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Biber: Geheimwaffe im Kampf gegen Klimaschäden

Die einst fast ausgerotteten Tiere erweisen sich als höchst effektive Landschaftsmanager. Wir müssen sie einfach nur in Ruhe lassen. Thursday, August 30, 2018

Von Simon Worrall
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Sie wirken nicht so majestätisch wie ein Hirsch oder so kraftvoll wie ein Wolf oder Bär, aber Biber sind als Ingenieure ihrer Ökosysteme von unschätzbarem Wert. In seinem neuen Buch „Eager“ entführt uns der Autor Ben Goldfarb in die fabelhafte Welt dieser bemerkenswerten Tiere, deren Dämme sich bis zu 800 Meter weit erstrecken können. Er zeigt uns, warum die Wiederansiedlung eines Tieres, das vielerorts einst fast ausgestorben war, für unsere Landschaften, Ökosysteme und unsere Wirtschaft enorme Vorteile bringt.

In einem Telefoninterview mit National Geographic erklärt Goldfarb, welche Rolle die Biber im amerikanischen Westen und Großbritannien spielen, wie ein Biber namens Jose den einst toten Bronx River für sich eroberte und warum die Geschlechtsbestimmung bei Biber nichts für schwache Nerven ist.

Sie bezeichnen Biber als „ökologische und hydrologische Schweizer Taschenmesser“ und als „eine unserer größten tierischen Erfolgsgeschichten“. Erklären Sie, was Sie mit diesen beiden Aussagen meinen, und stellen Sie uns ein paar der wirtschaftlichen und medizinischen Vorteile vor, die mit der Wiederherstellung des Biberbestandes einhergingen.

Ein typisches Biberverhalten, das jeder Drittklässler zuordnen kann, ist das Bauen von Dämmen. Damit erzeugen die Tiere Teiche und Feuchtgebiete, die aus vielerlei Gründen wichtig sind. Der erste ist ein artenreicher Lebensraum, der einen Ort für Fische und andere Wildtiere bietet. Im amerikanischen Westen, der ziemlich trocken ist, bedecken Feuchtgebiete nur 2 Prozent der Landmasse, beherbergen aber etwa 80 Prozent der Biodiversität. Damit ist jedes Tier, das Feuchtgebiete erschaffen kann, enorm wichtig. Man denke an die Frösche, die sich in Teichen vermehren, an junge Lachse, die darin aufwachsen, oder an Enten, die in der Nähe ihre Nester bauen. Die Zahl der Tierarten, die auf diese Lebensräume der Biber angewiesen sind, ist praktisch unbegrenzt.

Biber leisten auch uns Menschen alle möglichen Dienste. Biberteiche filtern das Wasser, stellen es für die Nutzung in der Landwirtschaft und Tierzucht bereit, verlangsamen Überschwemmungen, bilden eine Barriere für Waldbrände und verringern die Erosion. Eine in Utah durchgeführte Studie zeigte, dass die Wiederansiedlung von Bibern in nur einem einzigen Flussbecken einen wirtschaftlichen Vorteil im Wert von mehreren zehn Millionen Dollar pro Jahr generierte.

In Nordamerika gab es einst bis zu 400 Millionen Biber, als die weißen Händler und Pelzjäger dort ankamen. Bis zum Jahr 1900 war ihr Bestand auf etwa 100.000 Tiere geschrumpft. Drei Jahrhunderte lang hatte man sie für ihr Fell gejagt, das für die Herstellung von Mützen genutzt wurde. Im frühen 20. Jahrhundert begriffen wir dann, dass das unablässige Fangen dieser Tiere nicht nachhaltig war und dass es wichtige Tiere sind, die wir in unserer Landschaft brauchen. Die Erholung der Biberbestände beweist, dass Naturschutz funktioniert!

Eines der ambitioniertesten Projekte zur Wiederherstellung der Biberbestände läuft aktuell in Methow Valley in Washington State. Beschreiben Sie uns, was dort versucht wird.

