Seltener Kardinal ist halb Männchen, halb Weibchen

Der Vogel mit zwei Geschlechtern tauchte in einem Garten in den USA auf. Wie kommt dieses Phänomen zustande?Freitag, 29. November 2019

Jeffrey und Shirley Caldwell füttern in ihrem Garten seit 25 Jahren Vögel. Aber das Paar, das sein ganzes Leben in Erie im US-Bundesstaat Pennsylvania verbrachte, hat noch nie ein so außergewöhnliches Tier gesehen wie den Kardinal, den sie im Winter 2019 nur neun Meter vor ihrem Haus in einem Baum entdeckten. Der Vogel schien in der Mitte zusammengesetzt: Seine eine Körperhälfte leuchtete Zinnoberrot, die andere zierte ein blasses Gelbbraun.

Tatsächlich waren sich die Caldwells nicht sicher, ob sie ihren Augen trauen konnten, bis der Vogel noch ein Stück näherkam. „In all den Jahren, die wir nun schon Vögel füttern, hätten wir nie gedacht, dass wir so etwas mal sehen würden“, sagte Shirley Caldwell.

Die Anomalie wird als Gynandromorphismus bezeichnet und betroffene Tiere dementsprechend als Gyander oder auch Halbseiten-Hermaphroditen. Eine Körperseite ist männlich und die andere weiblich. „Dieser außergewöhnliche Vogel ist eine echte Chimäre aus einem Männchen und einem Weibchen“, schrieb Daniel Hooper, ein Forscher am Cornell Lab of Ornithology, in einer E-Mail.

Gelber Kardinal gefilmt

Gyander sind in der Vogelwelt zwar selten, aber nicht einzigartig. Wahrscheinlich können sie bei allen Vogelarten auftreten. Uns fallen vermutlich aber nur Exemplare bei Arten auf, deren Männchen und Weibchen sich optisch stark voneinander unterscheiden – ein Phänomen, das als Geschlechtsdimorphismus bezeichnet wird. „Kardinäle zählen zu jenen Vögeln Nordamerikas, bei denen der Geschlechtsdimorphismus am stärksten ausgeprägt ist. Das rote Gefieder der Männchen ist weithin bekannt. Es fällt den Leuten also schnell auf, wenn sie anders aussehen“, sagt Hooper.

Wie entsteht Gyandromorphismus?

Hooper erklärt, dass die Ausbildung des Geschlechts bei Vögeln ein wenig anders funktioniert als bei Säugetieren. Während männliche Säugetiere zumeist zwei Kopien jedes Geschlechtschromosoms besitzen (X und Y), verfügen die Weibchen über zwei X-Chromosomen.

Bei Vögeln ist es umgekehrt. Ihre Geschlechtschromosomen werden mit den Buchstaben Z und W bezeichnet. Weibchen haben von beiden jeweils eine Kopie (ZW), während Männchen zwei Z-Chromosomen haben. Im Zellkern der Keimzellen, zu denen sowohl Spermien als auch Eizellen zählen, befindet sich für gewöhnlich nur eine Kopie von einem der beiden Chromosomen: Männchen produzieren nur Spermien mit Z-Chromosomen und Weibchen nur Eizellen mit entweder einem Z- oder einem W-Chromosom.

Zu Gyandromorphismus wie bei dem Kardinal kommt es, wenn sich eine weibliche Eizelle mit zwei Zellkernen entwickelt – eine mit einem Z- und eine mit einem W-Chromosom – und von zwei Z-Spermien „doppelbefruchtet“ wird.

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Die „Chimäre“ wächst dann mit einem Körper heran, der zur Hälfe männlich (ZZ) und zur Hälfte weiblich (ZW) ist. Würde man eine Zelle aus der roten Körperhälfte des Kardinal betrachten, hätte sie ZZ-Chromosomen. Eine Zelle aus der hellen Körperhälfte hätte hingegen ZW-Chromosomen. Dieses Phänomen ist aber nicht nur auf Vögel beschränkt, sondern kann auch bei Insekten und Krebstieren beobachtet werden.

Was diesen Kardinal für Hooper so interessant macht, ist der Umstand, dass er fortpflanzungsfähig sein könnte. „Die meisten Gyander sind unfruchtbar. Aber der hier könnte tatsächlich fruchtbar sein, weil seine linke Seite weiblich ist und bei Vögeln nur der linke Eierstock funktional ist.“

Laut Shirley Caldwell ist der außergewöhnliche Vogel zumindest oft in Begleitung eines Männchens zu sehen. „Wir sind froh, dass er nicht einsam ist“, sagt sie. Im Westen von Illinois hatten Forscher vor einigen Jahren einen anderen Kardinal beobachtet, der Gyandromorphismus aufwies. Dieser hatte allerdings nie Gesellschaft – und ebenso wie der Kardinal im Garten der Caldwells sang er nie.

Einen gesunden Appetit hat das Exemplar in Pennsylvania allerdings. Laut den Caldwells frisst er besonders gern schwarze Sonnenblumenkerne und Rindertalg aus einem Futterspender in der Nähe eines Fliederstrauchs, in dem er oft sitzt.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

 

 

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