Umwelt

Video zeigt verhungernden Eisbären in eisfreier Landschaft

Der Rückgang des Meereises macht es für die Tiere immer schwieriger, Nahrung zu finden. Montag, 11 Dezember

Von Sarah Gibbens

Als der Fotograf Paul Nicklen und Filmemacher der Naturschutzgruppe Sea Legacy im Spätsommer auf der Baffininsel ankamen, bot sich ihnen ein herzzerreißender Anblick: ein verhungernder Eisbär auf seinem Totenbett.

Für Nicklen sind Bären kein Neuland. Seit er als Kind im kalten Norden Kanadas aufwuchs, hat der ehemalige Biologe und heutige Wildtierfotograf mehr als 3.000 Bären in der Wildnis gesehen. Aber der abgemagerte Eisbär in den Videos, die Nicklen in den sozialen Medien veröffentlichte, zählte zu den qualvollsten Dingen, die er je gesehen hat.

„Wir standen da und haben geweint – die Tränen liefen uns die Wangen runter, während wir filmten“, sagte er.

Das Video zeigt den Eisbären, der sich an sein Leben klammert. Sein weißes Fell hängt schlaff über seinem ausgezehrten Körper. Er schleift eines seiner Hinterbeine hinter sich her, vermutlich aufgrund von atrophierten Muskeln. Auf der Suche nach Nahrung durchstöbert er einen Mülleimer, der von Inuit-Fischern saisonal genutzt wird. Er findet jedoch nichts und sinkt resigniert zu Boden.

Seit Nicklen das Video gepostet hat, wurde er oft gefragt, warum er nicht eingeschritten ist.

„Natürlich kam mir der Gedanke“, sagte Nicklen. „Aber es ist ja nicht so, als würde ich mit einem Betäubungsgewehr oder 400 Pfund Robbenfleisch durch die Gegend laufen.“

Und selbst, wenn er dem Bären geholfen hätte, so sagte er, hätte er nur sein Leid verlängert. Zudem ist es in Kanada illegal, Eisbären zu füttern.

Der Wildtierfotograf sagte, dass er den langsamen Tod des Tieres gefilmt hat, weil er nicht wollte, dass es umsonst stirbt.

„Wenn Wissenschaftler sagen, dass Bären aussterben, will ich, dass die Leute begreifen, wie das aussieht. Die Bären werden verhungern“, sagte Nicklen. „So sieht ein verhungernder Bär aus.“

 

FOLGEN DES KLIMAWANDELS

Indem er die Geschichte eines einzelnen Bären erzählt, will Nicklen eine Botschaft über die tödlichen Folgen des Klimawandels vermitteln.

Eisbären sind schon seit Langem die ahnungslosen Maskottchen der Auswirkungen der Klimaerwärmung. Als Tiere, deren Lebensraum die arktischen Regionen sind, sind sie oft die Ersten, die die Folgen der steigenden Temperaturen und des steigenden Meeresspiegels zu spüren bekommen.

Die großen, eine halbe Tonne schweren Bären suchen nach Ansammlungen von Robben auf dem Meereis. Während des Sommers verbringen sie oft Monate ohne Nahrung, während sie darauf warten, dass sich das arktische Eis verfestigt.

2002 sagte ein Bericht des WWF vorher, dass die Klimaerwärmung zur Gefährdung oder zum Aussterben des Eisbären führen könnte. Schon damals fand der Bericht heraus, dass die Eisbären sich eher vom Eis zurück aufs Land bewegten und dort länger blieben, was ihre Fastenzeit ungesund verlängerte. Bis zum Ende des Sommers zeigten die meisten vom WWF untersuchten Bären erste Anzeichen des Verhungerns.

Fünfzehn Jahre später sind die eisigen Jagdgründe der Bären in noch schlechterer Verfassung. Das National Snow and Ice Data Center, welches die Ausmaße der Meereisdecke jährlich nachverfolgt, verzeichnete regelmäßig Rekordtiefstände – ein Rückgang, der Erwartungen zufolge noch schlimmer werden wird.

Eine Studie, die vor Kurzem in „Biosciences“ veröffentlicht wurde, untersuchte, wie Klimastudien oft fälschlicherweise diskreditiert werden. Die Studie fand heraus, dass Menschen, die den Klimawandel leugnen, dessen Gefahren herunterspielen können, indem sie die Bedrohung für die Eisbären anzweifeln.

Eine Studie, die letztes Jahr von der European Geosciences Union und dieses Jahr vom Geologischen Dienst der USA herausgegeben wurde, bestätigt allerdings, dass das schmelzende Meereis weiterhin eine existenzielle Bedrohung für Eisbären darstellt.

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