Umwelt

Können die Bahamas dem Naturtourismus standhalten?

Millionen von Touristen besuchen jedes Jahr die Bahamas. Kann man auf Dauer verhindern, dass sie den Tieren und Pflanzen schaden? Mittwoch, 8. August 2018

Von Sarah Gibbens
Dank strenger Richtlinien und Gesetze gedeiht die Haipopulation auf den Bahamas prächtig.

Die Hitze, die mitten im Frühling auf der Bahamas-Inselgruppe der Exuma Cays herrscht, kann regelrecht erdrückend sein. Die Inseln sind klein, sandig und von niedrigen Büschen, Bäumen und felsigen Klippen geprägt. Schatten ist dort nur schwer zu finden.

Von fast jedem Punkt der Inseln kann man ringsum das türkisblaue Meerwasser sehen, das sich bis zum Horizont erstreckt. Da fällt es nicht schwer zu verstehen, dass die Exuma Cays vor Jahrhunderten Seefahrer anzogen und heutzutage ein wahrer Touristenmagnet sind.

Millionen von Menschen besuchen die Inseln, um das glasklare Wasser, die weißen Strände und die luxuriösen Resorts zu genießen. Aber auf den winzigen Inseln, die mehr als 160 Kilometer von der Hauptstadt Nassau entfernt liegen, dominieren statt Menschen oft eher Leguane die Landschaft.

„Schneid’ ihm von der anderen Seite den Weg ab!“, ruft Chuck Knapp. Der Wissenschaftler des Shedd Aquariums von Chicago erforscht die Leguane auf den Bahamas. Er hat gerade einen einheimischen Leguan der Art Cyclura cychlura entdeckt, der durch das Gebüsch raschelt – und er ist fest entschlossen, ihn zu fangen. Mit an langen Stangen befestigten Netzen umzingeln weitere Mitarbeiter des Aquariums in gleichmäßigen Abständen das Gebüsch, damit das flinke Tier ihnen nicht entwischt.

Mit einem großen Sprung wirft Knapp sein Netz über den Leguan, greift ihn am Rücken und befreit die Füße des Tieres schnell aus dem Netz, bevor er es in einen Kissenbezug steckt.

Als Knapp und sein Forschungsteam an jenem Tag schließlich bereit zur Vermessung der Tiere sind, tragen die Teammitglieder diverse ausgebeulte Kissenbezüge – in denen es gelegentlich zuckt – mit sich.

Die Leguane auf dieser Insel sind schwer zu fangen. Als „Liebesdienst“ bezeichnet Knapp diese Arbeit, die ihm zufolge wichtig ist, um ein besseres Verständnis dafür zu gewinnen, wie es den Populationen dieser gefährdeten Leguane geht. Insgesamt gibt es auf den Inseln drei Arten und sieben Unterarten von Wirtelschwanzleguanen.

Auf jenen Inseln, auf denen die Tiere von Touristen gefüttert werden, lassen sie sich in Erwartung eines kleinen Häppchens bereitwilliger blicken. Knapp ist besorgt darüber, dass einige der Tiere Anzeichen für Diabetes zeigen. Außerdem bestehe der Möglichkeit, dass sich ihre geografische Verteilung auf den Inseln ändert, wenn es mehr Tiere an jene Orte zieht, an denen sie kalorienreiche Nahrung erhalten.

Auf dieser Insel der Exuma Cays haben Leguane gelernt, dass Menschen am Strand ein Indiz für Futter sein können.

Das ist nur einer der Wege, auf denen der boomende Naturtourismus des Landes das Verhalten der Tiere verändern könnte.

EINE GESCHICHTE DES NATURSCHUTZES

Im Jahr 1892 etablierten die Bahamas Sea Gardens, das erste Schutzgebiet des Landes. 2015 gab es bereits 32 Meeresschutzgebiete.

Eine Studie, die 2017 von der Bahamas Reef Environment Educational Foundation (BREEF) durchgeführt wurde, ergab, dass die Meeresschutzgebiete auch einen wirtschaftlichen Wert besitzen, da sie das Ökosystem des Landes stärken. Viele der Schutzgebiete in der Region sind außerdem sogenannte „no take zones“, was bedeutet, dass in diesen Gebieten keine Fische entnommen werden dürfen.
Es sei nicht immer einfach gewesen, ein Gleichgewicht zwischen den Millionen jährlichen Touristen und den mehr als 800.000 Hektar an Schutzgebieten zu finden, sagt Shelly Cant-Woodside. Sie ist die Direktorin für Wissenschaft und Politik des Bahamas National Trust (BNT).

