Seltener Dumbo-Oktopus in den Tiefen des Meeres gefilmt

Bei der Erforschung eines Unterwasservulkans stolperten Wissenschaftler über diesen niedlichen Meeresbewohner.

Veröffentlicht am 13. Nov. 2020, 09:47 MEZ, Aktualisiert am 13. Nov. 2020, 11:30 MEZ
Dieser Dumbo-Oktopus ist ein kleiner Star der Tiefsee
Dieser Dumbo-Oktopus ist ein kleiner Star der Tiefsee
25. Oktober 2018: Der Dumbo-Oktopus bekam seinen Namen aufgrund seiner großen Flossen, die an Elefantenohren erinnern. Über das Verhalten der Tiefseekraken ist noch nicht viel bekannt, da sie sich nur selten zeigen. Der Crew des Forschungsschiffs Nautilus gelang jedoch eine Begegnung mit dem seltenen, geisterhaft anmutenden Tintenfisch. Zu diesem Zeitpunkt erforschte die Nautilus die noch weitestgehend unentdeckte Region um den inaktiven Vulkan Davidson Seamount. Auf dem felsigen Untergrund findet man große Korallengärten, Schwammfelder und eine Vielzahl noch unbekannter Arten.

Als einige Wissenschaftler im Oktober 2018 gerade mithilfe eines ferngesteuerten Fahrzeugs (ROV) eine Untersuchung des Meeresbodens vornahmen, erhielten sie unerwarteten Besuch: Eine geisterhafte Erscheinung mit bleicher Haut, großen Augen und durchsichtigen Schwingen schwebte an der Kamera vorbei. Bei dem surreal anmutenden Wesen handelte es sich um einen seltenen Dumbo-Oktopus.

Das Team an Bord des Forschungsschiffs Nautilus war gerade dabei, Daten über den Davidson Seamount zu sammeln, einen inaktiven Unterwasservulkan vor der Küste Kaliforniens. Plötzlich zeigte sich ein Gast vor ihrer Linse, dessen Auftauchen für viel Begeisterung unter den Wissenschaftlern sorgte.

„Oh mein Gott, er ist so niedlich“, ruft eins der Teammitglieder. „Nichts geht über einen hübschen Kopffüßer“, entfährt es einem anderen.

Diesen Tiefseebewohner zu Gesicht zu bekommen, ist ein seltenes Vergnügen für die Forscher, sagt Chad King, leitender Wissenschaftler der Nautilus. „Es ist so aufregend, ein lebendes Exemplar zu sehen“, fährt er fort. „So was passiert einem nicht jeden Tag.“

Zauberhafte Dumbos

Dumbo-Oktopusse (Grimpoteuthis sp.) leben in den tiefsten, dunkelsten Regionen des Atlantiks und Pazifiks, was ihre Erforschung denkbar schwierig macht. Dieser Dumbo wurde etwa drei Kilometer unter der Meeresoberfläche gesichtet, während andere schon doppelt so tief entdeckt wurden.

Die Tiere verbringen den Großteil ihres Lebens dicht am Meeresboden. Dort legen sie ihre Eier und jagen ihre Nahrung, die hauptsächlich aus Krustentieren, Muscheln und Würmern besteht.

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Gleich dem Zeichentrick-Elefanten, dem sie ihren Namen verdanken, fliegen Dumbo-Oktopusse durchs Wasser, indem sie ihre beiden Seitenflossen auf und ab bewegen. Doch das ist nicht die einzige Antriebskraft, mit der der Tintenfisch sich vorwärts bewegt. Seine acht Arme sind mit einem Hautnetz verbunden, ähnlich einem Regenschirm. Durch die Kontraktion dieser Hautpartien können die Kopffüßer sich einen kurzen aber kräftigen Schub verpassen, was vor allem auf der Flucht vor wendigen Beutegreifern wie Thunfischen oder Haien ungemein praktisch ist. Außerdem können Dumbo-Oktopusse mithilfe ihrer Arme über den Meeresboden krabbeln.

Es gibt mehr als ein Dutzend Dumbo-Oktopus-Arten in den unterschiedlichsten Formen und Farben. Die meisten von ihnen messen zwischen 20 und 30 Zentimetern Länge, während es andere Arten auf stattliche 1,80 Meter bringen. Wie alle Tintenfische können auch sie ihre Hautfarbe bewusst verändern, produzieren jedoch keine Tinte. Um sich dennoch verteidigen zu können, sind einige ihrer Tentakel mit scharfen Dornfortsätzen bewehrt.

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„Sie sind so unglaublich niedlich“, meint King. Und wenn man den Reaktionen seiner Kollegen lauscht, die im Video zu hören sind, steht er mit seiner Meinung nicht allein da. King sagt, dass sein Team ins Schwärmen gerät, wenn es auf so besondere Vertreter der Fauna stößt. „Genau deshalb machen wir unseren Job so gerne.“

Versunkener Schatz

So sehr sich die Crew auch über die Sichtung des Dumbos gefreut hat, so eng war auch ihr Zeitplan, denn die Nautilus hatte einen sprichwörtlich größeren Fisch im Visier. Das ROV und seine Besatzung waren etwa 130 Kilometer vor die kalifornische Küste vor Monterey gefahren, um zu erforschen, welche versunkenen Schätze das Gebiet des Davidson Seamounts zu bieten hat.

Der Davidson Seamount ist einer der größten Unterwasservulkane in US-amerikanischen Gewässern. Von seiner Basis bis zur Spitze misst er 2.280 Meter, doch sein Gipfel liegt immer noch 1.250 Meter unter der Wasseroberfläche.

King erklärt, dass es auf den Hängen des Tiefseebergs nur so von Leben wimmelt, das aber noch weitestgehend unerforscht ist. Das Ziel der Expedition im Oktober 2018 war eine Bestandsaufnahme des noch undokumentierten Felshangs im Südosten des Vulkans. Zusätzlich zu dem putzigen Tintenfisch entdeckten die Wissenschaftler Korallengärten und Schwammfelder, die laut King aussehen, als würden sie direkt aus einem Dr.-Seuss-Buch stammen.

„Da gab es drei Meter große, rosafarbene Korallen und mannshohe Schwämme“, sagt er.

Der Davidson Seamount wurde im Jahr 2009 Teil des Wasserschutzgebiets Monterey Bay, nachdem ökologische Studien durch das Monterey Bay Aquarium Research Institute (MBARI) und die amerikanische Wetter- und Ozeanografiebehörde (NOAA) den inaktiven Vulkan als „Unterwasseroase“ eingestuft hatten. King gibt an, dass auf den Berghängen riesige Korallengärten, weitläufige Schwammfelder und eine Vielzahl bislang unentdeckter Spezies siedeln.

Tiefer Respekt

Hier kam nun die Mission der Nautilus ins Spiel. Das Nautilus Exploration Program wurde vom Entdecker der gesunkenen R.M.S. Titanic und National Geographic Explorer-at-Large Robert Ballard gegründet, um die Untiefen des Pazifiks zu erforschen.

Der berichtete Tauchgang des Nautilus-ROVs war nur einer von mehreren in diesem Jahr. King hofft, dass seine Arbeit, die live auf Twitter übertragen wurde, die Zuschauer dazu inspiriert, Unterwasserberge und andere Gebiete zu schützen, die nicht gleich offensichtlich ins Auge fallen.

„Das ist ein sehr besonderer Ort“, sagt er. „Wir wollen ihn für die Nachwelt erhalten und dafür sorgen, dass diese Korallen- und Schwammarten überleben.“

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