Zu Unrecht verunglimpft: Afrikas erfolgreichste Jäger

Jahrhundertelang wurden Hyänen als hinterhältige Aasfresser mit einem gemeinen Lachen verteufelt. Zeit, mit den Vorurteilen aufzuräumen.Dienstag, 18. Juni 2019

Von Christine Dell'Amore
Tüpfelhyänen blicken vor ihrem Bau in der kenianischen Masai Mara in die Kamera des Fotografen. Hyäneneltern spielen mit ihrem Nachwuchs viel ausgiebiger als andere Fleischfresser.

Die erfolgreichsten Jäger Afrikas sind intelligent, liebevoll und formen komplexe soziale Bindungen, die denen von Primaten in nichts nachstehen. Die Nachkommen des Alphaweibchens erben im Clan die Position direkt unter ihrer eigenen, ähnlich wie in einer Monarchie.

Reden wir also vom König des Dschungels? Nein. Die Rede ist von Hyänen.

Die Tiere, die lange als dumme, gierige Aasfresser mit einem dämonischen Lachen verschrien wurden, leiden unter einer „echten PR-Krise“, sagt Arjun Dheer, ein Doktorand am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin. Er erforscht die Tüpfelhyänen im Ngorongoro-Krater in Tansania.

„Jedes Mal, wenn ich jemandem erzähle, dass ich mit Hyänen arbeite, ist die Reaktion dieselbe: Igitt, ist das eklig. Warum ist das so?“

Weil Literatur und Folklore mit ihren Geschichten über Hexerei, Grabraub und sexuelle Abweichungen jahrhundertelang einen „tief verwurzelten Ekel vor Hyänen in der menschlichen Psyche“ zementiert haben, erklärt Dheer.

Galerie: Der Mann, der mit Hyänen lebt

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Aristoteles beschrieb Hyänen als „Liebhaber faulen Fleisches“. Hemingway bezeichnete sie als „hermaphroditische, sich selbst fressende Verzehrer der Toten“. Und der US-Präsident Theodor Roosevelt nannte sie eine „einzigartige Kreuzung aus erbärmlicher Feigheit und schlimmster Grausamkeit“, wie es in einer Studie über den Status der Hyäne in der Geschichte heißt, die 1955 veröffentlicht wurde. Plinius der Ältere, ein Autor der römischen Antike, schrieb gar, dass Hyänen andere Tiere auf magische Weise an Ort und Stelle verharren lassen können.

Ein Erdwolf und sein Junges blicken aus ihrem Bau im Duba Plains Camp in Botswana.

In Anbetracht einer solch unvorteilhaften Historie überrascht es nicht, dass popkulturelle Darstellungen von Hyänen diese Tradition fortsetzen. Eines der bekanntesten Beispiele dafür sind sicher die drei Tüpfelhyänen aus dem Disney-Film „König der Löwen“, die hinterhältigen Helfer des Bösewichts Scar. (Die Walt Disney Company ist mittlerweile Mehrheitseigner von National Geographic Partners.)

Auch wenn die im Osten und Süden Afrikas heimischen Tüpfelhyänen die meiste schlechte Publicity bekommen, werden alle vier Hyänenarten für gewöhnlich in einen Topf geworfen. Die seltenste Art, die Schabrackenhyäne, lebt im Süden Afrikas. Erdwölfe sind monogame Insektenfresser und sind im Osten und Süden des Kontinents anzutreffen. Die kleinste und am wenigsten erforschte Art, die Streifenhyäne, lebt in fragmentierten Populationen in Nordafrika und Asien.

Meist sind es Angst und mangelndes Wissen, die zusammen mit dem ungewöhnlichen Aussehen der Hyänen und ihrem Aasfressertum zu den negativen Stereotypen führen, sagt Dheer.

Er findet, es sei höchste Zeit, die Tiere ins rechte Licht zu rücken.

Mythos: Hyänen sind dumm.

Die Hyänen Shenzi, Banzai und Ed aus „König der Löwen“ treiben sich im Schatten des Elefantenfriedhofs herum. Ed ist ein besonders dämliches Exemplar mit schielendem Blick und einer heraushängenden Zunge. Gelegentlich kaut er auf seinem eigenen Bein herum. Unter Scars Führung tragen die Hyänen zum Zusammenbruch des gesamten Ökosystems rund um den Königsfelsen bei.