Während manche Touristen anreisen, um die natürliche Schönheit der Landschaft zu bewundern, verbringen andere ihre Zeit in Resorts oder bei Kreuzfahrten, die das Seegras und die Riffe beschädigen können, so Cant-Woodside.

Neben dem Tourismus arbeitet der BNT auch mit der Lokalbevölkerung, die ihren Lebensunterhalt teilweise mit den natürlichen Ressourcen des Landes bestreitet.


„Wir wissen jetzt, dass wir von Anfang an mit der Gemeinde zusammenarbeiten müssen“, sagt sie.

In den Fangverbotszonen ist es allerdings schwierig, die illegale Fischerei zu bekämpfen. Cant-Woodside zufolge kümmern sich etwa 50 Angestellte des BNT um die 32 Schutzgebiete rund um die Inseln. Mitunter sei es aber schwierig gewesen, dafür Personal zu finden.

DER AUFSTIEG DES ÖKOTOURISMUS

Herumreisen, um die Schönheit der Welt zu erleben – das Konzept ist nicht neu, aber in den letzten zehn Jahren suchen immer mehr Touristen nach umweltfreundlichen Urlaubszielen.

Auf die Bahamas zieht es die Touristen nicht nur wegen der Leguane, sondern auch wegen der Haie, Korallenriffe, Tropenfische, Flamingos und der berühmtesten invasiven Art der Region: Schweine.

Fechterschnecken sind auf den Bahamas eine wichtige Ressource. Wissenschaftler und Fischereien sind jedoch über den schwindenden Bestand besorgt.

Trotz der Bedenken, dass der Naturtourismus zu viel für die Arten der Inseln werden könnte, blühten einige Tierarten dank der Meeresschutzgebiete regelrecht auf. Seit mehr als 20 Jahren ist die kommerzielle Fischerei mit Langleinen, in denen sich auch oft Haie verfingen, auf den Bahamas verboten. Im Jahr 2011 erklärte die Regierung ihre 620 Millionen Quadratkilometer an Hoheitsgewässern zu einem Haischutzgebiet.

Diese Maßnahmen sorgten dafür, dass die Bahamas zu einem der tier- und artenreichsten Lebensräume für Haie im ganzen Westatlantik wurden. Wissenschaftler wissen zwar, dass es um den Bestand in den Bahamas im Vergleich zu anderen Teilen der Welt gut bestellt ist, aber da die langfristige Beobachtung einzelner Haie schwierig ist, lassen sich keine genauen Bestandszahlen ermitteln.

Fechterschnecken, die auf den Inseln ein Grundnahrungsmittel sind, haben hingegen eine ungewisse Zukunft. Die riesigen Schnecken wandern als Zutat in alle möglichen Gerichte, von Reibekuchen bis zu Salaten. Ihre kunstvollen rosa- und orangefarbenen Gehäuse sind auf Märkten beliebte Waren. Einer der Gründe für ihren Rückgang ist ihre übermäßige Entnahme durch Wilderei und Überfischung, weshalb die Regierung versucht, die Touristen und Einheimischen dazu zu bewegen, die Tiere in Ruhe zu lassen. Umweltschutzgruppen und Musiker haben zusammen sogar einen Song namens „Conch Gone“ produziert, der im Lokalradio lief.

Der Biologe Andrew Kough vom Shedd Aquarium hat versucht, die Ursachen für den Rückgang der Schnecken auf den Bahamas genauer zu ergründen. Im April besuchte er Osprey Island, um sich einen Überblick über den Bestand der Region zu verschaffen. Bei seinen vorherigen Besuchen hatte er die Insel als florierende Kinderstube für die Fechterschnecken erlebt. In diesem Jahr sah er dort jedoch kaum Jungtiere, als er im seichten Küstenwasser rund um die Insel schnorchelte.


