Wie verhüten Tiere?

Einige Arten haben verblüffende Strategien entwickelt, um ihren Fortbestand zu sichern – dazu gehört im Umkehrschluss sogar die Empfängnisverhütung.

Monday, May 11, 2020,
Von Deborah Roth
Nacktmull

Nacktmullköniginnen sind dafür bekannt, ihren Hofstaat zu tyrannisieren.

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Bei Tier und Mensch war die Verhütung evolutionsbedingt schon immer ein Thema. Vor der Entwicklung der umstrittenen Antibabypille und anderen modernen Verhütungsmitteln, haben Menschen so einiges mitmachen müssen, um Nachwuchs zu verhindern – doch das gehört glücklicherweise in weiten Teilen der Welt der Vergangenheit an.

Doch Empfängnisverhütung gibt es nicht nur bei uns Menschen. Die Pille und Co. haben schon längst Einzug in die Zoos, National- und Wildparks dieser Welt erhalten. Neben Großkatzen wird auch Primaten und anderen Säugetieren die Pille verabreicht. Nilpferde bekommen eine 120 Gramm schwere Pille in Brikettform ins Maul gelegt, während sich bei Polarwölfen eher eine Dreimonatsspritze rentiert. All das, um unkontrollierten Nachwuchs im Gehege zu verhindern. Wie aber funktioniert Verhütung bei Wildtieren, die keinen Besuch vom Tierarzt bekommen?

Dort, wo sich die Natur dem menschlichen Eingriff entzieht, werden andere Verhütungsmittel gewählt. Diese reichen von Früchten, die sich auf den Hormonhaushalt auswirken, bis zu Föten, die sich einfach im Mutterleib zurückbilden. Nicht zuletzt dient auch Mobbing unter Weibchen der Geburtenkontrolle. Wir haben für euch sechs Wildtiere ausfindig gemacht, die uns durch ihre verblüffenden Strategien besonders aufgefallen sind.

Die „natürliche“ Antibabypille

Die wohl gesündeste und mildeste Form wird von Anubispavianen (Papio anubis) praktiziert. Die Weibchen fressen eine schwarze kleine Frucht namens Vitex donaiana, die den Hormonzyklus hemmt. Der Verzehr der Pflanze verhindert, dass der berühmt-berüchtigte Pavianhintern anschwillt. Der abgeflachte Genitalbereich wirkt auf die Pavianmännchen äußerst unattraktiv, sie wenden sich ab und suchen sich paarungswillige Weibchen. Empfängnisverhütung: erfolgreich.

Pferde treiben ab oder lassen ihren Fötus verschwinden

Eine Reihe von Wissenschaftlern kam 2010 aus dem Staunen nicht heraus, als eine ganze Herde hochträchtiger Przewalski-Pferde (Equus ferus przewalskii) auf einmal keine Föten mehr aufwies. Die Herde sah sich mit einem harten Winter und einhergehendem Futtermangel konfrontiert. „Im Frühjahr 2010 hatte in der ganzen Herde tatsächlich nur noch eine Stute ein überlebendes Fohlen. In Anbetracht der geringen Überlebenschancen des Pferdenachwuchses, wurden einige Föten vermutlich abgestoßen und auch Totgeburten gab es. Andere Pferde bildeten ihre ziemlich weit entwickelten Föten wohl noch im Mutterleib zurück“, berichtet die Wildtierforscherin Petra Kaczensky vom Norwegian Institute for Nature Research. Im Übrigen ist die Resorption von Föten bei Verdacht auf Futtermangel die gängigste Form der Geburtenkontrolle bei Nagern und Säugetieren.

Die Trächtigkeit bei Pferden dauert  in der Regel zwischen 11 Monaten und 355 Tagen an.

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Ratten pausieren ihre Schwangerschaft

Auch Ratten bilden ihren Fötus zurück. Sie können sogar Schwangerschaften anhalten, wenn sie den Eindruck haben, dass ihre Junge nicht ausreichend Nahrung bekommen werden, heißt: Der Fötus wird resorbiert. Sobald die Vorräte gesichert sind und die Aussichten auf ein solides Wachstum garantiert, geht es mit Wachstum und Schwangerschaft weiter. „Der pausierte Fötus wird von der Mutter wieder reaktiviert und später ausgetragen“, erklärt uns der Autor Dr. Mario Ludwig.

