Eine Oase in der Wüste: So funktionieren Saharagärten

Datteln, Obst und Zitrusfrüchte können auch in der Wüste gedeihen. Ein Bayreuther Wissenschaftler plant im Tschad traditionelle Saharagärten – in einer der isoliertesten Regionen der Erde. Was treibt ihn an?

Veröffentlicht am 11. März 2021, 13:05 MEZ
Tibesti-Gebirge: Tal von Dobohor

Wie in anderen Tälern des Tibesti fand unter anderem im Tal von Dobohor im Westtibesti der heute weitgehend vergessene Gartenbau statt. Auch hier sollen Mustergärten eingerichtet werden. 

Bild Tilman Musch

Mit zerklüfteten Vulkanlandschaften steigt das Tibesti-Gebirge im Norden des Tschadbeckens in Stufen auf und reicht bis ins heutige Libyen hinein. Dreimal so groß wie die Schweiz, über mehrere Breiten- und Längengrade hinweg erstreckt sich das Gebirge, das zu den isoliertesten Regionen der Erde gehört. Mit wenigen Millimetern Niederschlag pro Jahr scheint das Tibesti, das mit seinen tiefen Kratern an vielen Stellen einer Mondlandschaft gleicht, denkbar unwirtlich.

Und doch sollen hier an ausgewählten Stellen fruchtbare Gärten entstehen, wenn es nach Dr. Tilman Musch geht. Der Ethnologe von der Universität Bayreuth leitet seit Anfang 2021 ein Projekt zum nachhaltigen Landbau im höchsten Gebirge der Sahara. In Kooperation mit dem tschadischen Forschungszentrum „Centre National de Recherche pour le Développement“ (CNRD) und einem lokalen Wahlkreis-Abgeordneten in der Nationalversammlung sowie dank Förderung der deutschen Gerda Henkel Stiftung sollen in den kommenden zwei Jahren 25 Mustergärten von jeweils 500 Quadratmetern Fläche entstehen – im traditionellen Stockwerksanbau, den es teilweise heute noch in Oasen der Sahara gibt.

Auf drei Etagen sollen, so die Pläne des Projekts, Obst, Gemüse und Kräuter angebaut werden. Die oberen Pflanzenstockwerke, z.B. in Form von Dattelpalmen, liefern dabei nicht nur Früchte, Holz und Fasern, sondern spenden auch Schatten für die unterhalb wachsenden Pflanzen. Der gemischte Anbau in Stockwerken, deren Pflanzen unterschiedlich viel Nährstoffe, Wasser und Licht benötigen, macht dabei eine optimale Abstimmung möglich. Und dennoch: eine fruchtbare Oase in öden Vulkanlandschaften – wie soll das gehen? Im Gespräch kurz vor seiner Abreise in den Tschad erzählte uns Dr. Tilman Musch von seinen Beweggründen – und auf welche Expertise er keinesfalls verzichten will.

Welches Ziel verfolgen Sie mit Ihrem außergewöhnlichen Gartenbauprojekt?

Mein besonderes Interesse als Ethnologe gilt Nomaden oder mobilen Gruppen im Allgemeinen. In der Zentralsahara arbeite ich seit 2014 vor allem bei den Tubu Teda, im Tibesti habe ich im Rahmen eines Forschungsstipendiums von 2018 bis 2020 das traditionelle Recht der Teda untersucht. Darauf folgt nun das Saharagärten-Projekt. Ziel ist die Einrichtung von ungefähr 25 Mustergärten im traditionellen Stockwerksanbau, die nachhaltig und mit innovativer Technik wirtschaften werden. Sehr wichtig ist für uns dabei der Einbezug lokalen Wissens und die individuelle Anpassung jeden Gartens an die unterschiedlichen Umweltbedingungen.

Südlich von Bardai rastet ein Einwohner des Tibesti inmitten von Sandsteinfelsen. Im Hintergrund die an vielen Orten das Landschaftsbild prägenden Vulkanite.

Bild Tilman Musch

Was und wen werden Sie antreffen, wenn Sie dort ankommen – und was sind die ersten Schritte?

Zuerst einmal werden wir auf viel potentielles Gartenland in den Gebirgswadis treffen, auch auf aufgegebene Gärten. Und natürlich auf viele Menschen, die sich wünschen, dass die im Tibesti an vielen Orten vergessene Oasenwirtschaft einen Neuanfang erlebt. In einer Anfangsphase werden wir Gespräche mit möglichen Teilnehmern führen, das Gartenland auswählen und Brunnen bohren. In der zweiten Hälfte werden wir die Gärten bepflanzen und deren spätere Besitzer für ihre dortige Arbeit fortbilden. Dabei greifen wir auf lokales Wissen von Gärtnern aus anderen Regionen der Zentralsahara zurück. Schon 2022 sollen die Gärtner selbständig in ihren Gärten arbeiten. Wir werden in diesem zweiten Jahr weiterhin beratend zur Verfügung stehen und auch Fortbildungen organisieren. So werden wir während mindestens einer vollen Saison die Gärtner bei ihrer selbständigen Arbeit begleiten können.

