aus Harnstoff“, einer stickstoffhaltigen, organischen Verbindung, die sich auch in Urin findet, wie Shirley erklärt. „Wenn sie in diesem Slushie aus Fledermausguano ausharren, verfärbt der hohe basische pH-Wert des Wassers vermutlich ihre Haut.“

FRÜHE SIEDLER

Die Höhlenkrokodile wurden 2008 erstmals von dem Archäologen Richard Oslisly dokumentiert.

Wie lang sie schon dort leben, weiß man nicht so genau. Shirley schätzt, dass die ersten Exemplare dort mindestens vor mehreren Tausend Jahren Nahrung und Unterschlupf suchten. Für die Entwicklung einer einzigartigen genetischen Signatur wären mehrere Hundert Generationen nötig, und Stumpfkrokodile können 50 bis 100 Jahre alt werden.

Bei so kleinen Populationen wie dieser ist auch die genetische Vielfalt ein wichtiger Faktor. Durch Inzucht steigt das Risiko für Krankheiten und Geburtsfehler.

Shirley vermutet, dass in jeder Generation ein paar Individuen von außerhalb ihren Weg in die Höhlen finden. Wie genau sie dort herein- oder herauskommen, weiß man nicht. Manche Eingänge sind breit genug für einen Menschen, andere Höhlenabschnitte sind nur über sehr enge Passagen erreichbar.

Neben der Untersuchung einer möglicherweise genetisch einzigartigen Population können die Wissenschaftler von den Höhlenkrokodilen aber auch etwas darüber lernen, wie sich die Tiere an so eine unwirtliche Umgebung anpassen.

Im Normalfall sind Krokodile tagaktiv und steuern ihren Stoffwechsel mit Hilfe des Sonnenlichts. Die meisten Exemplare in den Höhlen verbringen aber Jahrzehnte im trüben Dunkel.

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