Tiere

Jagd auf Indiens gefährdete Schuppentiere wird immer lukrativer

Die Schuppen der Tiere sind so wertvoll, dass traditionelle Jagdgemeinschaften in Indien nun gezielt Jagd auf sie machen. Freitag, 7 Dezember

Von Rachael Bale

Eine aktuelle Studie, die im Fachmagazin „Nature Conservation“ erschien, wirft ein neues Licht auf die Schuppentierjagd in Indien – ein Land, das schon länger als Hotspot für den illegalen Handel mit den Tieren gilt, zu dem bislang aber nur wenige konkrete Untersuchungen vorlagen. Die Forschungsarbeit entstand in Zusammenarbeit von Forschern der Wildlife Conservation Research Unit (WildCRU) von der University of Oxford und der gemeinnützigen Organisation World Animal Protection.

Schuppentiere sind – wie der Name bereits verrät – geschuppte Säugetiere und ernähren sich vorwiegend von Ameisen. Sie leben in Asien und Subsahara-Afrika. Ihre Schuppen sind im illegalen Wildtierhandel eine beliebte Ware und kommen wie so viele Tierteile in der traditionellen chinesischen Medizin zum Einsatz. Im nordindischen Bundesstaat Assam, wo die Forschungen durchgeführt wurden, leben zwei Schuppentierarten: das Vorderindische Schuppentier und das Chinesische Schuppentier.

Die Forscher interviewten insgesamt 141 Jäger von den Stämmen der Biate, Karbi und Dimasa um ländlich geprägten Bezirk Dima Hasao, um zu verstehen, wie, warum und in welchem Ausmaß die Menschen dort Jagd auf die Tiere machen. Die dortigen Stammesmitglieder leben größtenteils von der Jagd und Subsistenzwirtschaft. Schuppentierfleisch ist als Proteinquelle zwar etabliert, wird aber nicht bevorzugt.

Zwischen 2009 und 2017 wurden in ganz Indien fast 6.000 Schuppentiere beschlagnahmt, wie aus einer 2018 veröffentlichten Schätzung von Traffic hervorgeht. Die Organisation überwacht den Handel mit Wildtieren. Wahrscheinlich stellen diese 6.000 Tiere aber nur einen Bruchteil der tatsächlich gehandelten Schuppentiere dar. Im besagten Zeitraum verzeichnete Traffic außerdem 90 Beschlagnahmungen illegaler Schuppentierprodukte. Mehr als ein Drittel dieser Zugriffe erfolgte im nordöstlichen Bundesstaat Manipur in der Nähe von Assam. Vom Nordosten des Landes reisen die Schuppen für gewöhnlich über Nepal und Myanmar bis nach China, wie aus einer Studie von 2015 hervorgeht.

Da Schuppentiere weit verbreitet, nachtaktiv und einzelgängerisch sind, ist über ihre Bestandszahlen in Indien nur wenig bekannt. Aber alle acht Arten afrikanischer und asiatischer Schuppentiere gelten entweder als stark gefährdet oder als vom Aussterben bedroht.

Die aktuelle Studie zeigte, dass die meisten traditionellen Jäger in Assam Schuppentiere nicht mehr nur noch zur eigenen Verwendung fangen, wenn sie ihnen auf der Jagd nach essbaren Tieren zufällig über den Weg laufen. Stattdessen jagen sie die Tiere gezielt und zu kommerziellen Zwecken. Mit dem Verkauf der Schuppen an Zwischenhändler in den Städten lassen sich erhebliche Summen erzielen.

„Wenn man früher als Jäger auf der Jagd nach ein paar Proteinen war und Schuppentierspuren gesehen hat, hätte man damit gar nicht erst seine Zeit verschwendet“, erklärt der Studienautor Neil d’Cruze von World Animal Protection und WildCRU. „Mittlerweile verwendet man darauf aber mehr Zeit, seit sich ihr finanzieller Wert herumgesprochen hat.“ Die Jagd auf die Tiere ist arbeitsintensiv: Oft muss man dabei lange durch den Wald laufen, den Spuren durch Schlamm folgen und Stunden damit zubringen, ein Schuppentiernest in einem Baum aufzubrechen oder ihren unterirdischen Bau auszugraben, wie d’Cruze sagt.

Der Erhebung zufolge ist der Verkauf von Schuppentierschuppen für diese Jäger nicht die Haupteinkommensquelle – aber eine einzige Transaktion kann durchaus genug Geld abwerfen, um das Leben dieser Menschen zu verändern. Bei einer ganzen Gruppe von Jägern wird der Ertrag aus dem Schuppenverkauf aufgeteilt und kann sich für jedes Mitglied auf ein ganzes Monatsgehalt belaufen. Für einen einzigen Jäger läuft der Fang eines Schuppentiers schon mal auf ein Jahresgehalt hinaus.

„Im Grunde ist das so, als würde man eine kleine Lotterie gewinnen“, sagt d’Cruze.