Galerie: 14 Impressionen von Abenteuern in der Wüste

Was fasziniert Sie aus ethnologischer Perspektive an der Zentralsahara?

Der Tschad ist ein sehr vielfältiges Land mit einer offenen und gastfreundlichen Bevölkerung. Auf solche Menschen trifft man überall in der Zentralsahara. Vielleicht haben die Kargheit saharanischer Landschaften und die Beschwerlichkeit der Wüstenreisen über die Jahrhunderte dazu geführt, dass Gastfreundschaft zu einem besonders wertvollen Gut wurde, das man Reisenden zuteil werden lässt. Besonderes wissenschaftliches Interesse verdient die Zentralsahara deshalb, weil sich hier Lebewesen auf die Bedingungen einer hyperariden Wüste eingestellt haben und mit diesen zurechtkommen. Mein wissenschaftliches Interesse für die Zentralsahara geht über die ethnologische Perspektive weit hinaus: Die Zentralsahara, wie sie sich uns heute darstellt, trocknete über Jahrtausende aus, und wenn man genau hinsieht, erzählt fast jeder Ort mit seinen Lebewesen die Geschichte dieses Umweltwandels und seine Anpassung daran. So eine Geschichte kann nur interdisziplinär verstanden werden.

Inwiefern eignet sich ausgerechnet das Tibesti-Gebirge für die Einrichtung von Saharagärten?

Im Tibesti-Gebirge konnten sich über die Jahrtausende der Sahara-Austrocknung Lebewesen aller Art vor den sich wandelnden Umweltbedingungen zurückziehen. Es bot den dort lebenden Bevölkerungsgruppen natürliche Ressourcen, vor allem in seinen Gebirgswadis. Auch Gartenbau fand hier einmal statt. Dieser ist nun aber, bedingt durch Kriegsereignisse und Abwanderung, vielerorts in Vergessenheit geraten. Viele Lebensmittel werden inzwischen aus oder über Libyen importiert. Dennoch besinnen sich die Menschen vor Ort immer mehr auf den eigentlichen Reichtum des Tibesti zurück. Hier wollen wir mit unseren Gärten ansetzen, die wir als Modell verstehen, das auch in anderen Regionen weiterverbreitet werden kann.

Landschaft bei Zoui mit Dattelpalmen und Akazien – im Hintergrund der Vulkanit Tougoundjou.

Bild Tilman Musch

Kleines Wüsten-ABC

  • Oase: ein Vegetationsfleck in der Wüste, der an einer Quelle, einem Brunnen oder in einem Wadi liegt.
  • Wadi: ein Tal oder Flusslauf, der häufig erst nach starken oder längeren Regenfällen vorübergehend Wasser führt.
  • Arid: Aride (= trocken, dürr) Regionen sind durch einen starken Mangel an verfügbarem Wasser gekennzeichnet. Wachstum und Entwicklung von Pflanzen- und Tierleben sind nur zum Teil möglich oder sogar unmöglich. 
  • Große Grüne Mauer: Unter dem Stichwort „Great Green Wall“ will eine Initiative aus 21 afrikanischen Staaten bis 2030 einen 100 Megahektar großen Streifen Land von der West- bis zur Ostküste Afrikas bepflanzen und wieder landwirtschaftlich nutzbar machen.

 

Wodurch zeichnen sich traditionelle Saharagärten aus?

Mit den Saharagärten wollen wir nachhaltigen Gartenbau fördern. Bei unserem Projekt richten wir in den Gebirgswadis kleinere Familiengärten von etwa 500 Quadratmetern als Mustergärten im Stockwerksanbau ein. Die unterschiedlichen „Stockwerke“ haben unterschiedliche und oft komplementäre Bedürfnisse an Licht, Nährstoffen und Wasser. Unsere Saharagärten sind damit dem jetzt wieder aktuellen Konzept des „Waldgartens“ sehr nahe. Das Wasser fördern wir aus offenen Brunnen mit Solarpumpen, die von einer oberflächennahen Grundwasserschicht gespeist werden.

Auf welche besonderen Herausforderungen könnten Sie dabei treffen?