Das Methow Valley befindet sich inmitten von Washington an der Ostseite der Kaskadenkette. Es ist ein ziemlich trockener Ort, an dem es oft Waldbrände gibt. Zudem gehen die Schneedecke und das Schmelzwasser der Gletscher aus der Kaskadenkette zurück, Wasser ist daher eine kritische Ressource. Es handelt sich um eine der größten Anbauregionen für Äpfel und Hopfen des ganzen Landes, eine wichtige Kornkammer mitten in Washington State. Da kommt es unvermeidlich zu vielen Konflikten mit Bibern. Die reflexartige Reaktion darauf ist für gewöhnlich, sie zu fangen und zu töten. Das Methow Project fängt die Biber und siedelt sie an den Oberläufen der Flüsse auf öffentlichem Land hoch oben in den Bergen an. Indem sie Dämme bauen und Teiche erzeugen, sorgen sie dafür, dass die Flüsse im mittleren Bereich von Washington State das ganze Jahr über Wasser führen. Biber funktionieren also wie eine Art Anpassungsstrategie an das Klima, da sie den Verlust der Schneedecke und des glazialen Schmelzwassers kompensieren.

In der Bucht Puget Sound wurden Biber wiederangesiedelt, um die Lachsbestände zu vergrößern. Wie genau funktioniert das?

Das ist ein cooles Projekt! Wenn man ein kleiner Lachs ist, möchte man nicht im Hauptarm eines Flusses leben. Dort würde man flussabwärts getragen werden. Man sucht sich einen netten Lebensraum mit langsamer Strömung, zum Beispiel ein Reservoir oder ein Nebengewässer, in dem man für die Nahrungssuche nicht so viel Energie aufwenden muss. Da sie den Fluss des Wassers verlangsamen, erzeugen Biber einen großartigen Lebensraum für Lachse.

Das ist besonders für die Stämme der Ureinwohner im Pazifischen Nordwesten wichtig, die früher stark auf die Lachse angewiesen waren. In ganz Amerika haben die Lachswanderungen infolge des Dammbaus, der Überfischung und des Verlusts von Lebensraum abgenommen. Durch die Wiederansiedlung von Bibern, die einen Lebensraum für Lachse schaffen, können Stämme wie die Tulalip einen Teil des Fischbestandes, auf den sie angewiesen sind und der ein wesentlicher Bestandteil ihrer Kultur ist, wiederherstellen.

Bei der Recherche für Ihr Buch haben Sie sich durchaus die Hände schmutzig gemacht. Warum haben Sie an den Hintern von Bibern gerochen?

[Lacht] Das Methow Beaver Project sucht kompatible Biberpärchen, die als Familie umgesiedelt werden können. Dann lassen sie sich nämlich auch nieder und beginnen mit dem Bau eines Damms, so wie man das möchte. Wenn man nur einen einzelnen Biber fängt, zieht dieser oft los und sucht nach einem Partner. Unterwegs wird er dann vermutlich von einem Bären oder einem Puma gefressen. Das Methow Project versucht also, Pärchen aus verträglichen Biber zu bilden, ein bisschen wie ein Biber Dating Service. [Lacht]

Aber es ist nicht einfach, das Geschlecht von Bibeln zu bestimmen. Männliche Biber haben keine externen Genitalien, was durchaus Sinn macht. Wenn man sein Leben damit verbringt, durch Dämme aus Stämmen und Ästen zu schwimmen, will man keine herumhängenden Teile haben, die irgendwo hängen bleiben können. [Lacht] Sofern das Weibchen nicht gerade Milch absondert, kann man sein Geschlecht nicht mit Sicherheit bestimmen.

Die einzige Möglichkeit, um das Geschlecht festzustellen, besteht darin, mit den Fingern die Analdrüse am Unterleib des Bibers herauszudrücken, ein paar Tropfen des Sekrets herauszuquetschen, mit dem sie ihr Territorium markieren, und daran zu riechen. Wenn es wie Motorenöl riecht, ist es ein Männchen. Bei Weibchen riecht es nach Käse. [Lacht] Ich habe an zwei Bibeln gerochen, konnte sie aber nicht wirklich unterscheiden. Die Leute beim Methow Project können das aber auf jeden Fall. Und sie nutzen diese Methode, um Biber zu verkuppeln.