Tatsächlich sind Hyänen Spitzenräuber, die für die Regulierung des Beutebestandes von enormer Bedeutung sind. Besonders dadurch, dass sie sämtliche Teile eines Kadavers fressen, verhindern sie Dheer zufolge auch, dass sich Krankheiten ausbreiten.

Tüpfelhyänen kämpfen in der kenianischen Masai Mara mit einer Löwin.

Schabracken- und Tüpfelhyänen leben in Clans, die von einem dominanten Weibchen angeführt werden und darüber hinaus aus niederrangigen Weibchen, Männchen und ihrem Nachwuchs bestehen. Die Größe eines Clans hängt hauptsächlich von der Verfügbarkeit der Beute ab und kann zwischen zehn Mitgliedern in einigen Wüstenregionen und 120 Tieren im artenreichen Ngorongoro-Krater und Kenias Masai Mara variieren, erklärt Dheer.

Diese großen Gruppen mit komplizierten Strukturen machen Tüpfelhyänen zu den „sozial komplexesten Fleischfressern der Welt“, fügt er hinzu.

„Ein Tier könnte all diese sozialen Beziehungen nicht aufrechterhalten, wenn es nicht intelligent wäre“, sagt Ingrid Wiesel. Die Gründerin des Brown Hyena Research Projekt erforscht Schabrackenhyänen an der Küste Namibias.

Nachdem sie einmal eine Schabrackenhyäne gefangen und mit einem Funkhalsband ausgestattet hatte, dauerte es sechs Jahre, bis ihr ein weiterer solcher Fang gelang.

„Dir tricksen einen einfach jedes Mal aus“, sagt sie.

Mythos: Hyänen lachen.

Mit ihren Lautäußerungen verständigen sich Hyänen untereinander: Die typischen, langgezogenen Rufe, die mitunter ein wenig an Wolfsgeheul erinnern, sollen während Kämpfen mit Löwen Verstärkung herbeiholen. In anderen Situationen drücken Männchen damit ihre körperliche Fitness aus. Manchmal dienen die Laute auch nur der Kommunikation über den aktuellen Aufenthaltsort der Tiere. Daneben gibt es noch das oft missverstandene „Lachen“ oder „Kichern“, das nur die Tüpfelhyäne von sich gibt.

Tatsächlich ist es kein fröhliches Geräusch: Männchen von niederem Rang geben diese Laute von sich, wenn sie aufgeregt oder gestresst sind, erklärt Dheer.

Tüpfelhyänen machen sich in Kenia über den Kadaver einer Kuh her. Die Tiere sind geschickte Jäger und können einzeln oder in Gruppen jagen.

Mythos: Hyänen sind reine Aasfresser.

Das Klischee ist bekannt: „Der Löwe ist der König des Dschungels und die Hyäne ist der feige, fiese, dreckige Aasfresser“, sagt Christine Drea, eine Anthropologin der Duke University, die sich mit Tüpfelhyänen beschäftigt hat.

Trotz „ganz offensichtlicher, gegenteiliger Beweise“ hält sich dieses Vorurteil hartnäckig.

In Wahrheit sind Hyänen ausgezeichnete Jäger, deren Beute öfter von Löwen gestohlen wird als andersherum. Der Zoologe Hans Kruuk fand schon in den Siebzigern bei Beobachtungen in der Serengeti heraus, dass Hyänen in Situationen, in denen sie sich ihre Beute mit Löwen teilen, in 53 Prozent aller Fälle selbst die betreffende Beute erlegt haben.

Tüpfelhyänen können Büffel und Elefantenkälber reißen und sowohl allein als auch in Gruppen jagen. Diese „Flexibilität verschafft ihnen gegenüber ihren Rivalen einen Vorteil“, so Dheer.

Im Khama Rhino Sanctuary in Botswana frisst eine Schabrackenhyäne an einem Kadaver.

Das bedeute natürlich nicht, dass sie leicht verfügbare Nahrungsquellen verschmähen würden, sagt Drea. „Jeder Fleischfresser, der was auf sich hält, wird Aas fressen, wenn er die Gelegenheit dazu bekommt.“

Und Hyänen lassen nichts übrig: Mit ihren enorm kräftigen Kiefern zerbrechen sie selbst dickste Knochen, die von ihrer aggressiven Magensäure zersetzt werden.

Mythos: Hyänen sind schwächlich.

