Waschbären in Deutschland: Was die invasiven Raubtiere so gefährlich macht

Schon länger gibt es den Verdacht, dass der Waschbär die heimische Artenvielfalt bedroht. Eine Untersuchung liefert neue Erkenntnisse.

Von Jens Voss
Veröffentlicht am 5. Jan. 2024, 08:52 MEZ
Invasive Art in Deutschland: Eine Gruppe Waschbären auf einem Waldweg.

Der Waschbär kam im frühen 20. Jahrhundert als Pelzlieferant nach Deutschland. Seitdem hat sich das Raubtier immer weiter ausbreitet und gilt inzwischen als etablierte invasive Art. 

Foto von AdobeStock

Wenn die Dämmerung hereinbricht, wagen sie sich aus ihrem Versteck. Im Schutz der Dunkelheit gehen Waschbären auf die Jagd. Die meisten Menschen in Deutschland haben sie wahrscheinlich noch nie in freier Wildbahn gesehen. Doch sie sind da – und es werden immer mehr.

Zwei Waschbärenpaare wurden 1934 am hessischen Edersee ausgesetzt. Heute streifen schätzungsweise weit über eine Million Exemplare des nordamerikanischen Raubtiers durch unsere Wiesen und Wälder. Die genaue Zahl lässt sich schwer ermitteln. Fakt ist aber: Allein in der Saison 2021/22 haben Jäger in Deutschland fast 202.000 Waschbären geschossen.

Der anpassungsfähige Kleinbär fühlt sich inzwischen in allen Bundesländern wohl. Nahezu überall bedroht er die heimische Tierwelt – oft sogar massiv. Besonders betroffen sind offenbar Amphibien und Reptilien. Zu diesem Schluss kommt eine Untersuchung des Verbundprojekts Zowiac, an dem sich verschiedene Forschungseinrichtungen und Umweltorganisationen beteiligen.

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Waschbären, die Erdkröten häuten

Die Forschenden haben dazu das Jagdverhalten von Waschbären in ausgewählten Naturschutzgebieten in Hessen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt erfasst. Die Ergebnisse zeigen, dass die invasiven Jäger in bestimmten Gebieten vor allem Amphibien und Reptilien in ihrem Bestand bedrohen.

Demnach fand man im Mageninhalt eines Waschbären im Spessart ausschließlich Erdkröten. Offenbar sind die Räuber ziemlich clever: Fraßspuren deuteten darauf hin, dass sie die Erdkröten vor dem Verzehr häuten, um deren Giftdrüsen zu entgehen. „In einem Naturschutzgebiet in Osthessen wurden in einer Stunde über 400 gehäutete Kröten gezählt – ein wirklich deprimierender Rekord“, sagt Timo Spaniol vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu).

„Wir konnten mittels modernster genetischer Analysemethoden eindeutig nachweisen, dass Grasfrösche, Erdkröten und Gelbbauchunken zu den Beutetieren von Waschbären zählen“, ergänzt Parasitologe Sven Klimpel vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum und der Goethe-Universität Frankfurt.

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Schlangen in Waschbärenmägen

Die Untersuchungen hätten ergeben, dass viele weitere bedrohte Amphibien auf dem Speiseplan der Waschbären stehen – darunter Molche, Wechselkröten und Feuersalamander. Klimpel warnt davor, dass ganze Populationen gebietsweise verloren gehen könnten.

Aber auch vor heimischen Schlangen macht der tierische Einwanderer nicht halt. Das Forschungsteam fand Reste von Ringelnattern in Waschbärenmägen. Ein Exemplar aus dem Rheingau-Taunuskreis hatte eine seltene Äskulapnatter gefressen, die gerade mit der Eiablage beschäftigt war. 

Zowiac-Projektleiter Norbert Peter von der Goethe-Universität ist alarmiert: „Wir sehen einen Prädationsdruck auf geschützte Amphibien und Reptilien in bestimmten Gebieten, der für diese Arten teilweise bestandsbedrohend ist.“ 

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Warum der Waschbär heimische Ökosysteme bedroht

Peter befürchtet, dass Naturschutzmaßnahmen an ihre Grenzen stoßen, wenn ohnehin seltene Tiere zusätzlich unter invasiven Arten leiden. „In diesem Kontext beeinflusst der Waschbär heimische Ökosysteme eindeutig negativ.“

Es habe schon länger den Verdacht gegeben, dass Waschbären für den Rückgang einheimischer Reptilien- und Amphibien-Arten in bestimmten Gebieten mitverantwortlich seien. Durch die neuen Untersuchungen sieht sich das Zowiac-Team endgültig bestätigt. 

Die Forschenden fordern deshalb, dass dauerhaft flächendeckende Daten zur Ausbreitung des Waschbären erhoben werden, um Gefahren frühzeitig erkennen zu können. Schutzmaßnahmen müssten regelmäßig geprüft und angepasst werden, um dem übergeordneten Ziel gerecht zu werden – dem Erhalt der Artenvielfalt.

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