Umwelt

Antworten auf eure Fragen zum Video des verhungernden Eisbären

Was ist über das Schicksal des Tieres bekannt und welche Verbindung gibt es zum Klimawandel? Mittwoch, 13 Dezember

Von Sarah Gibbens

In den letzten Tagen wurde das National Geographic-Video eines verhungernden Eisbären international millionenfach angesehen. Für manche ist es ein Symbol dessen, was den Eisbären durch die Klimaerwärmung bevorsteht. Für andere ist es eine Nebelkerze.

Was können wir von einem einzelnen bedrückenden Video überhaupt lernen? Eine ganze Menge.

Hier beantworten wir einige der meistgestellten Fragen zum Video, die wir auf Facebook, Twitter, Instagram und anderswo gesehen haben.

Warum hat die Filmcrew dem Bären nicht geholfen?

Den ausgezehrten Eisbären dabei zu beobachten, wie er sich vorwärtskämpfte und in einer Mülltonne nach Nahrung suchte, ist auf Video schwer mit anzusehen. Für Paul Nicklen und Cristina Mittermeier – zwei ausgebildete Biologen, die mittlerweile Wildtierfotografen und Gründungsmitglieder der Naturschutzgruppe Sea Legagy sind – war es live noch viel schwerer mit anzusehen.

„Manche haben uns dafür kritisiert, dass wir nicht mehr getan haben, um dem Bären zu helfen. Aber wir waren zu weit vom nächsten Dorf entfernt, um um Hilfe zu bitten“, schrieb Mittermeier in einem Artikel zu dem Video. „Und sich einem verhungernden Raubtier zu nähern, insbesondere ohne Waffe, wäre Wahnsinn gewesen.“

„Am Ende tat ich das einzige, was ich konnte: Ich benutzte meine Kamera, um sicherzustellen, dass wir diese Tragödie mit der Welt teilen können.“

Was wissen wir über den Eisbären aus dem Video?

Dieser Eisbär war am Verhungern. Seine dürre Statur und die hervorstehenden Knochen sind dafür eindeutige Anzeichen, und seine atrophierten Muskeln lassen darauf schließen, dass er schon lange Zeit hungerte.

Ohne eine vollständige Autopsie ist es fast unmöglich festzustellen, ob er an irgendeiner Krankheit litt. Von manchen Eisbären ist bekannt, dass sie sich Parasiten zugezogen haben. Aber wie auch andere Bärenarten sind Eisbären nicht besonders krankheitsanfällig.

Nicklen verwies darauf, dass der Bär keine anderen Anzeichen von Verletzungen zeigte und keine sichtbaren Narben hatte. Wenn Eisbären gegeneinander kämpfen, können diese Auseinandersetzungen sehr brutal sein. Es ist selten, einen älteren Bären ohne Narben zu sehen.

„Dieser Bär ist eindeutig stark unterernährt“, sagte Steven Amstrup, der Chefwissenschaftler von Polar Bears International, am Montag in einem Interview. „Er zeigt eindeutige Symptome des Verhungerns.“

Was passierte mit dem Bären, seit er gefilmt wurde?

Nicklen und Mittermeier filmten den Bären Ende August. Sie setzten die Dreharbeiten so lange fort, wie sie konnten.  Aber mit den immer früheren Sonnenuntergängen und dem nahenden Herbst konnte Sea Legacy seine Arbeit in der Region nicht fortsetzen. Sie wissen nicht, was aus dem Bären geworden ist, aber Nicklen glaubt, dass er wahrscheinlich innerhalb von ein bis zwei Tagen starb.

Wie geht es den Eisbärpopulationen?

Insgesamt ist die weltweite Eisbärpopulation nicht unmittelbar bedroht. Nicklen erzählte von Eisbären in der russischen Arktis, die so fett sind, dass sie kaum noch laufen können. Wissenschaftler vermuten, dass es in Russland mehr Eisbären als sonst irgendwo gibt. Aber die extreme Abgeschiedenheit und der Mangel an Ressourcen haben formale Erhebungen bisher erschwert und zu vielen Unsicherheiten und Fragen geführt. Außerdem geht es den Bären nicht in all ihren Lebensräumen gleichermaßen gut.