Siebenschläfer praktizieren die wohl gemütlichste Verhütung im ganzen Tierreich: schlafen.

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Siebenschläfer: Erst schlemmen und schlafen

„Bei Siebenschläfern (Glis Glis) kommt hinzu, dass sie sich zusätzlich bis zu 11,4 Monate am Stück in den Winterschlaf begeben können, falls die Umweltbedingungen in diesem Jahr keine erfolgreiche Reproduktion zulassen. Dafür futtern sich die zierlichen Tiere bis zu 30 Gramm zusätzliches Fett an und sind somit Weltmeister im Fett werden“, berichtet Dr. Claudia Bieber von der Veterinärmedizinischen Universität Wien. „Mit 3 Gramm Geburtsgewicht erreichen sie innerhalb von nur 3 Monaten bis zu 100 Gramm. Man muss sich das in etwa so vorstellen, dass sich ein 3 Kilo schweres Baby in diesem Zeitraum fast 100 Kilo anfuttert“, erklärt die Forscherin. Eine weitere erstaunliche Eigenschaft der niedlichen Tiere ist ihr Reproduktionsalter. Während die Jungen als präpubertäre Teenager vor allem Interesse an Überwinterung und Nahrungssuche zeigen, sind es die Alten, die ihren Winterschlaf verkürzen, um sich der Populationsvergrößerung zu widmen.

Mobbing und Schikane bei Nacktmullen

Bei den Nacktmullen geht es derweil ziemlich gehässig und unfair zu. „Die Nacktmullkönigin setzt alle anderen Nacktmulle durch Beißen, Kratzen und Schikane derart unter Stress, dass ihnen jegliche Lust auf Sex vergeht“, so Ludwig. So lebt der Nacktmullstaat puritanisch auf höchster Mobbingstufe vor sich hin. Sobald die Königin stirbt, entspannt sich die Lage und Weibchen werden wieder fruchtbar – bis der Kampf um die Thronfolge erneut ausbricht. Wer zuerst Nachwuchs gebiert, hat gewonnen.

Die Larvensifakas, eine Lemurenart, beugen Fehlgeburten durch den Verzehr tanninhaltiger Pflanzen vor.

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Und, zu guter Letzt: Nicht nur in der Empfängnisverhütung helfen Tiere nach – manche von ihnen haben auch Wege gefunden, wie sie ihren Nachwuchs im Bauch fördern:

Tannine gegen Fehlgeburten

„Auch bei den Larvensifakas (Propithecus verreauxi) ist ein Kraut gewachsen“, berichtet der Autor Dr. Mario Ludwig. Die Lemuren verhüten zwar nicht, aber beugen möglichen Fehlgeburten vor, indem sie während der Schwangerschaft tanninhaltige Pflanzen in großen Mengen fressen. Die bitteren Blätter wirken sich positiv auf die Fötenbildung aus.

Paarung bei Tieren

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Einmalig: Afrikas seltenster Papagei bei der Paarung gefilmt.

11. Mai 2018: Diese Vögel tragen den zweifelhaften Ehrentitel „Afrikas seltenster Papagei“. Dies sind die ersten Filmaufnahmen eines Kappapagei-Pärchens bei der Paarung. Der Kappapagei benötigt Steineiben zur Nahrungsbeschaffung und zum Nisten. Der Hogsback State Forest ist ein Paradies für Steineben, Südafrikas Nationalbaum. Die massive Abholzung dieser Bäume hat fatale Konsequenzen für den einzigen Papageien, der in Südafrika heimisch ist: der Kappapagei. Es ist gut, dass diese Papageien sich paaren, denn sie tragen die Bürde des Fortbestands ihrer Spezies auf ihren Flügeln. Eine Studie aus dem Jahr 2017 zählte 1.500 Kappapageien. Forscher setzen sich dafür ein, dass die einheimischen Steineiben stärker geschützt werden, um den Papageien mehr Zufluchtsorte zu bieten.

Raffiniertes Paarungsverhalten im Tierreich

Koralle, Buntbarsch, Vogelspinne – einige Tiere könnten sich direkt vor unseren Augen paaren und wir würden es wohl nicht bemerken.
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