Beim Garten- und Ackerbau in der Zentralsahara ist natürlich das Wasser eine besondere Herausforderung. Dabei geht es nicht nur um dessen Förderung, sondern auch darum, eine rasche Versalzung des Oberbodens durch zu starkes Wässern zu vermeiden: Grundwasser enthält immer Salze. Wenn nun stark gewässert wird und die Verdunstung groß ist, kristallisieren die Salze in der oberen Bodenschicht aus, und der Boden wird unfruchtbar. Mit sparsamer Tröpfchenbewässerung lässt sich dieser Prozess verlangsamen. Dazu kommen teils traditionelle Methoden wie zum Beispiel das kurzzeitige Fluten von Gärten zu Regenzeiten, das die Salze wieder auswaschen kann. Bei Starkregen muss zudem der Erosion des Bodenfeinmaterials vorgebeugt werden. Dazu gibt es lokale Praktiken, wie zum Beispiel das Errichten von zeitweiligen Sand- oder Gestrüppdämmen, die die Fluten aufstauen und abbremsen.

Welches moderne Equipment werden Sie zu Hilfe nehmen?

Die technisch innovative Seite unserer Ausrüstung sind solargestützte Tauchpumpen zur Förderung von Grundwasser sowie Tröpfchenbewässerungssysteme, die leicht zu installieren und zu unterhalten sind. Diese Systeme müssen mit der durch eine höhergestellte Zisterne erzeugten Schwerkraft auskommen, die das Wasser durch die Schläuche zu den Pflanzen bringt, ohne dass zusätzlich Pumpen eingesetzt werden. Solch „modernes“ Equipment ist aber nur die eine Seite dessen, was wir als nachhaltig und innovativ betrachten. Besonders zur Vorbeugung von Versalzung und Erosion kommen traditionelle Methoden mit ins Spiel, wie zum Beispiel die bereits erwähnten Sand- oder Gestrüppdämme oder auch der traditionelle Stockwerksanbau. Er trägt auch trägt zu einer besseren Durchwurzelung der Böden bei. Das traditionelle Wissen, das in Saharagärten angewandt wurde und wird, wollen wir uns zunutze machen, indem wir zur Einrichtung der Saharagärten Gärtner aus anderen Regionen der Zentralsahara einladen. Keine globalen Experten, sondern erfolgreiche Gärtner, die unter ähnlichen Bedingungen arbeiten. Dieser Bottom-up-Ansatz ist ein wichtiges Element unseres Projekts.

Dr. Tilman Musch hat sich als Ethnologe auf die Ethnologie der Zentralsahara spezialisiert. Von 2018 bis 2020 forschte er zum Gewohnheitsrecht der Tubu Teda, eine Bevölkerungsgruppe, die das Tibestigebirge besiedelt.

Bild privat

Die Gerda Henkel Stiftung fördert das Projekt für zwei Jahre - was wollen Sie in dieser Zeitspanne geschafft haben?

Wir wollen, dass die Gärten bis dahin eingerichtet sind und durch die Gärtner vor Ort eine Saison lang bewirtschaftet wurden. Die Herausforderung für die folgenden Jahre wird sein, dass wir alle, vor allem aber die lokale Bevölkerung, die Entwicklung der Nutzpflanzen und der Pflanzengemeinschaften, sowie andere Parameter wie den Grad von Versalzung und Erosion im Auge behalten und unsere Schlüsse daraus ziehen. Einiges können wir anhand unter ähnlichen Umweltbedingungen gemachten Erfahrungen vorhersagen, vieles aber wird erst nach Jahren des Ausprobierens sichtbar werden. Das ist die eigentliche Herausforderung unseres Projekts: Anhand der Mustergärten sollen die Menschen vor Ort Anreize bekommen, selbst zu experimentieren und den ihrer Umwelt angepassten Gartenbau weiter zu entwerfen. Damit wird das Projekt eine Art lokaler Beitrag zu den auf globaler Ebene initiierten Bemühungen zur „Großen Grünen Mauer“, die die Ausdehnung der Sahara aufhalten soll. Bei solchen Bemühungen, auf Umweltwandel zu reagieren, sind lokale Initiativen von großer Bedeutung, da sie die Menschen vor Ort zu eigenverantwortlich handelnden Akteuren machen.

Was treibt Sie an?

Es ist wohl ein Gemeinplatz zu sagen, dass uns Wissen erlaubt, die Welt besser zu verstehen. Und dennoch - wenn wir diese Aussage auf die Zentralsahara und die aktuelle Diskussion um den Klimawandel beziehen, so könnte man diesen Gemeinplatz konkreter ausführen: Die weitere Erforschung der Zentralsahara, die über Jahrtausende einen Klimawandel von der grünen Savanne hin zur hyperariden Wüste erlebte, kann es uns erlauben, aktuelle globale Phänomene besser zu verstehen. Vor allem in Bezug darauf, wie Lebewesen auf klimabedingten Umweltwandel reagieren. Meine Motivation für das Saharagärten-Projekt liegt besonders in der Tatsache begründet, dass es Wissenschaft mit ihrer konkreten Umsetzung in der lokalen Wirklichkeit verbindet. Mehr noch: Jeder zukünftige Saharagärtner kann hier zum Wissenschaftler werden, der seinen Garten durch eigenständiges Experimentieren über die Jahre hinweg immer mehr perfektioniert.

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