Das stille Sterben der Löwen

Der Löwenbestand hat sich in den letzten 25 Jahren halbiert. Schutzprogramme setzen zu ihrer Rettung auf ein Zusammenleben von Mensch und Tier.Mittwoch, 24. Juli 2019

Auf jeden Löwen, den es in der Wildnis noch gibt, kommen 14 Afrikanische Elefanten und 15 Westliche Flachlandgorillas. Selbst wilde Nashörner sind zahlreicher als Löwen.

Die symbolträchtige Tierart ist aus 94 Prozent ihres ursprünglichen Verbreitungsgebietes verschwunden. Einst streiften die Tiere fast über den gesamten afrikanischen Kontinent, der immerhin eine Fläche von 30,2 Millionen Quadratkilometern hat. Mittlerweile tummeln sich die großen Raubkatzen auf nicht mal mehr 1,7 Millionen Quadratkilometern. Schätzungen zufolge gibt es nicht mal mehr 25.000 Löwen in Afrika, weshalb sie von der Weltnaturschutzunion als gefährdet eingestuft werden.

Seit Anfang der Neunziger hat sich die Zahl der Löwen in freier Wildbahn halbiert, wie die gemeinnützige Organisation Wildlife Conservation Network (WCN) mitteilt.

Fotostrecke: C-Boy, der König der Löwen

„Der Löwe ist wirklich ein universelles Symbol, das auf der ganzen Welt bekannt ist – und er gleitet uns still und unbemerkt durch die Finger“, sagt Paul Thomson, der Direktor des Artenschutzprogramms für das WCN. „Wir müssen diesen Verlust jetzt aufhalten und die Löwen zurück in die Landschaften des gesamten Kontinents bringen.“

Um die berühmten afrikanischen Rudel zu retten, arbeiten Artenschützer daran, die finanziellen Einbußen einer Koexistenz mit den Tieren zu senken und die Vorteile ihres Schutzes auf lokaler Ebene aufzuzeigen.

Mehr Beute, weniger Wilderei

Afrikas ikonische Raubkatzen sehen sich einer Vielzahl von Bedrohungen gegenüber. Insbesondere der wachsende Mangel an Beutetieren, der auf den Handel mit Bushmeat zurückzuführen ist, treibt die Löwen dazu, auf Nahrungssuche in menschliche Sphären zu wandern und beispielsweise Vieh zu reißen. Nicht selten werden die Katzen dann aus Rache getötet, zum Beispiel mit vergifteten Ködern. Je weiter die menschlichen Siedlungen wachsen, desto mehr schrumpft und fragmentiert der Lebensraum der Löwen. Gerade für die Männchen wird es dann umso schwieriger, neue Rudel zu finden und sich zu paaren.

Auch die Wilderei bedroht das Überleben der Tiere. Ihre Haut, Zähne, Pfoten und Klauen finden bei traditionellen Ritualen und Arzneien Verwendung. Auch in Asien wächst der Markt für die Körperteile von Löwen.

Junge Löwen in Afrika vergiftet
Der National Geographic Explorer Alexander Braczkowski kannte die jungen Löwen besser als fast jeder andere. 11 von ihnen wurden vergiftet.

Artenschützer hoffen, den Niedergang der bedrohten Art aufhalten zu können, indem sie sich für die Koexistenz von Menschen und Löwen in Afrika einsetzen. Ein Teil der Lösung besteht darin, den finanziellen Aufwand für das Management von Schutzgebieten zu kompensieren. Aber auch außerhalb der Grenzen dieser Bereiche sollen die Löwen geschützt werden, sagte Amy Dickman. Die von National Geographic geförderte Forscherin der Oxford Wildlife Conservation Research Unit (WildCRU) hat an einem Bericht zum Zustand der Löwen mitgeschrieben, der 2019 veröffentlicht wurde.

„Wenn wir wollen, dass es auch in 50 Jahren noch eine nennenswerte Zahl von Löwen gibt, müssen wir Kosten und Nutzen so anpassen, dass der Nutzen auf lokaler Ebene steigt und die Kosten auf internationaler Ebene verteilt werden“ sagt Dickman.

Koexistenz ermöglichen

Das Überleben der Art hängt von der Arbeit mit den lokalen Gemeinden ab, welche sich ihren Lebensraum mit den Löwen teilen müssen. Diese Menschen müssen ihre Rolle als Beschützer der Tiere erkennen, sagt Peter Lindsey, der Direktor des Lion Recovery Fund.