Unterwegs haben Sie einen wirklich bunten Haufen an Leuten getroffen. Erzählen Sie uns von Heidi Perryman und ihrer Organisation Worth a Dam.

Heidi ist eine faszinierende Person, eine Kinderpsychologin, die bis zum Jahr 2007 nicht sehr viel über Biber bewusste. Dann tauchten die Tiere im kalifornischen Martinez auf, wo sie lebt. Das ist in der Bay Area, wo früher auch John Muir gelebt hat. Als die Biber dort auftauchten, wollte die Stadt sie töten, da die Landbesitzer sich wegen eventueller Flutschäden sorgten. Dafür gibt es keine Beweise, aber die erste Reaktion war wohl, dass man sie loswerden wollte.

Heidi hat viel Zeit am Alhambra Creek verbracht, wo die Biber lebten. Sie hat sie gefilmt und eine Kampagne zu ihrer Rettung organisiert. Dadurch wurde sie zu einer der sachkundigsten Fürsprecherinnen der Biber im ganzen Land. Mittlerweile organisiert sie ein jährliches Biberfest in Martinez. Aufgrund ihrer Kampagnen hat die Stadt beschlossen, die Biber am Leben zu lassen, die bereits mehrere Generationen an Nachwuchs gezeugt haben. Martinez gilt mittlerweile als führendes Beispiel für ein Zusammenleben mit den Tieren.

Viele der führenden Autoritäten auf dem Gebiet der Biber haben sich ihr Wissen selbst angeeignet, genau wie Heidi. Ich habe ehemalige Immobilienmakler und Ärzte getroffen, die sich mit Biberproblemen beschäftigten – alles Menschen, die keine ausgebildeten Biologen sind, aber diesen bemerkenswerten Tieren irgendwie begegneten und von ihnen fasziniert sind. Es gibt da eine Gruppe namens The Beaver Believers – so bezeichnen sich die Biberfreunde inoffiziell. Man muss kein Wildtierbiologe sein, um ein Beaver Believer zu sein. Es reicht, wenn man ein Mensch ist, der Zeit mit diesen Tieren verbringt und erlebt, wie sie Landschaften verändern können.

Eine weitere charismatische Figur ist Dave Rosgen, auch bekannt als The Restoration Cowboy. Erzählen Sie uns von ihm und seiner Arbeit.

Er ist vermutlich der bekannteste Gewässersanierer des ganzen Landes. Er trägt diesen großen Hut, eine Gürtelschnalle und ist generell so ein auffälliger Typ, der im ganzen Land Workshops für Tausende von Profis im Bereich Wiederherstellung natürlicher Lebensräume durchführt. Für manche ist er auch eine kontroverse Figur, da er mitunter rabiate Mittel wie Planierraupen einsetzt, um den Lauf von Flüssen zu verändern.

Jeder im Bereich der Gewässersanierung respektiert das, was er erreicht hat. Einige betrachten Biber aber als Alternative zu Rosgens Methoden. Anstatt schweres Gerät einzusetzen, kann man leichtere und deutlich billigere künstliche Biberdämme verwenden, indem man ein paar Stämme in den Fluss wirft. Das ruft dann die Biber auf den Plan, die herbeikommen und die Sache übernehmen. Rosgen ist auch ein Biber-Fan und imitiert sie durch die Nutzung von schwerem Gerät auf seine eigene Weise. Im Bereich der Gewässersanierung gibt es ein ganzes Kontinuum an Herangehensweisen. Im amerikanischen Westen stehen die Biber aber zunehmend an der Spitze der Sanierung geschädigter Flüsse.

Großbritannien experimentiert ebenfalls mit der Sanierung durch Biber. Berichten Sie uns von ihrer Reise in die Highlands und vom Scottish Beaver Trial.

