Kurzfristig positiv: Corona-Effekte auf die Umwelt

Steht die Menschheit still, kommt das Klima in Bewegung. Doch die Auswirkungen sind trügerisch und sollten nicht dazu führen, dass nachhaltige Maßnahmen gestoppt werden.Donnerstag, 26. März 2020

Von Anna-Kathrin Hentsch

Vielen Menschen gefällt der Gedanke, die vom Coronavirus verursachte Ausgangssperre habe positive Auswirkungen für die Umwelt. In den sozialen Medien kursieren Fotos von plötzlich sauberen Gewässern und Tieren die sich ihren Lebensraum zurück erobern. Gibt es diese positiven Verbesserungen für Klima und Natur wirklich?

Kurzzeitige Corona-Effekte

Die Zeit, die seit dem Ausbruch der Lungenkrankheit Covid-19 vergangen ist, lässt noch keine gesicherten Erkenntnisse über langfristige Umweltauswirkungen zu. „Doch es gibt einzelne Indikatoren für kurzeitige Effekte“, erklärt Dr. Johannes Schuler, Projektleiter für Nachhaltigkeit und Infrastruktursysteme am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung. „Für die Umwelt ist das Virus eine Wirtschaftskrise mit positiven Auswirkungen: Durch den Stillstand der Industrie entstehen weniger Einträge in die Böden und Gewässer, weniger Verschmutzung und der Rohstoffverbrauch sinkt mit dem Rückgang der Produktion“. Auch das Klima profitiert kurzfristig von den konjunkturellen Auswirkungen des Virus: Geschlossene Firmen und Homeoffice sorgen für eingeschränkten Personen- und Güterverkehr. Hinzu kommt der gesunkene Strom- und Ölverbrauch durch Produktionsrückgänge, sowie der eingestellte Reiseverkehr, insbesondere Flugreisen.

Die Stickstoffbelastungen und Schadstoffemissionen sinken. Die Corona-Krise könnte in Deutschland laut Hochrechnungen von Agora Energiewende, einem unabhängigen Denklabor, das sich den Klimazielen der Bundesregierung verschrieben hat, 30 bis 100 Millionen Tonnen CO2 verglichen zum Jahr 2019 einsparen. Zusammen mit dem milden Winter, werden die einmalig auftretenden Effekte der Corona-Krise dazu führen, dass Deutschland sein Klimaziel 2020 erreicht.

Auch auf internationaler Ebene zeichnen sich ähnliche kurzfristige Veränderungen ab. Die US-Raumfahrtbehörde NASA veröffentlichte Sattelitenbilder von China, auf denen der Stickstoffdioxid-Ausstoß (NO2) in China von Anfang Januar und Februar zu sehen war. Die Stickstoffdioxidbelastung ging durch die Corona-Maßnahmen um bis zu 30 Prozent zurück. Ebenfalls für Europa gibt es erste Effekte: Die Europäische Raumfahrtagentur Esa meldete für Norditalien ebenfalls einen NO2-Rückgang und veröffentlichte Aufnahmen. Für Dr. Johannes Schuler „positive Zeichen, an denen man sieht, wie sehr der Mensch permanent auf die Umwelt einwirkt. Lässt er das kurz sein, kann man besonders in den Städten beobachten, wie eine Welt mit weniger anthropogenen Emissionen aussehen würde“. Es ist jedoch ein Trugschluss zu denken, die Natur hätte sich dadurch gleich erholt. Was man hier kurzfristig wahrnimmt, sind lediglich akute Verbesserungen der Luft- und Lichtbelastungen.

Individuelle Wahrnehmung

Das Bewusstsein jedes Einzelnen, durch die Einschränkungen einen kleineren CO2-Fußabdruck zu produzieren, wächst. Das bestätigt auch der Experte: „Der persönliche CO2-Rucksack wird durch die festgelegten Ausgangs- und Reisesperren kleiner. Mittelfristig haben Menschen während einer Wirtschaftskrise weniger Geld zur Verfügung. Für die Bürger kann das existenzgefährdend sein. Es bedeutet aber auch, dass weniger für Emissionen durch Fliegen, Reisen oder Konsumieren ausgegeben werden kann“.

Die positiven Effekte kann nach kurzer Zeit jeder spüren. Großstädte in China und Europa berichten von besserer Luft, da die Stickstoffbelastung in innerstädtischen Bereichen durch ausbleibenden Straßenverkehr sinkt. Das Wasser in Venedigs Kanälen ist jetzt so klar, dass man die Fische sieht. „Eigentlich kein umweltrelevanter Effekt, da durch den fehlenden Bootsverkehr der ausbleibenden Touristenmassen nur keine Sedimente mehr aufgewirbelt werden“, erklärt Dr. Schuler.

Natürlich ist die Menschheit nicht vom Erdboden verschluckt, sondern konsumiert jetzt von zuhause aus weiter. Aber „selbst wer den ganzen Tag zuhause bleibt, das Licht anlässt, heizt, streamt und sich Waren nach Hause liefern lässt, wird den insgesamt positiven Effekt der Coronakrise für das Klima vermutlich nicht zunichtemachen. Die Einsparungen durch weniger Mobilität, Urlaubsreisen und geschlossene Arbeitsstätten die nicht geheizt werden, sind enorm“, klärt Dr. Schuler auf.