In den kargen Wüstengebieten im Süden Namibias beanspruchen Schabrackenhyänen Gebiete von bis zu 3.000 Quadratkilometern. Die Tiere laufen pro Nacht im Schnitt um die 25 Kilometer weit, um Nahrung zu finden. Oft erlegen sie Robbenjunge, wie Wiesel erzählt.

Diese Ausdauer verdanken sie in Teilen ihrem praktischen Körperbau. Die kurzen Hinterbeine erhöhen die Energieeffizienz und ermöglichen den Tieren ein ausdauerndes Umherwandern. Hyänen haben aber auch große, robuste Lungen und Herzen sowie große Nasenlöcher, was zusammen einen guten Sauerstoffaustausch ermöglicht.

Mythos: Hyänen stinken.

Die Kaguru in Tansania glauben, dass Hyänen die Gräber der Toten ausgraben, weshalb sie so stinken. Tatsächlich verfügen Hyänen kaum über einen nennenswerten Körpergeruch, die Dheer und Wiesel sagen.

„Sie wollen über stinkende Tiere reden?“, fragt Dheer amüsiert. „Afrikanische Wildhunde wälzen sich in ihrem eigenen Kot.“

Hyänen produzieren in ihrer Analdrüse allerdings eine Substanz, die Wissenschaftler als „Hyänenbutter“ bezeichnen. Mit dieser Paste, die wie Mulch riecht, markieren sie ihr Revier, so Dheer.

Ein elf Wochen altes Hyänenjunges in der Masai Mara sitzt auf seiner Mutter. Da die Tiere selbst Knochen zerkauen und verdauen können, ist ihre Muttermilch reich an Kalzium.

Mythos: Hyänen sind Hermaphroditen.

Hyänenweibchen sind vorzügliche Mütter und investieren mehr Zeit in ihren Nachwuchs als die meisten anderen Fleischfresser. Sie säugen ihre Jungen nicht nur zwei Jahre lang mit einer besonders kalziumhaltigen Milch, sondern spielen und kabbeln stundenlang mit ihnen – ein weiteres komplexes Verhalten, das auch Primaten zeigen. Wenn sich zwei Hyänen – egal ob Männchen oder Weibchen – begegnen, wird das höherrangige Tier an den Genitalien des unterlegenen Tieres schnüffeln, um ihre soziale Bindung zu stärken und das Stresslevel zu senken.

Allerdings werden weibliche Tüpfelhyänen oft für Männchen gehalten. Das liegt daran, dass ihre Genitalien optisch denen der Männchen ähneln. Bei Weibchen finden das Urinieren, die Paarung und die Geburt durch einen Pseudopenis statt.

Gerade dieser Körperteil hat zum schlechten Ruf der Tiere beigetragen. Im frühchristlichen Werk „Physiologus“ aus dem 2. Jahrhundert heißt es, die Hyäne könne zwischen männlichem und weiblichem Geschlecht wechseln und sei deshalb „unrein, da sie zwei Naturen hat“, wie es in einer Studie aus dem Jahr 1955 heißt.

Wahrheit: Hyänen sind bedroht.

Aufgrund des Verlusts von Lebensraum und ihrer intensiven Bejagung wurden Streifen- und Schabrackenhyänen von der Weltnaturschutzunion als potenziell gefährdet eingestuft.

Und obwohl der Erdwolf und die Tüpfelhyäne als nicht gefährdet gelten, „mache ich mir Sorgen“, sagt Dheer.

Eine Streifenhyäne läuft durch das Okavangodelta in Botswana. Die Art gilt als potenziell gefährdet.

Tüpfelhyänen sind in vielen Gebieten in Süd-, West- und Zentralafrika lokal ausgestorben. Sie werden von Farmen und Wilderern verfolgt und ihre Bestände scheinen laut Dheer außerhalb von Schutzgebieten zu schrumpfen.

„Ich bin nicht sehr optimistisch, was ihre Zukunft angelangt, besonders im Hinblick auf ihr negatives Image“, sagt er.

Darum arbeiten er und seine Kollegen hart daran, dieses Image aufzubessern, besonders in den sozialen Medien.

„Wenn sich Menschen, die keine Wissenschaftler sind, für diese Tiere aussprechen würden, dann würde das der Öffentlichkeit sehr dabei helfen zu verstehen, dass sie gar nicht so schlimm sind“, sagt Wiesel.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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