Umwelt

Zukunftsmodell: Milliarden Menschen werden Hunger und Durst leiden

Ein neues Modell simuliert, welche Bereiche auf der Erde durch künftige Veränderungen am schlimmsten betroffen sein werden, zeigt aber auch mögliche Lösungen auf.Dienstag, 15. Oktober 2019

Eine große, automatisierte Bewässerungsanlage bewegt sich langsam über ein Kartoffelfeld in der ägyptischen Wüste.
Eine große, automatisierte Bewässerungsanlage bewegt sich langsam über ein Kartoffelfeld in der ägyptischen Wüste.

Bis zu fünf Milliarden Menschen, insbesondere in Afrika und Südasien, werden in den kommenden Jahrzehnten wahrscheinlich unter Nahrungs- und Trinkwassermangel zu leiden haben. Weitere hunderte Millionen könnten durch die Auswirkungen schwerer Küstenstürme bedroht sein. Diese und andere Ergebnisse lieferte ein neues Modell, das erstmals simulierte, wie Mensch und Natur sich in Zukunft gegenseitig beeinflussen könnten.

„Ich hoffe, es schockiert niemanden, dass bis 2050 Milliarden von Menschen betroffen sein könnten“, sagt Rebecca Chaplin-Kramer, eine Landschaftsökologin der Stanford University. „Wir alle wissen, dass wir in vielerlei Hinsicht auf die Natur angewiesen sind“, so Chaplin Kramer, die Hauptautorin der entsprechenden Modellstudie, die in „Science“ erschien.

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Schon in der weltweit ersten globalen Beurteilung zum Zustand der Biodiversität, die ebenfalls in diesem Jahr erschien, wurden deutlich, dass sich der Zustand der natürlichen Lebensräume enorm verschlechtert. Die Menschheit hat mehr als 75 Prozent der irdischen Landflächen und 66 Prozent des Meeres stark verändert, weshalb nun eine Million Arten vom Aussterben bedroht sind.

Mensch und Natur: Eine komplizierte Beziehung

Das Wohlergehen des Menschen hängt von dem Nutzen ab, den wir aus den Ökosystemen ziehen – den sogenannten Ökosystemdienstleistungen. Das neue Modell hat sich mit drei dieser Dienstleistungen befasst: der Versorgung mit Trinkwasser, dem Schutz der Küsten und der Bestäubung von Feldfrüchten. Das Modell offenbart, dass der bevorstehende Rückgang dieser Dienstleistungen vor allem die Menschen in Afrika und Südasien am härtesten treffen wird, da sie viel direkter auf die Natur angewiesen sind, sagt Chaplin-Kramer in einem Interview. Menschen in wohlhabenderen Ländern können die Auswirkungen durch den Import von Nahrungsmitteln und durch ihre Infrastruktur besser abfangen.

Für eine Analyse der Trinkwasservorräte kartierte das Modell die Vegetation in der Nähe von Flüssen und Seen. Je nach Topografie, Klima, Abflüssen aus der Landwirtschaft und anderen Faktoren konnten die Forscher so abschätzen, wie viel überschüssiger Stickstoffdünger von Feldern stromaufwärts im Wasser verblieb. Wenn diese Karte über eine Karte mit den menschlichen Trinkwasserquellen gelegt wird, lässt sich die potenzielle Gefahr einer Stickstoffbelastung ablesen. Andere Studien, welche die tatsächlichen Verunreinigungen gemessen haben, wurden herangezogen, um das Modell zu validieren, erklärt Chaplin-Kramer.

Auf ähnliche Weise wurden Karten von Korallenriffen, Mangroven, Seegraswiesen und Salzsümpfen – die vor Küstenerosion und Sturmfluten schützen können – mit Karten menschlicher Küstensiedlungsräume überlagert.

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Wilde Bestäuber wie Bienen und Flughunde benötigen einen natürlichen Lebensraum zum Überleben. In ihrem Fall wurde eine Karte mit den bestehenden natürlichen Lebensräumen mit einer Karte überlagert, die Ackerland und Plantagen zeigt.