Laut Amstrup leben einige der Eisbären mit dem größten Risiko eines Populationsschwundes in Regionen mit saisonalem Eis. Dazu gehört auch die Baffininsel, auf der der verhungernde Eisbär gefilmt wurde. Der Geologische Dienst der USA hat eine Karte veröffentlicht, auf der die Ausmaße des Eises zu sehen sind. Das saisonale Eis schmilzt im Sommer vollständig und bildet sich dann wieder im Herbst. Während der Sommermonate leben die Eisbären von ihren Fettreserven.

„Sie verbrauchen pro Tag etwa zwei Pfund, während sie auf die Rückkehr des Meereises warten“, sagte Amstrup.

Was geschieht mit dem arktischen Meereis?

Wenn die Temperaturen steigen, schmilzt das saisonale Eis eher und kehrt später zurück. Das verlängert den Zeitraum, in welchem die Bären von ihren Fettreserven leben müssen.

Das arktische Meereis bedeckt heutzutage ungefähr 2,5 Millionen Quadratkilometer weniger Fläche als noch 1979. Die überwiegende Mehrheit der Wissenschaftler ist sich einig, dass sich das Schmelzen des Meereises in den letzten paar Jahrzehnten über das normale Maß hinaus beschleunigt hat. Die Arktis zählt zu den Regionen, die am stärksten vom wärmeren Klima betroffen sind.

Wenn sich die Erwärmung fortsetzt, so der angesehene Eisbärwissenschaftler Ian Stirling, „wird es das arktische Meeresökosystem, wie wir es kennen, nicht mehr geben.“

Wie wirken sich die wärmeren Temperaturen auf Eisbären aus?

Eisbären zählen zu den größten Bären der Welt und können bis zu 800 Kilogramm schwer werden. Das bedeutet, dass sie zum Überleben eine Menge Nahrung benötigen. Sie fressen Robben, Walrosse und Wale und können bei einer einzigen Mahlzeit enorme Mengen verzehren. Im Gegensatz zu anderen Bärenarten, die sich auch über längere Zeit von Beeren und Pflanzen ernähren können, sind Eisbären Karnivoren und brauchen tierische Nahrung, um zu überleben.

In der kanadischen Arktis ernähren sich Eisbären „fast ausschließlich von kleinen Robbenarten“, sagte Amstrup. „Diese Robben kommen so gut wie nie an Land.“

Robben sind ausgezeichnete Schwimmer und können lange Zeit im Wasser überleben. Das macht es für die Eisbären schwer, sie im offenen Meer zu fangen. Stattdessen können die kräftigen Tiere ihre Beute auf eisigem Terrain überwältigen.

Obwohl manche Gemeinden im hohen Norden davon berichten, dass sie nun öfter Eisbären in der Nähe ihrer Häuser sehen, heißt das nicht zwingend, dass ihre Population wächst. Wenn es kein Eis gibt, so Amstrup, folgen die Bären oft den Gerüchen von Nahrung aus örtlichen Dörfern oder Müllkippen.

Der verringerte Schneefall in der Arktis könnte zudem bedeuten, dass viele Eisbären nicht mehr in der Lage sein könnten, Höhlen für die Geburt ihres Nachwuchses zu bauen. Im Westen Kanadas war das bereits der Fall. (Lesenswert: Arktis - Die Decke wird dünner)

Die Hudson Bay im Westen Kanadas ist einer der am besten untersuchten Eisbärenlebensräume, in denen das Meereis zurückgeht. Einige Forscher sind sich nicht ganz sicher, ob dieser regionale Effekt durch die von Menschen verursachte Erwärmung entsteht, während andere sagen, dass die Eisbärpopulation dort binnen 30 Jahren aussterben könnte.

„Kein Biologe sagt, dass aktuell alle Eisbären in Gefahr sind“, sagte Amstrup.  „Aber die, die in Gefahr sind, geben uns einen Vorgeschmack auf das, was uns bevorsteht.“

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