In seiner Studie aus dem Jahr 2017, die in „Marine Ecology“ erschien, kam Kough zu dem Schluss, dass die dortige Fechterschnecken-Population alterte, was diese Kinderstuben umso wichtiger macht. Vor der Küste Floridas ist der einst gesund Bestand dieser Schnecken bereits eingebrochen, und die bahamaische Regierung will ein weiteres Desaster wie den Zusammenbruch ihrer Schwammindustrie 1938 verhindern. Es wäre laut der Studie sogar denkbar, dass Meeresschutzgebiete das Problem verschlimmern, da dort die Zahl der Fressfeinde der Schnecken zunimmt.

Selbst die berühmten Schweine der Region, die von europäischen Siedlern auf die Insel gebracht wurden, haben zu kämpfen. Im Frühjahr 2017 hatte man diverse tote Schweine entdeckt, die vor der Küste im Meer trieben. Mitarbeiter der Wildtierbehörde vermuten, dass sie vermutlich durch den Verzehr von Sand starben, der an den Nahrungsmitteln klebte, welche die Touristen an den Stränden hinterlassen.

NATURSCHUTZ UND TOURISMUS IM GLEICHGEWICHT

Trotz der Bedenken hinsichtlich des Naturtourismus sind die politischen Entscheidungsträger, Wissenschaftler und Einheimischen zuversichtlich, dass die Industrie auf nachhaltige Weise wachsen kann. Laut Lester Gittens vom Ministerium für Meeresressourcen der Bahamas nutzt die Regierung bei der Entwicklung neuer Strategien die Ergebnisse verschiedener Forschungsgruppen.

Das Center for Responsible Travel (CREST) hat Richtlinien für verantwortungsbewusstes Reisen aufgestellt, bei dem Touristen Tieren und Umwelt nicht schaden.


National Geographic empfiehlt, bei Wildnistouren darauf zu achten, dass die Tiere in ihrer natürlichen Umgebung beobachtet und dabei so wenig wie möglich gestört werden. Bei Tauchgängen mit Haien sollten die Tiere beispielsweise nie angefasst werden. Außerdem sollte man auf störende Geräusche und Lichter (wie Kamerablitze) verzichten und die Tiere auf keinen Fall füttern.

Die Inselgruppe der Exuma Cays befindet sich mehr als 160 Kilometer von der Landeshauptstadt Nassau entfernt und bietet diversen Leguan-Unterarten ein Zuhause.

Die Wissenschaftler fürchten, dass sowohl Schweine als auch Leguane sich in Zukunft vermehrt an Touristenstränden aufhalten könnten, anstatt sich über ihren sonstigen Lebensraum zu verteilen.

Als der einheimische Touristenführer Keiran Miller das letzte Mal eine Gruppe mitnahm, um den Touristen die Leguane zu zeigen, sah er eine weitere Gruppe mit „30 oder 40 Gästen“ ankommen. „Sie bekamen kleine Spieße mit Weintrauben darauf. Wir wissen alle genau, dass wir so was nicht machen sollten.“

Knapp hat bereits bemerkt, dass die Leguane Sand ausscheiden. Er glaubt, dass das durch den Verzehr von Futter wie solchen Weintrauben kommt, die am Boden zurückgelassen werden. Die rauen Körnchen können den Verdauungstrakt der Tiere schädigen.

Auf der Insel stehen Schilder, die Besucher auf gefährdete Arten und das Fütterungsverbot hinweisen. Aber auf einem einsamen kleinen Strand einer so großen Inselgruppe sind es oft nur die Besucher selbst, die über ihr eigenes Handeln wachen.

Als Knapp sein Maßband auszieht, um den Leguan von Kopf bis Schwanz zu vermessen, legt Miller am Strand an. Aus dem Schiffsradio hallt ein Popsong und ein frisch verheiratetes amerikanisches Pärchen auf Urlaubsreise sieht sich um.

Das Paar erkundigt sich interessiert nach der Forschungsstation am Strand, und Knapp gibt ihm Broschüren mit Informationen zum Artenschutz, die er für solche Fälle immer dabeihat.

Es ist ein Paradebeispiel für die Beziehung zwischen der Wissenschaft und dem Tourismus – und etwas, vom dem er in Zukunft mehr zu sehen hofft. Ohne eine funktionierende Partnerschaft, so fürchtet er, könnten die bedrohtesten Arten der Bahamas an den Rand der Ausrottung getrieben werden.

„Der Sturm zieht auf“, sagt er. „Das Wasser der menschlichen Eingriffe steigt.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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