Ende des 18. Jahrhunderts waren Biber in Großbritannien vollständig ausgerottet. In den letzten paar Jahren gab es aber Bemühungen zur Wiederansiedlung der Tiere. Biber aus Deutschland und Norwegen wurden nach England und Schottland gebracht. Einige dieser Projekte wie das Scottish Beaver Trial wurden von der Regierung offiziell genehmigt. Andere laufen eher inoffiziell.

Im Zuge meiner Recherchen bin ich nach England gereist und habe sowohl offizielle Auswilderung als auch inoffizielle beobachtet, und es sieht wirklich gut aus! In Schottland sträuben sich die Bauern noch ein bisschen dagegen. Aber die schottische Regierung hat Biber als heimische Art anerkannt und strebt Schutzmaßnahmen an. Die Tiere werden Stück für Stück wieder zu einem wesentlichen Bestandteil der Landschaft.

Das ist wichtig, weil Großbritannien ein ziemlich verregneter Ort ist, an dem es viele Probleme mit Überschwemmungen gibt. Es gibt ein paar tolle Forschungsarbeiten über Kolonien wiederangesiedelter Biber in Devon im Südwesten Englands. Sie haben gezeigt, dass die Teiche und Feuchtgebiete dieser Tiere fantastische Arbeit bei der Verminderung von Flutschäden leisten. Wenn die Fluten stromabwärts rauschen, staut sich das Wasser in den Teichen und verteilt sich auf die umliegenden Feuchtgebiete. Das Forschungsteam aus Exeter hat in Devon gezeigt, dass die [Bauten der] Biber bei Starkregen bis zu 30 Prozent des Wassers schlucken. Viele der Projekte zur Wiederansiedlung von Bibern im Vereinigten Königreich sind aktuell daher von der Flutschadensbegrenzung motiviert, eine weitere coole Funktion von Bibern.

Fassen Sie für uns einmal zusammen, was sie an Bibern so mögen und wie Sie die Zukunft der Tiere einschätzen.

Eine Sache, die ich so an ihnen Liebe, ist, dass man sich so leicht in sich hineinversetzen kann. Wir Menschen lieben es, unsere Umgebung neu zu gestalten und den Platz in unserem Zuhause möglichst zu maximieren. Biber tun genau dasselbe! Sie sind unglaublich geschickt und einfallsreich. Damit kann man sich gut identifizieren.

Was ihre Zukunft angeht, so scheint sie in vielerlei Hinsicht sehr rosig zu werden. Ich bin flussaufwärts von New York City aufgewachsen, was früher ein ausgezeichneter Lebensraum für Biber war. Sogar der Times Square war mal ein Sumpf voller Biber. Aber bis zum frühen 20. Jahrhundert waren die Biber dort durch die Pelzjäger, die Umweltverschmutzung und die menschliche Erschließung der Landflächen vollständig ausgelöscht wurden. 2006 kehrte dann ein Biber in den Bronx River zurück, in dem lange Zeit keinerlei Tiere leben konnten. Er wurde auf den Namen Jose getauft, zu Ehren des Kongressabgeordneten Jose Serrano. Der Lokalpolitiker hatte die Sanierung des Bronx River vorangetrieben. Seitdem sind die Biber wieder runter in die Bronx gekommen und für viele Menschen ist das ein Zeichen der Hoffnung. Es zeigt, dass wir in der Lage sind, einige unserer schlimmsten Vergehen an der Umwelt zu beheben.

Auf meiner Reise habe ich Biber in der Wildnis gesehen, beispielsweise im Yellowstone. Aber ich habe auch eine Menge Biber an Orten wie Martinez in Kalifornien gesehen. Ich habe sogar eine Biberkolonie neben einem Wal-Mart-Parkplatz in Utah besucht! [Lacht] Diese Tiere können in der Nähe von Menschen ganz gut leben, und wenn wir sie machen lassen, leisten sie uns viele wundervolle Dienste. Oder wie ein Biberforscher es formuliert hat: „Wir müssen die Biber ihre Arbeit machen lassen, damit sie uns dabei helfen können, einige unserer schlimmsten Umweltprobleme zu lösen.“

Dieses Interview wurde zugunsten von Länge und Deutlichkeit redigiert.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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