Artenspürhunde: Supernasen im Kampf für den Tierschutz

Hunde können seltene Tiere an ihrem Geruch erkennen. Als Artenschutzhunde helfen sie Naturschützern beim Wildtier-Monitoring – mit verblüffendem Erfolg.

Von Jens Voss
Veröffentlicht am 26. Juni 2023, 12:30 MESZ
Artenspürhund Zammy bei der Arbeit (Nahaufnahme: im Mittelpunkt die Nase)

Artenspürhund Zammy bei der Arbeit

Foto von Annegret Grimm-Seyfarth

Ein Braunkohletagebau im Osten Deutschlands. Rein gar nichts scheint darauf hinzudeuten, dass zwischen dem schwarzbraunen Geröll seltene Tierarten leben. Zammy weiß es offenbar besser. Mit der Nase am Boden durchgekämmt der Border Collie das karge, staubige Terrain. Plötzlich bleibt er stehen. An einer unscheinbaren Stelle starrt er schwanzwedelnd auf einen Stein. Vorsichtig hebt Annegret Grimm-Seyfarth den Brocken auf. Zum Vorschein kommt ein streng geschütztes Tier: eine Kreuzkröte. Die fünf Zentimeter große Amphibie steht auf der Roten Liste der stark gefährdeten Tiere.

Spürhunde spielen eine zunehmend wichtige Rolle im Naturschutz. Ob Amphibien, Säugetiere, Vögel, Pflanzen oder Pflanzen: Mit ihrem außerordentlich feinen Geruchssinn können die Vierbeiner unterschiedlichste Arten erschnuppern – und voneinander unterscheiden. Auf diese Weise helfen sie Forschenden beim Wildtiermonitoring, also bei der Erfassung von Tierarten in ihren natürlichen Lebensräumen. Aber auch in Industriegebieten, wo geschützte Tiere möglicherweise in Gefahr sind, kommen die Supernasen zum Einsatz.

Grimm-Seyfarth arbeitet seit vielen Jahren mit Spürhunden wie Zammy. „Besonders spezialisiert haben wir uns auf den Fischotter sowie Amphibien“, erklärt die Biologin vom Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ).

Der Fischotter etwa war bereits in weiten Teilen Deutschlands verschwunden. Er braucht nicht nur saubere, fischreiche Gewässer. Er wurde auch lange erbittert verfolgt. Heute ist der Autoverkehr die häufigste Todesursache. Wie viele Fischotter es tatsächlich wieder in Deutschland gibt, ist unklar. Denn das Wildtier-Monitoring ist eine komplexe Sache. Viele seltene Arten leben versteckt oder nachtaktiv. Mit bloßem Auge kann man sie kaum aufspüren. Was sie verrät, sind meist ihre Spuren – zum Beispiel ihre Ausscheidungen.

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Hundenasen: Wunderorgane mit Superkraft

Hier kommen Artenschutzhunde ins Spiel. Durch gezieltes Training haben sie gelernt, die Hinterlassenschaften verschiedener Arten anhand des Geruchs zu bestimmen. Zammy weiß zum Beispiel, dass die Losung eines Fischotters anders riecht als die des Minks, einer invasiven Marderart, die oft mit dem heimischen Fischotter verwechselt wird. Selbst winzige Proben reichen. Denn der Geruchssinn von Haushunden gleicht einer Superkraft. 

Während Homo sapiens etwa fünf Millionen Riechzellen besitzt, hat Canis lupus familiaris bis zu 300 Millionen davon. Die Oberfläche der Riechschleimhaut ist beim Hund rund zehnmal größer als die unsere. Und weil ein Hund in kurzen Intervallen bis zu 300-mal in der Minute atmet, werden seine Riechzellen laufend mit neuen Geruchspartikeln umspült. 

Auch wenn der Geruchssinn je nach Rasse variiert: Mit ihren hochsensiblen Nasen können Hunde kilometerweit riechen, mehrere Meter tief ins Erdreich schnuppern und sogar mehrere Fährten gleichzeitig verfolgen. Damit zählen sie zu den sogenannten Makrosmatikern: Lebewesen, bei denen der Riechvermögen eine überlebenswichtige Rolle spielt.

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Artenschutzhunde: Erfolgreicher als andere Methoden

Seit jeher macht sich der Mensch diese Fähigkeiten zu eigen: Jäger nutzen Hunde zum Aufspüren der Beute, Suchhunde helfen bei Lawinen oder Erdbeben. Polizeihunde erkennen Drogen, Falschgeld oder Sprengstoff. Und Diabetikerhunde warnen rechtzeitig vor Über- oder Unterzuckerungen. Studien haben bewiesen, dass Hunde sogar Krebserkrankungen oder Coronaviren erschnüffeln können.

Die Erfolgsquote ist beeindruckend: Einer UFZ-Studie unter der Leitung von Biologin Grimm-Seyfarth zufolge haben Artenschutzhunde bislang beim Aufspüren von 482 Spezies mitgeholfen. In fast 90 Prozent der Fälle waren sie erfolgreicher als andere Monitoring-Methoden wie etwa Kamerafallen. Und das, ohne anderen Tieren oder dem natürlichen Lebensraum zu schaden. 

„Die Hunde dürfen weder jagen noch buddeln oder bellen und müssen zuverlässig abrufbar sein“, sagt Grimm-Seyfarth. „Außerdem lernen sie eine sogenannte passive Anzeige, bei der sie das Zielobjekt, also Tier oder Losung, anstarren, aber niemals mit ihm interagieren dürfen.“ Brav verharren die Hunde vor dem aufgespürten Objekt und warten das nächste Kommando. 

Auf Molchsuche: Biologin Annegret Grimm-Seyfarth und ihr Spürhund Zammy.

Foto von André Künzelmann

Einsatz am Gleis: Spürhunde bei der Bahn

Auch Großunternehmen wie die Deutsche Bahn setzen neuerdings auf Hundenasen. Artenschutzhunde sollen für mehr Tempo bei Bauvorhaben sorgen. Will die Bahn etwa ein neues Werk oder eine Trasse bauen, müssen Umweltplaner genau hinschauen, ob dort geschützte Tiere leben. Seltene Arten werden dann zum Beispiel umgesiedelt. Doch dazu muss man sie erstmal finden. Bislang war das sehr zeitaufwendig. Spürhunde erledigen diese Aufgabe oft viel schneller.

Bei der Hundeausbildung verwenden die bahneigenen Trainer unter anderem eine besondere Geruchsbox mit verschiedenen Öffnungen. In jedes Loch werden unterschiedliche Duftproben platziert, zum Beispiel bestimmte Eierschalen oder abgestoßene Reptilienhaut. „Sobald der Hund den richtigen Geruch findet, bekommt er eine Belohnung“, erklärt Bahn-Hundetrainer Maximilian Bültge. Auf diese Weise verinnerlichen die Hunde unterschiedliche Tiergerüche. 

Sechs Artenschutzhunde sind derzeit bei der Bahn im Einsatz. Jeder einzelne ist Spezialist auf seinem Fachgebiet. Golden Retriever Whisper zum Beispiel kann gleich fünf verschiedene Tierarten anhand ihres Geruchs unterscheiden. Stammt die Haut von einer Mauereidechse oder von einer Schlingnatter? Klare Sache für Whisper.

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