Tiere

Alte Schriften verdeutlichen modernen Rückgang von Stumpfnasenaffen

Der 2.000 Jahre währende chinesische Enthusiasmus für detaillierte Aufzeichnungen liefert Forschern eine ungewöhnliche Quelle, um den Rückgang der Primaten zu verfolgen.Mittwoch, 18. April 2018

Das prächtige Fell und charakteristische Gesicht der Goldstumpfnase zog die Aufmerksamkeit alter chinesischer Geschichtsschreiber auf sich.
Das prächtige Fell und charakteristische Gesicht der Goldstumpfnase zog die Aufmerksamkeit alter chinesischer Geschichtsschreiber auf sich.

Im 11. Jahrhundert verfasste der Chinese Lu Dian eine Enzyklopädie der Tiere, Vögel, Insekten und Pflanzen seines Heimatlandes. Eine der Arten, die er beschrieb, war ein Affe „mit einem buschigen, goldenen Schwanz in den Bergen von Sichuan“. Seine Knochen konnten zu medizinischen Zwecken verwendet werden, wie Dian schrieb, während sich sein Fell ausgezeichnet für Kissen und Teppiche eignete.

Lu Dian hatte die Goldstumpfnase beschrieben. Wegen seines luxuriösen Fells, seines leuchtend blauen Gesichts und seines angeblichen medizinischen Werts war der Primat vor allem bei den Kaisern beliebt. Autoren und Schreiber erwähnten daher stets beflissentlich, wenn sie ein solches Tier entdeckten.

Tausend Jahre später greifen Primatologen auf die Erwähnung der Stumpfnasenaffen in den chinesischen Aufzeichnungen zurück, um ihr historisches Verbreitungsgebiet zu rekonstruieren. Außerdem können sie damit aufzeigen, wie die Umweltzerstörung dem aktuellen Rückgang dieser Primaten im ganzen Land vorausging. Die Ergebnisse der entsprechenden Studie wurden in „Diversity and Distributions“ veröffentlicht.

Ein solches Unterfangen war nur durch die 2.000 Jahre währende chinesische Begeisterung für systematische Aufzeichnungen möglich. Die Überlieferungen, die unter anderem aus Gedichten, Zeitschriften und Chroniken bestehen, offenbaren die Verbreitungsmuster von Stumpfnasenaffen, aber auch von Elefanten, Gibbons und Heuschreckenplagen.

Der älteste Verweis auf einen Stumpfnasenaffen in der chinesischen Literatur ist die 2.200 Jahre alte Beschreibung von einem „Tier mit seltsamer Nase und langem Schwanz“.
Der älteste Verweis auf einen Stumpfnasenaffen in der chinesischen Literatur ist die 2.200 Jahre alte Beschreibung von einem „Tier mit seltsamer Nase und langem Schwanz“.

Die alten Texte lassen zwar nicht erkennen, wie viele dieser Affen China einst bevölkerten, aber sie verdeutlichen, dass die ursrpünglich weit verbreitete Art sich im Laufe der Jahre in immer abgelegenere Gebiete zurückzog.

Der früheste Verweis auf die Affen stammt aus dem 3. Jh. v. Chr. Damals wurden sie in der Erya-Enzyklopädie als „Tier mit seltsamer Nase und langem Schwanz“ beschrieben. Die frühen Aufzeichnungen verweisen auf Affen, die sowohl im Tief- als auch im Hochland in Ost-, West- und Zentralchina lebten. Aber im Laufe der Zeit – besonders um das Jahr 1700 herum, als es einen merklichen Anstieg in der Bevölkerungsdichte gab – werden die Affen nur noch in Chroniken immer kleinerer Bereiche Chinas erwähnt.

“Man kann sehen, wie ihr Verbreitungsgebiet über die Zeit immer kleiner wird und wie sie schließlich besonders im Osten, Südosten und in Zentralchina verschwinden”, sagt Paul Garber, ein Primatologe der Universität von Illinois und Co-Autor der Studie.

Heutzutage leben vier Arten von Stumpfnasenaffen in abgelegenen Berglandschaften im Westen und Südwesten des Landes. Aber selbst diese Bestände sind klein und gefährdet: Es gibt in der Wildnis beispielsweise nur noch etwa 800 Graue Stumpfnasen.

Das Bevölkerungswachstum, die Landwirtschaft, die Jagd und die Entwaldung haben sich allesamt ungünstig auf die Verbreitung der Stumpfnasenaffen ausgewirkt. Besonders während der letzten 60 Jahre, in denen sich Chinas Einwohnerzahl verdoppelt hat, wurde der Lebensraum der Primaten durch diese Faktoren fragmentiert. Diese Arten der physischen Barrieren werden höchstwahrscheinlich dazu führen, dass mehrere der Primaten in den nächsten 50 Jahren aussterben werden, wenn nichts unternommen wird.

Sofern keine Schutzmaßnahmen ergriffen werden, könnten diverse Arten von Stumpfnasen in den nächsten 50 Jahren aussterben.
Sofern keine Schutzmaßnahmen ergriffen werden, könnten diverse Arten von Stumpfnasen in den nächsten 50 Jahren aussterben.

“Es gibt in etwa 90 Ländern der Welt nicht-menschliche Primaten, aber die meisten dieser Länder haben nur eine beschränkte Wirtschaftsleistung und sehr wenige Gelehrte oder Wissenschaftler“, sagt Garber. „China ist da aktuell eher untypisch. Das Land befindet sich an einem Punkt, an dem es bedeutende Schritte unternehmen könnte, um einen Großteil der Umweltzerstörung abzuschwächen.“

Das Wichtigste für die Affen sei die Etablierung nationaler Schutzgebiete, findet Zhao Xumao, ein Primatologe von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking, der die Arbeit zur Rekonstruktion der Aufzeichnungen über Stumpfnasenaffen geleitet hat.

Und tatsächlich ist auch genau das geschehen: Mehr als 38 nationale und lokale Naturschutzgebiete wurden etabliert, um Tierarten zu erhalten und zu schützen. Fast alle verbliebenen Stumpfnasenaffen leben innerhalb der Grenzen solcher Schutzgebiete. Die vom Aussterben bedrohten Schwarzen Stumpfnasen, die an der Grenze zu Myanmar leben, werden ebenfalls bald in ihre Reihen aufgenommen, da die Regierung schon an der Etablierung des Nuijang-Grand-Canyon-Nationalparks arbeitet. Der Masterplan für die Gründung des Schutzgebietes wurde 2016 genehmigt.

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