Im Anschluss daran verzeichnete das Modell den gesellschaftlichen Bedarf im Hinblick auf Stickstoffdünger, die Bestäubung von Feldfrüchten und den Schutz der Küsten. Diese Werte wurden mit den aktuellen Ökosystemdienstleistungen verglichen, um aufzuzeigen, wo es bereits Diskrepanzen zwischen unserem Bedarf und den tatsächlichen Leistungen gibt, die uns die Natur liefert.

Danach betrachteten Forscher drei unterschiedliche Zukunftsszenarien im Hinblick auf die Landnutzung, das Klima und das Bevölkerungswachstum bis zum Jahr 2050. Diese standardisierten Szenarien stammen aus einer Analyse von Carbon Brief und beziehen gesellschaftliche Veränderungen, demografische Entwicklungen und die Wirtschaft mit ein.

Die Ergebnisse zeichnen ein „zutiefst besorgniserregendes Bild der gesellschaftlichen Kosten, die ein Verlust der Natur nach sich ziehen würde“, schreibt Patricia Balvanera, eine Ökologin der Universidad Nacional Autónoma de México, in einem Begleitartikel zur Studie. „Besonders beunruhigend ist, dass das Modell nur 3 der 18 identifizierten Beiträge [der Natur] zum menschlichen Wohlbefinden betrachtet hat“, sagt Balvanera in einem Interview.

Prognose für jedes Fleckchen Erde

Der Niedergang der Natur ist offensichtlich – beispielsweise sind 85 Prozent der weltweiten Feuchtgebiete verschwunden –, aber die Folgen dieses Verlusts sind es nicht, wie sie erzählt. Das neue Modell macht diese Folgen greifbar, da es zeigt, wie viele Menschen an welchen Orten betroffen sind. Zudem ist es präzise genug, um die Auswirkungen für jeden 300 x 300 Meter großen Abschnitt der Erde aufzuzeigen. Damit wird auch deutlich, wo genau eine Renaturierung oder Schutzmaßnahmen den größten Nutzen erzielen, so Balvanera.

Das schiere Ausmaß dieser Folgen wird sich aber nicht durch Technologie oder Infrastruktur abfangen lassen, sagt sie. Südasien würde tausende Wasseraufbereitungsanlagen bauen müssen, um den Menschen das benötigte Trinkwasser zur Verfügung stellen zu können, wenn die Natur es nicht mehr liefern kann. Madagaskar kann es sich nicht leisten, seine Küsten allesamt mit Dämmen zu versehen – aber es könnte seine Mangroven und Seegraswiesen wiederherstellen.

Der zuvor erwähnte Bericht zum globalen Zustand der Biodiversität schlussfolgerte, dass weitreichende Veränderungen in den Bereichen Regierungsführung, Nahrungsmittelproduktion, Wirtschaft, Energieversorgung und anderen Systemen nötig sind, sagt Sir Robert Watson. Er ist der ehemalige Vorsitzende des Weltbiodiversitätsrats (IPBES), welcher das Gutachten erstellte.

„Das ist die Art von Hilfsmittel, die auf Grundlage wissenschaftlicher Daten plausible Zukunftsszenarien betrachtet, mit deren Hilfe Regierungen schlimme Konsequenzen vermeiden können“, so Watson.

Das Modell ist online verfügbar, damit sich jeder die potenziellen Auswirkungen diverser politischer Entscheidungen selbst ansehen kann – inklusive unbeabsichtigter Nebenwirkungen. Falls sich die Gesellschaft beispielsweise entschließe sollte, zur Bekämpfung des Klimawandels einen Fokus auf Bioenergie zu setzen, kann das Modell die potenziellen Auswirkungen dieser Entscheidung auf den Artenreichtum und die Ernährungssicherung zeigen, erklärt Watson.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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