Schadstoffe bleiben in der Umwelt

Das klingt alles sehr positiv. „Das heißt aber nicht, dass sich die gesamte Umwelt auch schnell wieder erholt. Die veränderten Umwelteinwirkungen für ein paar Wochen bedeuten nicht, dass Schadstoffe nicht mehr da sind. Die sind immer noch in den Böden und Gewässern, die Treibhausgase sind immer noch in der Luft. Nur die akute Luftverschmutzung, etwa durch Feinstaub und Stickstoffdioxid, lässt nach“, stellt Dr. Schuler klar.

Langfristige Effekte

Deswegen ist es so wichtig, die langfristigen Auswirkungen auf die Umwelt nicht aus den Augen zu verlieren. Da man noch keine seriösen Prognosen erstellen kann, ziehen Wissenschaftler historische Daten heran. „Das SARS-CoV2 Virus ist geschichtlich einmalig. So werden es auch seine Auswirkungen sein. Jedoch kann man anhand historischer Vergleiche, die Bedeutung einer Pandemie für die Umwelt prognostizieren“. Die Vergangenheit zeigt, dass es nach jeder Krise Rebound-Effekte gab, erklärt Dr. Schuler weiter: „In Bezug auf Emissionen gab es nach der Weltwirtschaftskrise 2008 einen kleinen Knick in der CO2-Bilanz im Folgejahr. Doch bereits 2010 stiegen die Emissionen auf das damalige Allzeithoch von 9,1 Milliarden Tonnen. Die Krise hat den weltweiten Trend der steigenden CO2-Emissionen und der damit einhergehenden Erderwärmung überhaupt nicht aufgehalten. Den Effekt sieht man auch in anderen Krisen. Nach der Großen Depression 1929 und dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden die Einbrüche über die Folgejahre aufgeholt“.

Politische Prioritäten

Langfristig helfen, wie auch schon vor der Corona-Krise, nur individuelle Verhaltensänderungen und politische Maßnahmen um die Umwelt zu schützen und die Klimakrise zu bewältigen. Hier dürfen sich die Prioritäten nicht verschieben, warnen Experten. „Umwelt- und Klimaschutz werden im Angesicht einer Rezession schnell zum Luxusproblem. Es fehlt an Geld für nötige Investitionen der Wirtschaft zur Energieeffizienz, der lahmenden Wirtschaft sollen keine zusätzlichen Auflagen gemacht werden, Förderungen umweltfreundlicher Technologien werden ausgesetzt, weil auch dem Staat das Geld fehlt. Die Bereitschaft der Gesellschaft für den Klimaschutz aktiv zu werden sinkt, weil sie existentiellere Probleme hat. Eine Studie aus Finnland nach der Weltwirtschaftskrise im Jahr 2008 zeigt: In den fünf Jahren danach wurde der umweltpolitische Prozess stark abgeschwächt und verlangsamt. Auch auf Ebene  der UN-Klimakonferenzen ist kaum noch etwas passiert. Diese Effekte - Vernachlässigung von Einsparzielen und Maßnahmen, Kürzungen der umwelt- und klimarelevanten Budgets - werden wir vermutlich auch nach der Corona-Krise erleben“. Bereits wenige Wochen nach Beginn der Corona-Pandemie warnt die internationale Energiebehörde IEA davor, die Investitionen für saubere Energieträger nicht zu kürzen. Tschechiens Premier fordert schon jetzt von der EU den Green Deal zu vergessen. Je länger die Pandemie und die damit verbundene Wirtschaftskrise anhält, umso stärker wird der Druck, klima- und umweltrelevante Bestrebungen zu unterlassen.

Coronavirus: Chancen für die Umwelt

Inwieweit sich die Gesellschaften während und nach der Corona-Pandemie verändern, ist spekulativ. Für Dr. Schuler besteht dennoch eine Chance auf Veränderung: „ Vermutlich bleibt ein positiver Trend zum Homeoffice und zu Videokonferenzen. Um routinierte Verhaltensweisen zu ändern, braucht man ein Momentum wie die Corona-Krise, das die Menschen zum Umdenken zwingt. Homeoffice und Videokonferenzen sind fast obligatorisch. Arbeitgeber schaffen jetzt die nötige Infrastruktur und Arbeitnehmer lernen die Tools zu nutzen. Bedarf und Bereitschaft werden auch nach der Pandemie höher sein“, so der Konsumentenpsychologe. Wenn die Fahrt zum Arbeitsplatz entfällt, tun es auch die Emissionen.

Noch eine zweite Chance sieht Dr. Schuler: „Möglicherweise gibt es positive Synergieeffekte für den Kampf gegen den Klimawandel. Die Erfahrung des gesellschaftlichen Zusammenhalts im Kampf gegen den Virus über die nationalen Grenzen hinaus, könnte dazu führen, dass auch der Klimawandel als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden wird. Natürlich ist es aber noch viel zu früh um diese Dynamik abzuschätzen.“

 

Medizin

Als „Händewaschen“ einen medizinischen Skandal auslöste

Heutzutage weiß jeder, dass eine gründliche Händehygiene Infektionen vorbeugen kann. In den 1840ern kostete dieser Rat einen Arzt seine Karriere.

Typhoid Marys Tragödie: Ein Krankheitsverbreiter auf der Flucht

Anfang des 20. Jahrhunderts kam es in New York zu zwei Typhusausbrüchen. Ein Hygienedetektiv fand schließlich die Ursache: die symptomfreie Köchin Mary Mallon.

Die schnelle, tödliche Geschichte der Spanischen Grippe

Vor einhundert Jahren infizierte ein Virus ein Drittel der Weltbevölkerung. Die Pandemie tötete allein im Oktober 1918 195.000 Amerikaner.
Wei­ter­le­sen