Die letzte Stufe der Leiter

„Es ist wichtig, das im Kontext einer langen Geschichte der Ausgrenzung von indigenen Stämmen in der indischen Gesellschaft zu betrachten“, sagt Rosaleen Duffy. Die Professorin der University of Sheffield leitet auch das BIOSEC-Projekt, das die Zusammenhänge zwischen Wildtierverbrechen und Sicherheitsrisiken erforscht. „Wenn die Menschen keine anderen Möglichkeiten oder Optionen haben, greifen sie eben auf Wilderei zurück.“

„Die Strafverfolgung [von Wilderern] ist nicht immer die Lösung“, sagt auch Jose Louies, der Vollstreckungsleiter des Wildlife Trust of India, einer Naturschutzorganisation.

Das liegt Duffy zufolge daran, dass in der Geschichte Indiens oft einfach auf plumpe Strafverfolgungsmaßnahmen gegen Stammesgemeinden zurückgegriffen wurde.

„Der Schlüssel liegt darin, mit der Gemeinde zusammenzuarbeiten und für den Tierschutz ihre Unterstützung zu gewinnen. Das ist eine Riesenaufgabe, da viele dieser Gemeinden die Jagd als ihr Geburtsrecht ansehen und nicht als Verbrechen“, sagt Louies.

Auch d’Cruze betont, dass man sich das große Ganze ansehen muss, wenn man herausfinden will, wie man die illegale Jagd bekämpfen kann. Die Bekämpfung der Armut auf lokaler Ebene muss Hand in Hand gehen mit der Reduzierung der Nachfrage nach Schuppen in China und Vietnam – und mit der Unterbrechung der internationalen Lieferketten auf den höheren Ebenen, erklärt er.

„Es sind zweifelsfrei Interventionen nötig, um die Armut zu reduzieren. Aber wir argumentieren, dass das allein wahrscheinlich nicht effektiv dazu beitragen wird, die Jagd auf Schuppentiere einzudämmen“, heißt es in der Studie.

Es scheint so, als würden die Jäger von den Mittelsmännern und den Händlern ausgenutzt, die weiter oben in der Lieferkette angesiedelt sind. Die meisten der 141 interviewten Jäger sagten, dass sie Schuppentiere entweder „sehr mögen“ oder „ziemlich mögen“. Außerdem erzählte d’Cruze, er hätte oft von ihnen gehört, dass es Glück bringt, wenn einem ein Schuppentier über den Weg läuft oder sich ins Haus verirrt. Zusammen mit der Tatsache, dass sie Schuppentierfleisch recht weit unten auf der Liste ihrer geschmacklichen Vorlieben stehen hatten, deutet das darauf hin, dass die meisten Jäger wohl kein ausreichend großes Interesse an den Tieren hätten, um die aktuellen Beutezahlen zu erklären, wenn keine zusätzlichen Faktoren hineinspielen würden.

Gerade in verarmten Gemeinden kann ein potenzieller Geldregen aber eine zu große Verlockung sein, um ihr zu widerstehen. Wie soll man jemandem Vorwürfe machen, „der einem erzählt, dass er mit dem Geld für die Schuppen die ärztliche Behandlung für sein Kind bezahlt hat, dessen Leben dadurch gerettet wurde?“, fragt d’Cruze.

Zudem ergab die Befragung, dass die meisten Jäger gar nicht zu wissen scheinen, dass die verkauften Schuppen Teil eines riesigen internationalen Systems des Schwarzhandels sind. Viele Jäger haben außerdem keine oder kaum Ahnung, warum überhaupt jemand die Schuppen kaufen sollte. Das untermauere den Verdacht, „dass wohlhabende städtische Akteure die Jäger ausnutzen“, wie es in der Studie heißt. Tatsächlich glaubten die meisten Jäger, dass die Zwischenhändler die Schuppen für den Eigenbedarf kauften – entweder für traditionelle Arzneien (insbesondere zur Behandlung von Hämorrhoiden) oder zum Schutz gegen Termiten, als Glücksbringer oder Amulette oder sogar, um verstopfte Toiletten zu reinigen. („Da hat jemand die Tatsachen ein bisschen verdreht“, sagt d’Cruze. Er vermutet, dass ein Händler diese Gerüchte in Umlauf gebracht hat, um von der Tatsache abzulenken, dass der Preis für die Schuppen in astronomische Höhen schießt, je weiter sie in der Lieferkette voranschreiten.)

Fast alle Jäger aus Assam gaben an, dass es mittlerweile schwieriger ist, Schuppentiere zu finden, als es das noch vor fünf Jahren war – und das, obwohl die Zahl der erlegten Tiere recht gering scheint: Nur etwa die Hälfte der Befragten hatte im vergangenen Jahr ein Schuppentier gefangen.

Die Berichte der Jäger darüber, dass sie insgesamt weniger Schuppentieren begegnen, und die Zahl der Beschlagnahmungen deuten zusammen aber darauf hin, dass die Schuppentierjagd in Indien – und andernorts in Afrika und Asien – alles andere als nachhaltig ist.

 

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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