„Die meisten Menschen in der westlichen Welt haben sich geweigert, mit gefährlichen Tieren zusammenzuleben“, sagt er. „In Afrika leben aber viele Menschen mit gefährlichen Tieren wie Löwen und Elefanten, die große Herausforderungen mit sich bringen.“

Eine Möglichkeit bestünde darin, jene Menschen, die mit den Löwen leben, ganz konkret für den Schutz der Tiere zu belohnen. Einige Artenschutzmodelle prämieren Gemeinden, in deren Umkreis die Zahl der Löwen wächst. Dadurch wird ein Anreiz dafür geschaffen, die Tiere nicht zu jagen oder sie aus Rache für Viehrisse umzubringen. Ausgleichspläne funktionieren auf ähnliche Weise und entschädigen Viehhalter für jene Tiere, die den Löwen zum Opfer fallen. Solche Programme können dafür sorgen, dass sich die Einstellung einer Gemeinde zu den Tieren verändert, die zuvor als eine Bedrohung für die Sicherheit und den Lebensunterhalt galten. Wenn es mehr Vor- als Nachteile hat, mit den Löwen zu leben, dann entscheiden sich die Menschen auch dazu, sie zu schützen, so Dickman.

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Beim Artenschutz ist die direkte Involvierung der Gemeinden ein wichtiger Faktor. Das Programm Warrior Watch, das von der Big Cats Initiative der National Geographic Society unterstützt wird, ist ein Projekt der kenianischen Artenschutzorganisation Ewaso Lions. Warrior Watch rekrutiert junge Männer der Samburu – die beim Artenschutz und Wildtiermanagement lange außen vor gelassen wurden –, um in den Gebieten rund um Siedlungen nach Löwen Ausschau zu halten.

„Wenn es in der Gegend Raubtiere gibt, informieren sie die Hirten darüber, die da draußen ihr Vieh weiden “, erzählt Shivani Bhalla. Der Gründer und Direktor von Ewaso Lions wird von National Geographic gefördert. Im Austausch für ihre Aufklärungsarbeit und die Warnung der Hirten haben sich die jungen Männer mehr Bildung gewünscht. Ewaso Lions etablierte daraufhin eine Sonntagsschule. Mittlerweile können alle Teilnehmer des Programms ins Swahili lesen und schreiben, wie Bhalla sagt.

(„Um die Löwen zu schützen, braucht es das ganze Dorf.“)

Laut den Umfragen, die die Organisation vor ein paar Jahren durchführte, hatte das durchweg positive Folgen. „Wir haben uns wirklich über die Ergebnisse gefreut“, sagte Bhalla. „Sie haben gezeigt, dass sich die Einstellung der Menschen vor Ort gegenüber Raubtieren signifikant verbessert hat, seit die Krieger mit ihnen zusammenarbeiten. Auch die Krieger selbst fühlen sich durch das Projekt in ihrer sozialen Position gestärkt.“

Was für den Schutz der Löwen nötig ist

Seit 2017 hat der Lion Recovery Fund mehr als 5 Millionen Dollar in Artenschutzprojekte in 17 Ländern investiert. Trotzdem gebe es eine ernsthafte Budgetkrise, wie Lindsey sagt. Viele afrikanische Länder haben große Schutzgebiete etabliert, die finanziellen Mittel reichen aber oft nicht für ein effektives Management aus. Zusammen mit Dickman und anderen Forschern verfasste er 2018 eine Studie, in der sie darlegen, dass pro Jahr mehr als eine Milliarde Dollar nötig sind, um die Löwen in den afrikanischen Schutzgebieten auch tatsächlich zu schützen. Derzeit beläuft sich die Finanzierung nur auf etwa 381 Millionen Dollar pro Jahr.

Abgesehen von den finanziellen Defiziten können auch Unruhen oder Abgeschiedenheit die Verteidigung der Schutzgebiete für die Behörden erschweren, erklärt er.

Der Wert des Löwenschutzes muss auch den Politikern klarwerden. Der belaufe sich auf weit mehr als Gewinne aus dem Tourismussektor, der durchaus zur wirtschaftlichen Entwicklung beiträgt und Arbeitsplätze schafft, wie Lindsey sagt. Wenn der natürliche Lebensraum der Löwen geschützt wird, sichern die Gemeinden damit auch saubere Luft, sauberes Wasser und die Speicherung von CO2 im Boden, wie er anmerkt. Diese Faktoren sind für die Gesundheit und das Wohlbefinden der ländlichen Gemeinden wichtig.

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Auch wenn die Situation der Löwen kritisch und die Finanzierung unzureichend ist, gibt Lindsey die Hoffnung nicht auf, dass Afrikas ikonische Raubkatzen gerettet werden können. Sie sind „extrem widerstandsfähig“. Wenn Afrikas Schutzgebiete das nötige Geld für ein vernünftiges Management erhalten, könnte sich die derzeitige Löwenpopulation verdreifachen, wie er sagt.

„Wir haben jetzt die Möglichkeit zu handeln“, sagt er. „Wenn wir warten, werden wir diese wilden Populationen verlieren.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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